ausstellung

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BACH 2000

Claus Bach, Weimar. Fotografie.
12.5. bis 24.6.2001.
Eröffnung am Freitag, 11.5.2001, 20 Uhr. Einführung: Dr. Stefan Hornbostel, Jena.

Dienstag bis Sonntag von 12 bis 18 Uhr geöffnet.
Führungen jeden Sonntag 15 Uhr.

Mit freundlicher Unterstützung der Stadt Weimar, des Thüringer Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst, der Stiftung Kulturfonds Berlin sowie den Firmen Reproplan, Weimar, City Color, Weimar, Schettler & Wittenberg, Weimar und Hensel Studiotechnik, Würzburg.

Claus Bach, Weimar: Thomasshop Leipzig, 28.9.2000 Fotografische Zeitzitate waren schon immer Bachs Weggefährten. Sein Spiel mit Manipulationsmechanismen und Klischees, mit Austauschbarkeit und Uniformität deckt die Künstlichkeiten unserer Lebensräume auf und schafft erfrischende Irritationen. Sein Projekt "BACH 2000" wird in Form einer Themenausstellung in seiner Gesamtheit in der ACC Galerie verbunden mit einer Publikation gezeigt.

Namensvettern

"1. Die Basis: Seit ich denken kann, bin ich natürlich bei Nennung meines Namens wie viele andere Bachs penetrant nach einer Verwandschaftsbeziehung zum weltberühmten Namensvetter befragt worden. Im Bachjahr 2000 kulminierte die Sache natürlich: Sein Todestag jährte sich zum 250zigsten male und ich lebe ausgerechnet in Thüringen, einer seiner wichtigsten Wirkungsstätten. Allein im Weimarer Telefonbuch finden sich schon zehn Bach-Einträge: Brit, Björn, Claus, Georg, Michael, Renate, Rolando, Roswita, Rüdiger und Walter. Dabei ist nachweislich der letzte lebende Enkel Johann Sebastian Bachs am 25. Dezember 1845 in Berlin gestorben und mit ihm die direkte männliche Linie seiner Nachkommenschaft erloschen - eine relativ leicht recherchierbare Tatsache (*).

Claus Bach, Weimar: Traukirche Dornheim 11.11.2000 2. Die Idee: Wie wir wissen, setzte sich erst knapp hundert Jahre nach Bachs Tod die überragende komplexe Substanz seiner Werke (insbesondere die Kunst der Fuge) durch und begründete seinen Weltruhm. Zu Lebzeiten galt er als sehr temperamentvoller, streitbarer Charakter. Er mußte ständig um Verständnis und um die Verbreitung seiner nicht immer leicht zugänglichen Kompositionen kämpfen und sich mit vielen "Strohköpfen", wie er sie oft nannte, auseinandersetzen. Ein Umstand, der sich heute - natürlich im übertragenen Sinne - wenig verändert hat: Am Beginn des neuen Jahrtausends existiert die Kluft zwischen medienwirksamer Massenkultur einerseits und "schwieriger" Hochkultur andererseits um so deutlicher. Meistens allerdings überspült von überbordendem globalen Massenkulturtourismus, besonders an Brennpunkten bestimmter Kunst- und Kulturevents wie etwa dem 1999er Kulturstadtjahr in Weimar oder der alle fünf Jahre stattfindenden documenta in Kassel. Längst ist das "Wie", die Form, um ein vielfaches wichtiger als das "Was", die Substanz, geworden - allen Aufklärungs- und Vermittlungsversuchen zum Trotz. Diesem immer währenden widersprüchlichen Phänomen habe ich in meinem Projekt auf etwas überhöhte Art nachgespürt.

3. Das Projekt: An die wichtigsten Wirkungsorten meines berühmten Namensvetters in Eisenach, Arnstadt, Weimar, Köthen und Leipzig habe ich mich als neuzeitlicher "Bachjahr-Kulturtourist" begeben und dort mit verschiedenen Bach-Souvenirs und ähnlichen Utensilien selbst fotografiert. Wichtig war, an diesem Beispiel den Gegensatz zwischen originär gewachsener kultureller Substanz und heutiger lachser Event-Kultur spürbar zu machen und sich daran zu reiben." (Claus Bach)

(*) Quelle: "Wenn Bach Tagebuch geführt hätte...", Hammerschlag-Brodsky, Corvina-Verlag Budapest 1965

Auszüge aus der Laudatio zur Eröffnung, gehalten von Dr. Stefan Hornbostel, Jena:

"Schall und Rauch", so belehrt uns Doktor Faustus, seien die Namen. Der alte Meister wusste es natürlich besser: Namen seien wie ein "passendes Kleid", an dem man "nicht schaben und schinden darf", wenn man nicht tiefe Verletzungen riskieren will. (...) Aber was hat das zu tun mit dem Künstler Claus Bach? Wenn man Claus Bach heißt, in Weimar wohnt und die Zelebration des Bach Jahres miterlebt, dann sollte die Antwort eigentlich auf der Hand liegen. Da gibt es den einen, den Johann Sebastian und es gibt den anderen, den Claus Bach. Dem letzteren hat es keine Ruhe gelassen, dass sein Name auf den anderen verweist. Er hat selbst recherchiert:10 Bachs stehen allein im Weimarer Telefonbuch, bundesweit stehen über 9.000 Bachs in den gelben Seiten. (...) Seit 1845 stiftet nur noch der Name Verwandschaft, nicht etwa die Gene. Schon Robert Schumann erhielt - als er 1836 vergeblich die Grabstätte Bachs auf dem Leipziger Friedhof suchte - vom Totengräber die lakonische Antwort "Bachs gibt's viele". Damit klingt auch schon das Grundmotiv der Ausstellung an. Es geht darum, wie die vielen mit dem Erbe des einen umgehen, oder - um es etwas plakativer zu formulieren - wie denn Hochkultur und zur Trivialisierung neigende Massenkultur zueinander stehen. (...) Aber auch das heutige Publikum zeigt Verhaltensweisen, die überhaupt nicht zu den kulturellen Erosionserscheinungen des Bildungsbürgertums passen. Man quetscht sich in der Osterzeit auf sonst leeren, harten Kirchenbänken, um die lutherische Wucht von "Gottes großem Strafhammer über sich zu spüren" - die Matthäus Passion nicht vor sauertöpfischem Abonnentenpublikum, sondern vor feierlich begeisterten Massen.

Genau an dieser Stelle fängt das Problem an. Hochkultur zeichnet sich dadurch aus, dass nur wenige die Voraussetzungen für den wahren Genuss mitbringen - das macht die Differenz zur Masse. Massenkultur hingegen zeichnet sich durch ihre Voraussetzungslosigkeit aus und durch ihre Neigung, dem Bewunderten durch allerlei Kitsch und Zierrat öffentlich zu huldigen. Die Gralshüter des Bachschen Erbes sind in tiefer Sorge: So beklagte der Direktor des Leipziger Bacharchivs jüngst, dass das ganze 20. Jahrhundert durch eine Instrumentalisierung des Bachschen Erbes gekennzeichnet sei, durch eine "totale Anpassung an ungeschriebene Gesetze des Marktes". Das bewirke "ein Absinken einstiger Hochkultur in unterschiedliche Bereiche von Subkulturen und lasse selbst Spitzenwerke des Kulturerbes zum Steinbruch für Materialwünsche verkommen". Nun gut der Direktor (Mann) heißt Schulze, das erklärt vielleicht die Vehemenz. Vielleicht war Herr Schulze aber auch einfach von den heftigen Auseinandersetzungen um das Bachsche Erbe überwältigt. Denn der in der gleichen Namensliga spielende Merchandising-Unternehmer Müller aus Gelsenkirchen hatte den Leipzigern arg zugesetzt, indem er sich kurzerhand den Bachschen Schriftzug als geschütze Marke hat eintragen lassen. Beim Geld hört bekanntlich die Freundschaft auf und fängt die Kultur an. Bach selbst konnte von der Unbill bürokratischer Kulturförderung ein Lied singen. Wie auch immer: Der SachsenSpiegel hat es auf den Punkt gebracht: "Bach gehört nicht einem allein". Und schon gar nicht dem fiesen Herrn Müller. Dank richterlicher Unterstützung dürfen nun alle jenem Bach, der es zu Lebzeiten ja nicht gerade leicht hatte, mit vielen Accessoires huldigen, die man z.B. im Thomas Shop in Leipzig erwerben kann.

Nicht dass Sie jetzt meinen, es gäbe Bach nun zu Dumpingpreisen. Nein, nein, es geht wie in der Liebe um die inneren Werte und nicht um den Mammon. Das T-Shirt mit dem umstrittenen Bach Schriftzug aus dem Thomasshop, erhalten Sie bei den Thomanern in den Größen M bis XXL zum Preis von DM 24,50, für Kinder etwas billiger, so dass Sie den Kleinen noch ein Base-Cap zum gleichen Preis spendieren können. Macht für die Grundausrüstung einer durchschnittlich Kernfamilie ca. 131 DM. Als echter Bildungsreisender werden sie allerdings an der Büste aus Bisquitporzellan und dem Bachbildnis im Mahagonirahmen kaum vorbei kommen (da sind dann noch einmal 152.- DM fällig). Einiges davon ist im Bach-Devotionalienschrein im ACC zu besichtigen. Claus Bach vollbringt das Kunststück als Bach in Bach hineinzuschlüpfen, ohne die Differenz zwischen den Bächen zu verwässern. Bach kommt mit allen Huldigungsdevotionalien und nähert sich dem Genius mit jenem liebevollen Respekt, den der Bildungstourist dem Objekt seiner Begierde entgegenzubringen pflegt. (...) Und Claus Bach nimmt seinen Bach auch mit ins Wasser. Nicht in irgendein Wasser, sondern in die von Hydrolautsprechern mit Bach durchschallte Sole der Toskana Therme.

Da sind wir dann angekommen im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit der Kunst. Und, kein Zweifel, Walter Benjamins Sorge um den Verlust der auratischen Qualität des Kunstwerkes treibt auch Claus Bach um. Aber seine Bilder zeigen zugleich, dass wir mit den Benjaminschen Kategorien nicht mehr recht weiter kommen, denn auf eigentümliche Weise verbinden sich in Bachs Bildern die Lächerlichkeit des ausstaffierten Bildungstouristen mit einem Grundton der Ernsthaftigkeit, der daran erinnert, dass die Rezeptionssphäre ein eigenes gestaltendes Element des Werkes ist. Es ist auch nicht das erstemal, dass Claus Bach sich der Thematik Hoch- und Massenkultur und dem zugehörigen Phänomen des Kulturtourismus widmet: Erinnert sei an das Projekt "Double", in dem er die Kulturhauptstadttouristen in Weimar aufs Korn nahm und natürlich an das wunderbare Videoprojekt "Stadtrundfahrt", in dem man Kultur sprichwörtlich von unten besichtigen konnte. (...) Claus Bach gestattet in dieser Ausstellung auch einen Blick in seine Werkstatt. Das ist für einen Fotografen sehr ungewöhnlich, denn Sie werden neben den ausgewählten Fotos jede Menge an Kontaktabzügen finden, mit danebengegangen Aufnahmen aber auch mit gelungenen und dennoch nicht ausgewählten.

Sie haben die seltene Chance, einen Fotografen bei der Arbeit zu beobachten.


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