ausstellung

6.europ. atelierprogramm Ausstellung:
Herzblut - Schriftbild

Ausstellung des 6. Europäischen Atelierprogramms der ACC Galerie und der Stadt Weimar Yelda Camci-Köhler (Deutschland/Türkei), Ian Joyce (Rep. Irland) und Renée Ridgway (Niederlande/USA)

3.3 bis 22.4.2001. Eröffnung am 2.3.2001, 20 Uhr, ACC Galerie.

Die Künstlerinnen und Künstler sind zur Eröffnung anwesend. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog. Ausgehend vom 100. Todestag Friedrich Nitzsches, der Weimar allein durch seine hier zusammengeführte Handschriftensammlung zum Mekka der Nietzscheforschung hat werden lassen, beschäftigten sich im vergangenen Jahr drei junge europäische Künstler vier Monate in Weimar mit dem Thema "Herzblut Schriftbild": Yelda Camci-Köhler, Ian Joyce und Renée Ridgway gingen Fragen nach wie: Kann man Nietzsche heute noch lesen? Was macht eine Persönlichkeit zu einer Persönlichkeit? Was bedeutet es, ein Archiv anzulegen? Können Erkenntnisse durch Schrift überhaupt vermittelt werden? Wird Schrift heute noch diskursiv oder eher als Bild gedeutet? Was ist ein Individuum? Was bedeutet authentisch sein? Was heißt ursprünglich? Welches Verhältnis geht das Original mit der Kopie ein? Und nicht zuletzt die platonische Frage: Gibt es nur das, was wir sehen?

Viel Philosphie? Philosophie zum Ansehen, Anhören und manchmal auch zum Anfassen!

"Fake is real"

oder: Herzblut im Zeitalter der Transfusionen "Nietzsche, dessen Todestag sich im Jahr 2000 zum hundertsten Mal jährte, und seine Handschriftensammlung, der Weimar seine Aufnahme in die Reihe der Wallfahrtsorte für Nietzsche-Forscher verdankt, bildeten den Ausgangspunkt für das Atelierprogramm "Herzblut-Schriftbild" 2001. In Weimar hat Nietzsche seine letzten elf Lebensjahre verbracht, in geistiger Umnachtung, wie es in den einschlägigen Biographien heißt. Zum Schreiben war er nicht mehr in der Lage, den schöpferischen Part übernahm seine Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche, die als gewandte Kulturmanagerin die Schriften des Bruders herausgab und aus den zu Lebzeiten unveröffentlichten Handschriften posthum einen "Willen zur Macht" kompilierte, den Nietzsche wohl kaum als den seinen erkannt hätte... Als Kulturmanagerin war sie sehr erfolgreich, Nietzsches Schwester Elisabeth - aber Erfolg hat mit Redlichkeit, Loyalität und Authentizität nichts zu tun. Elisabeth war tüchtig, auch und vor allem in der Lobby-Arbeit. Mit den VIPs des Dritten Reiches pflegte sie ausgezeichnete Kontakte und da sie die Nietzsche-Schriften unter Kontrolle hatte, konnte man dem Zeitgeist ohne weiteres einige Zugeständnisse machen. So hat man jahrzehntelang Nietzsche ausschließlich in der Lesart seiner Schwester gelesen. Erst die Italiener Colli und Montinari entdeckten, dass die Handschriften einen ganz anderen Nietzsche offenbarten. Aber die Rezeptionsgeschichte Nietzsches, seine Urbarmachung durch die Nazis, gehört nun auslöschlich zu seiner eigenen Geschichte: Wer kann heute schon Nietzsche vom Hintergrund der Fälschungen durch die Schwester gelöst lesen? Mit dem Maß des Erfolges gemessen, gebührt Elisabeth Förster-Nietzsche möglicherweise ein ähnlicher Ehrenplatz wie jüngst dem Autor des Bestsellers der siebziger Jahre, der Tagebücher Adolf Hitlers. Der geniale Produzent des Tagebuch -Fakes Friedrich Kujau wurde eingeladen, ein anderes großes Denkmal für Fake einzuweihen, die originalgetreue Kopie des Goetheschen Gartenhauses im Weimarer Ilmpark.

Renée Ridgway

Der Frage nach dem Verhältnis von Kopie zu Original, die in der Ausschreibung zum 6. Europäischen Atelierprogramm "Herzblut-Schriftbild" impliziert war, hat sich vor allem die amerikanisch-niederländische Künstlerin Renée Ridgway gewidmet. Bereits im Vorfeld zum Weimarer Aufenthalt hatte sie sich immer wieder mit Walter Benjamins Theorien zum Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit auseinander gesetzt. In Weimar produzierte Ridgway eine ganze Reihe von Konzeptkunstwerken zu diesem Thema: Natürlich zog die Idee des doppelten Gartenhauses Ridgways Interesse in besonderem Maße auf sich. Leider lagen die Bestandteile der Gartenhauskopie bereits wohlgeordnet auf Lager, als Ridgway in Weimar eintraf. Dem Wiesenstück, das vormals die Gartenhauskopie trug, war seine einjährige Bürde allerdings noch deutlich anzusehen. Jedes Originalkunstwerk zeichnet sich durch eine ganz besondere Aura aus, so die These. Ist das Fehlen der Aura auch bei einer perfekten Kopie zu spüren, lautete im Kulturstadtjahr eine der durch die Doppelung des Gartenhauses aufgeworfenen Frage. Ridgway fragte sich im Anschluss daran, ob die Kopie vielleicht gerade durch ihr Verschwinden einen neuen auratischen Raum erzeuge. Bernd Kauffmann, im Mai 2001 aus Weimar scheidender Präsident der Stiftung Weimarer Klassik, bot Hilfestellung, um der Frage auf den Grund zu gehen. Wenn uns allen mit etwas Glück im April 2001 eine Antwort erwächst, so wird sie mit Sicherheit ein Showwinner sein. Und sie soll den Namen Kauffmanns tragen. Nietzsches Todestag fiel in den Zeitraum von Ridgways Aufenthalt in Weimar: Da die Frage nach Authentizität eng mit der philosophischen Frage nach der Natur der Dinge und der Existenz einer hinter dem Wahrnehmbaren liegenden Ideenwelt verbunden ist, lagen Ridgway Nietzsches Arbeiten zur 'Hinterwelt' besonders nah. Die Lektüre Nietzsches, dessen Zweifel am Transzendenten, seine Diesseitsgläubigkeit, hatten sie bereits als Teenager zur Abkehr vom Quäkertum ihrer Familie veranlasst. Aber vor Zweifeln ist man niemals sicher: Ridgway bot sich die einmalige Gelegenheit, den Meister der Immanenz an seinem Hundertsten Todestage selbst zu befragen. Zu nächtlicher Stunde ließ sie sich mit 6 Mitstreitern im Nietzsche-Archiv einschließen. Man versuchte, den Jubilar zunächst durch ein Gespräch über die Wahrscheinlichkeit einer Welt hinter den Erscheinungen aus der Reserve zu locken. Wer des Meisters Antwort teilhaftig werden will, muss Ridgways Installation mit Video zu Diskussion und Seance aufmerksam betrachten: Nietzsche wird er in der Arbeit mit dem Titel 'Silberblick' mit Sicherheit in einer seiner vielen Erscheinungsformen antreffen... Die Handschrift als Identitätsbeweis ist heutzutage durch die Errungenschaften der Medizintechnik längst überholt, stellte Ridgway fest. Ein Blick in die menschliche Iris bezeugt nicht nur die Einzigartigkeit eines Individuums, er gewährt auch Einblick in akute Gesundheitsstörungen und Krankheitsdispositionen. Sich tief ins Auge blicken zu lassen, bedeutet also auch sich dem Betrachter auszuliefern. 'In einem Augenblick' taufte Ridgway ihre Abschiedsperformance von Weimar, zu der die Gäste in ihr "Behandlungszimmer" geladen wurden. Würden sich in Weimar, dessen Geschichte schon manches Unheil durch akribische Registrierungen erfahren hat, 50 auskunftswillige Probanden finden lassen? Ridgways Installation 'In einem Augenblick' verschafft Einblick - Aug' in Aug'.

Yelda Camci-Köhler

Yelda Camci-Köhlers Zugang zu Herzblut-Schriftbild bestand in dem Gedanken, eigene Spuren in Weimar zu hinterlassen. Der in Weimar an allen Ecken aufleuchtende Personenkult reizte Yelda zu zahlreichen ironischen Repliken. Der von der Statur her kleinen Person gelang es, sich auf verschiedene Weise wichtig zu machen: Sie posierte als Denkmalskopie und brachte sich fotografisch in den kommunalen Wahlkampf ein. Dem Weimarer Schilderwald, der für Besucher oder Einheimische, die in der lokalen Kulturgeschichte nicht überfest im Sattel sitzen, kaum zu durchdringen ist, fügte sie eigene Richtungshinweise hinzu. Wo Yelda von Januar bis April 2000 ihren Alltag bestritt, findet man nun Zeugnisse ihres Lebens im zeitgenössischen Schildformat, das den schnöden Nebensächlichkeiten Dauer verleiht. Den allenthalben im Nietzsche-Kultjahr erhältlichen Souvenirs in Form der Nietzsche-Büste oder den Nietzsche-Spruch-T-Shirts (Was uns nicht umbringt, macht uns stark) steht ein beträchtliches Vakuum an Wissen gegenüber, fand Yelda. Mit einem versteckten Aufnahmegerät ging sie der Frage nach, wo denn in Weimar die Nietzsche-Straße zu finden sei. (Es gibt in Weimar zwar eine Hermann-Abendroth- und eine Wilhelm-Külz-Straße aber dem Gedenken des großen Denkers ist keine Straße gewidmet.) Das Antwortenspektrum ist beträchtlich - und erheiternd. Also sprach Zarathustra - dieser gewichtige Satz schien der seit 6 Jahren in Berlin lebenden Türkin, die noch ein Gehör für die Untiefen der deutschen Sprache besitzt, doppeldeutig: Neben der deiktischen Funktion des Wortes "also" hörte Yelda auch das im Alltagsdeutsch häufig sinnentleerte Füllwort gewichtig tönen. 'Also', das leitet oft einen Satz ein, der eine wichtige Information erwarten lässt. Mit "also" wird man aber allzu oft enttäuscht. 'Also' in seinen unterschiedlichen Ausformungen wird bei Yelda, die ihre bildhauerische Ausbildung nicht verleugnen kann und will, raumfüllend und erweckt Erwartungen, die nur in ihm selbst erfüllt werden. Die Bildhauerin Yelda kommt auch in der Bearbeitung des Buches 'Also sprach Zarathustra' zu Wort: Yelda löschte mit weißer Farbe 'alles, was keine Substanz hat', also alle Verben, Präpositionen, Konjunktionen und Adjektive. Nur die Substantive blieben zurück. Der Akt des Löschens fügte dem Buch jedoch in Form der weißen Farbe noch Substanz hinzu und transformierte es in eine Plastik.

Ian Joyce

Den Iren Ian Joyce reizte an Herzblut- Schriftbild vor allem die Arbeit am Archiv. Joyce verfügt nämlich über eine umfangreiche Sammlung seiner eigenen Schriften: Schulhefte und Briefe, Vorlesungsmitschriften und eigene Prosa. Wertvolles Archivmaterial oder staubiger Ballast? Joyce war fest entschlossen, sein eigenes Archiv aufzuarbeiten: Das Schriftgut muss transformiert, in Bewegung gesetzt werden, um nicht zu erstarren. Unter dem Titel "Das Wort erstirbt schon in der Feder" zeigte Joyce im Goethe- und Schiller-Archiv einen alternativen Umgang mit Archiven auf. Seine Schriften bildeten, in vier 7 meterlangen Bahnen zusammengenäht und in der Mitte des Raumes aufgehängt einen kleinen Raum im Raum. Drinnen saßen Ians Archivare, die sich der mühsamen Arbeit das Aufzeichnens, Transkribierens und Deutens hingaben. Natürlich gehen beim Versuch, Ians Diktat eigener gälischer Texte aufzuschreiben, für den deutschen Hörer nicht nur einige Details sondern nahezu der Sinn des Ganzen verloren. Und wem gelingt es schon fehlerfrei zu rekonstruieren, was einer mit harter Feder, aber ohne Tinte schrieb? Die Aporien des Verstehens leuchteten in dieser Simulation der 'Stillen Post' überdeutlich auf. Und auch der Besucher der Performance wurde irritiert: Da sah man die Leute in der Schriftenkammer, da sah man einen Kameramann, da konnte man das Ganze auch noch einmal auf dem Bildschirm betrachten. Aber wie machte das der Kameramann, dass auf dem Bildschirm so ein seltsamer Blickwinkel erschien? Konnte er das mit eigenen Augen gesehen haben? Die Arbeit des 'Kameramanns' Arnd Schildbach wird in der Ausstellung ebenfalls zu sehen sein. Und dennoch, trotz aller Missverständnisse. Man produzierte neue ungeheure Mengen von Papier. Genug, um das Fenster, den Einblick in Ians Archiv zu schließen. Ins Labyrinth der Schrift führt uns Ian Joyce in einer Doppelrauminstallation. 44 Radierungen auf Japanpapier, alle von einer und derselben Kupferplatte gezogen und doch alle unterschiedlich, so will es scheinen. Wir werden hinein und hinaus geführt, und rekonstruieren immer neue Geschichten durch die immer neuen Kombinationen der semitransparenten Schriften. Joyce - durch pure Namensvetterschaft mit Irland größtem Schriftsteller verwandt - begab sich selbst auf die Spuren der Nietzsche -Schwester. Zunächst wurden Landschaftsaufnahmen und Weimarer Stadtansichten mit brauner Farbe 'verbessert', und dann wagte sich der Künstler auch an das Werk des großen Denkers: Ein Zusatzbonbon der Ausstellung sind die Schriftstücke 'Nietzsche - korrigiert von Mr. Joyce.'" (Dr. Julia Draganovic)

Renée Ridgway *1965 in Mountain Home, Idaho, USA. 1983-88 Rhode Island School of Design, USA. 1984-88 Brown University, Providence, USA. 1990-92 Gerrit Rietveld Academie, Amsterdam, The Netherlands. Ausstellungen in den USA, den Niederlanden und Deutschland.

Yelda Camci-Köhler *1971 in Izmir, Türkei. 1988-92 Studies ceramics at the Hacettepe University, Faculty Fine Arts, Ankara, Turkey. 1993-97 Master Studies at the Hacettepe University, Ankara, Turkey. 1995-96 Scholarship of the "Deutscher Akademischer Austauschdienst" (DAAD). 1995-98 Studies sculpture at the "Hochschule der Künste", Berlin. Ausstellungen in der Türkei, Deutschland und Italien.

Ian Joyce *1966 in Dublin, Ireland. 1982-85 B.A. English and Philosophy College Dublin, Ireland. Worked and studied part-time in West Berlin (Freie Universität and Hochschule der Künste). Ausstellungen in Irland, Schottland, England, Spanien, Ungarn, Japan, Finnland, Italien und Deutschland.


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