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Mata-Nataraya. Hippies, Hindus, Hahnenkämpfe.

Torsten Schlüter, Weimar / Berlin
"Mata-Nataraya. Hippies, Hindus, Hahnenkämpfe."
Malerei, Zeichnung, Pastell, Installation.
Ausstellung vom 9.9. bis 29.10.2000.
Eröffnung am Freitag, 8.9.2000, 20 Uhr, ACC Galerie.
Nach(t) der Eröffnung: Party. Sonnabend, 9.9.2000, 21 Uhr, e-werk weimar, Am Kirschberg 4

In diesem Zusammenhang dankt die ACC Galerie folgenden Institutionen und Unternehmen für ihre Unterstützung: allobjekt, Weimar, Architekten Dr. Casparius und Mestenhauser, Erfurt, architektengemeinschaft nitschke + donath, Weimar, Architekturbüro Angermann, Ebeleben, Autohaus Thalmann GmbH, Weimar, Gebrüder Hopf, Weimar, Härterei Reese, Weimar, Hiddenseer Projekt Gesellschaft mbH, Hiddensee, Keitz + Fischerdruck GmbH, Eschwege, Multiplan GmbH, Weimar, Siemens Information Systems Ltd., India, Stadt Weimar, Thüringer Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Weimardruck GmbH, Weimar.

"Im Zeitalter der Fotografie und der die sinnliche Wirklichkeit zersetzenden elektronischen Bildmedien, wodurch das gemalte Bild in eine fast aussichtslose und archaische Randposition abgedrängt wurde, gibt es aus einer verblüffenden Dennoch-Haltung, ob besonders weitsichtig, trotzig oder naiv, immer wieder Künstler, die die Malerei, jene Projektionsfläche ihrer Bilder, und das dazugehörige Handwerk mit allem Nachdruck behaupten. Einer von ihnen ist Torsten Schlüter aus Berlin, Weimar oder von der Insel Hiddensee, der mit seinen Reisen wie mit seinem Werk eine eigene kosmopolitische Existenzform wagt."

(Hans W. Schmidt, Direktor des Rheinischen Landesmuseums Bonn)

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Torsten Schlüter (*1959) studierte in Weimar Architektur und schloß 1986 mit dem Diplom ab, bevor er hier zwei Jahre danach den Schritt zum freischaffenden Künstler wagte. Er erhielt im Städtischen Atelierhaus den geeigneten Raum zum Arbeiten und erweiterte seine Ausstellungstätigkeit, die ihn auch mit dem ACC zusam- menbrachte. In der Walpurgisnacht 1992 wurde mit einem Fest sein Projekt HEXEN UND HEXEN eröffnet. Seine farbstarken und expressiven Malereien sind ähnlich oft auf Wanderschaft wie ihr Schöpfer selbst, der seine Vorliebe für die Kulturen der afrikanischen und asiatischen Kontinente entdeckt hat. Von dort brachte er Bilder und Ideen mit, die eine künstlerische Umsetzung auf der Leinwand, im Film, in Musik und Tanz erfuhren. Für Aufsehen sorgte der Künstler 1997 mit seinem multimedialen, von der Beschäftigung mit afrikanischen Traditionen kündenden Projekt "Tulipamwe" das nach Weimar und Berlin auf Einladung des ehemaligen französischen Kulturministers Jaques Lang in Blois zu sehen war.

grösser Seit 1995 verbrachte Schlüter jährlich mehrere Wochen auf dem Subkontinent, stets und ständig Skizzenbuch und Pastellstifte in der Hand. Die so vor Ort entstandenen "Rucksackpastelle" sind der größte Schatz, den er wieder mit nach Europa bringt, extrem lebendig und authentisch. Zurück in Deutschland bildeten diese Studien, Zeichnungen und Tagebuchnotizen den Ausgangspunkt für seine Leinwände. Im Atelier verarbeitete der Maler im zweiten Schritt mit Öl und Acryl die berauschenden Farbeindrücke seines Freiluftlaboratoriums, seine Erlebnisse auf Märkten und bei Hahnenkämpfen, die Zurückgezogenheit bei verwunschenen Tempeln im Dschungel von Hampi oder seine Begegnungen mit Einheimischen und Glücksuchenden aus der ganzen Welt, die sich im gemeinsamen Techno-Tanz am Strand von Goa treffen. Die dortige Party-Szene als Folge der Hippie-Kultur hat sich etabliert und unter anderem ihre Parallelen zur Love-Parade. Durch die Erfahrung mitzumachen, sich einzubringen in die Musik, den Tanz, die Gestaltung, erschlossen sich Schlüter Verbindungen zum Marktgeschehen einige hundert Meter nebenan, spürte er den Energien mit globaler Dimension nach, den archaischen und modernen Forme von Ritualen, religiösen und alltäglichen Ereignissen. Voller Sympathie und Bewunderung, mit Behutsamkeit und Interesse näherte sich der Künstler dieser einzigartigen Landschaft, ihren Bewohnern und Gästen.

Von November 2000 bis Februar 2001 wird ein Teil der Arbeiten im Rahmen der "Kunst im Krankenhaus - Aktion" im Sophien- und Hufeland-Klinikum Weimar zu sehen sein. Es ist außerdem vorgesehen, die Ausstellung 2001 mit Unterstützung des Goethe-Instituts in Madras oder Bombay zu zeigen.

Ein Rundgang durch die Ausstellung:

Barockdeckenraum Burgplatz 1 -Cocks-:

Die Hahnenkämpfe sind vor Ort auf den Inseln Bali und Kho Phangan entstanden. Die Linien, die die Bewegung der kämpfenden Vögel zeichnen, begleitet Torsten Schlüter mit schwarzer Kohle und roter Kreide auf Packpapier. Das Thema als Ritual bearbeitet Torsten Schlüter mit vehementer Lebendigkeit wohl als erster westlicher Künstler so direkt und ausschließlich.

Großer Raum Burgplatz 1 -Indien-:

Die in Indien entstandenen Skizzen und deren Umsetzung in ihrem Wechselspiel beherrschen diesen Raum. So zeigt sich der direkte Bezug von Zeichnung und Malerei am authentischsten. Bei den Umsetzungen in bester Tradition klassischer Malerei wird die Skizze zum Modell, genau wie die "Rucksackpastelle" in Indien mit Modell entstanden sind. Dem Betrachter begegnen Landschafts- und Alltagsszenen in wundervoll intensiver Farbigkeit und spannender Formensprache.

Erster Raum rechts Burgplatz 2 -Bajiman-:

Der Bajiman, der "Teemann", der sich seine einfache Mahlzeit irgendwo am Straßenrand im Staub einer indischen Stadt zubereitet, gehört zum Alltag des dortigen Lebens. In der Verbindung und Eintracht seiner Figur mit seiner Umgebung - dem angedeuteten Fahrrad, dem wesentlichen Verkehrsmittel, der auf Abfälle spekulierenden Krähe und dem geduldig wartenden Hund - jedoch zeigt sich eine überraschende Intaktheit der Situation. Man kann den Zustand auch auf spirituelle Weise für intakt halten. Das Gerüst im Hintergrund, vielleicht eine einfache Zeltkonstruktion, verleiht der Szene etwas Nomadenhaftes. Trotz seiner augenscheinlichen Armut und seines gebeugten Rückens tritt der Bajiman nicht mitleiderheischend oder bettelnd auf.

Zweiter Raum rechts Burgplatz 2 -Blue Buffalo-:

Wie all die kleinformatigen Arbeiten der Ausstellung sind auch diese, abwechslungsreich im Raum verstreuten, Pastelle ausnahmslos "live" vor Ort in Indien im unmittelbaren Gegenüber mit dem Motiv entstanden. Torsten Schlüter folgt den "Toddy Tappers" mit dem Stift in die Palmengipfel hinauf. Er begleitet die Feldarbeiterinnen, wenn sie Käfern gleich durch die Reisfelder waten. Die Gruppe der Wasserbüffel ist als äußerst sparsame Wahrnehmung des Augenblicks gleichnishaft in majestätische Haltungen umgesetzt. Die Variationen des "Rasta-John" verbinden Elemente des indischen Saddhu-Kultes ("heilige" Männer, die dem irdischen Überfluß entsagt haben) mit der Lebensweise der Hippies, die sich gezielt seit einigen Jahren an bestimmten Plätzen Indiens treffen.

Veranstaltungsraum -Mata-Nataraya-:

Das Bild "Mata-Nataraya" beherrscht den Raum: ein virtuos gebautes, tanzendes Grün, vor dem zwei Masken schweben. Einem außerirdischen Dirigentenpaar gleich, steigern sie sich ins Monumentale, psychedelisch und verschmitzt zugleich. Doch zuvor zieht "Yakshi" den Besucher förmlich in den Raum und in die Szene hinein. Mit wildem Schwung und kühnen Pinselstrich, den man von Torsten Schlüters Aquarellen kennt, ist eine Figurengruppe erstanden, die wie eine Zusammenfassung des indischen traditionellen Lebens wirkt. Zwischen den beiden großen Hauptwerken finden sich weitere Pastelle, die das Thema "Markt" behandeln, darunter besonders Skizzen, die als Material bei der Umsetzung zu großformatigen Tafelbildern im Atelier Verwendung gefunden haben. Kleiner Raum vor dem Brunnenzimmer -Sonjali-: Sonjali - ein indisches Mädchen inmitten des Marktgetümmels - zeichnet Torsten Schlüter in sparsamsten Linien. Er läßt der Figur, die in ihrer Reinheit und Verletzbarkeit etwas Madonnenhaftes besitzt, den gebührlichen Raum, befreit sie von allem Unwesentlichen.

Großer Flurraum Burgplatz 2 -Brunnenfrauen-:

Die Bhistis, die indischen Wasserträger und Brunnenfrauen, sind eines der figürlichen Hauptmotive Torsten Schlüters. Diesen Arbeiten liegen immer wiederkehrende, stundenlange Beobachtungen der Wasserstellen zu Grunde, die dann in Blitzesschnelle parallel zum Vorgang der plötzlichen, ruckartigen Seilbewegungen am Brunnen in gleichnishaften Zeichnungen gipfeln. Dies ist gerade bei glühender Hitze und umgeben von Insektenschwärmen ein "Liveact" von ungeheurer Konzentration und höchster innerer Anspannung. Die alltägliche, lebensnotwendige Tätigkeit der Modelle wird erhöht zum Logo, entwickelt sich zum Wahrzeichen fremder Kultur und Lebensweise.

Raum vor dem Tunnel Burgplatz 2 -Biker-:

"Moksha" - eine Ansammlung von Motorrädern dominiert den Raum. Endlos reihen sich die Maschinen auf dem Acker aneinander. Im Hintergrund tobt rot die Goa-Party, blau tangiert durch das Chill-Out-Areal, ein von indischen Teefrauen (Chaimamas) beherrschtes Gebiet, in dem die ermüdeten Tänzerinnen und Tänzer Ruhe und Verköstigung finden. Dieses Bild korrespondiert mit "Psychedelic Jungle (Der Tanz des Warans)", das ein paar Schritte davor den Hauptflur der Galerie beherrscht - ein faszinierender Ausschnitt aus der Scenerie eines Trance-Festes. Äußerst lebendige Stadtpastelle und Zeichnungen flankieren die großen Tafelbilder, zu denen auch "Yellow Nandi" gehört. Hier taucht man tiefer in die Atmosphäre der Goa-Party ein, wird magnetisiert von der mikrokosmischen Sprache, der grellen, aufreizenden Farbigkeit und Sinnlichkeit.

(Texte von Gunnar T. Kersten)

Info: Die ARD zeigt in ihrem Samstagsmagazin "Ratgeber Reisen" (Erstausstrahlung 2.9.2000, 17.03 Uhr, ARD) einen Beitrag über die Insel Hiddensee. Ein Fernsehteam begleitet den Maler Torsten Schlüter während eines Inselaufenthaltes. Der Film zeigt mit den Augen eines Künstlers Teile des "Söten Länekens".

weitere Informationen: Andrea Dietrich, ACC Galerie, Tel. 03643/851261, Fax 851263, 0172/9091129