ausstellung

Our Chinese Friends

Die Ausstellung mit 16 zeitgenössischen chinesischen Künstlern zeigt auf 600 qm ca. 100 Beispiele der aktuellen chinesischen Multimedia- und Konzeptkunst, der Malerei und der Fotografie sowie der Video-, Performance- und Objektkunst.

Ausstellungsorte: Galerie neudeli (Hauptpost Weimar, Eingang Schwanseestraße) und ACC Galerie Weimar. Eröffnung beider Ausstellungen am Mittwoch, 28.6.2000: 20 Uhr Galerie neudeli, 21 Uhr ACC Galerie.

Vom 29.6. bis 27.8.2000. Die Ausstellung in beiden Galerien ist täglich von 12 bis 18 Uhr geöffnet. Führungen jeden Sonntag 15 Uhr ab ACC Galerie. Eintritt frei!

Die Ausstellung ist eine Koproduktion der ACC Galerie Weimar mit der Galerie neudeli und der Europäischen Sommerakademie der Bauhaus-Universität Weimar und entstand in Zusammenarbeit mit der Luzerner Galerie Urs Meile sowie mit Unterstützung der Berliner Asian Fine Arts/Prüss & Ochs Gallery, der Kunsthalle Bern, der Sammlung Rita und Uli Sigg und des Thüringer Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst.

Ausstellungsplakat: (10 DM) das Motiv von Chang Xugong zeigt das dreifache Portrait eines Star-Talkmasters.

Katalog: (132 Seiten, Festeinband, 100 meist farbige Abbildungen, 38 DM, Verlag der Bauhaus-Universität Weimar) der Katalog enthält ein vierseitiges Special zu jedem Künstler sowie Texte von Dr. Uli Sigg (Sammler, Luzern), Prof. Karl Schawelka (Kunsttheoretiker, Weimar) und ein Interview mit David Mannstein und Frank Motz.

Die Eröffnung der Ausstellung am 28.6.2000 schließt sich an den Beginn wichtiger europäischer Kunst- und Kulturereignisse an: der Architekturbiennale in Venedig (Beginn 15.6.2000), der manifesta in Ljubljana (Beginn 23.6.2000), der wichtigsten internationalen Kunstmesse Art Basel (21.6. bis 26.6.2000) und der 3. Kunstbiennale in Lyon (Beginn 27.6.2000). Nicht zuletzt durch das zeitgleich stattfindende Weimarer Kunstfest (14.6. bis 16.7.2000, Motto: "Das Ganze als Rest") erhoffen sich die Veranstalter viele Besucher.

Das erste Gemeinschaftsprojekt von ACC und neudeli ist zugleich die 10. Sommerausstellung des ACC und ein Teil des Kulturprogramms der Sommerakademie der Bauhaus-Universität Weimar und der Stadt Weimar. Die Ausstellung ist das Resultat verschiedener Reisen der Ausstellungsmacher David Mannstein und Frank Motz sowie profunder Galeristen, Kenner und Sammler zeitgenössischer chinesischer Kunst. Einige Leihgaben stellte der frühere eidgenössische Botschafter in Peking, Dr. Uli Sigg, zur Verfügung. Bei der Erarbeitung und Ausstattung der Ausstellung hat im wesentlichen die Luzerner Galerie Urs Meile mitgewirkt. Ein Teil der Werke kommt durch die Vermittlung von Urs Meile direkt aus den Ateliers nach Weimar.

Die Eröffnung krönt eine Fotoperformance von Ma Liuming (31, Peking) in der ACC Galerie. Nackt nimmt er vor einem riesigen Spiegel gegenüber den Schaulustigen regungslos auf einer Bank platz und setzt sich den Reaktionen des Publikums aus. Das "Zusammenspiel" mit den Besuchern wird in 36 Aufnahmen festgehalten und gemeinsam mit den Fotobahnen früherer Aktionen als großer Fotofries präsentiert.

untitled
Eine Gruppe von 24 mannshohen, acrylbemalten Polyesterfiguren wird im neudeli gezeigt. Sie sind nach seinem Selbstbildnis von Yue Minjun (37, Peking) gefertigt. Im selben Raum wird erstmals ein 7 m langes "weißes" Landschaftspanorama des zu Maos Zeiten nach Südchina zwangsumgesiedelten Qiu Shi Hua (60, Shenzhen) gezeigt. Er wird auf Einladung von ACC und Bauhaus-Universität für zwei Monate in Weimar leben.

Der "Vollblutmaler" Yang Shaobin (37, Peking) zeigt einige seiner "Verwundungs- und Verletzungsbilder" (neudeli). Der Multimediakünstler Zhou Tiehai (34, Shanghai) erkundet mit subtiler und doch beißender Ironie das Dreieck Künstler-Galerie-Museum (ACC und neudeli). Zu Chinas kühnsten Performance-, Foto- und Objektkünstlern zählt Wang Jin (38, Peking). Sein kaiserliches Prunkkleid "A Chinese Dream" wurde in wochenlanger Handarbeit aus Polyvinyl geschneidert und mit Fischgarn aus Nylonfäden bestickt. Ying-Bos (Ingeborg Lüscher, 63, Tegna) Video "Fei-Ya! Fei-Ya!/ Fly! Fly! (Our Chinese Friends)" gab der Ausstellung ihren Namen und zeigt einen ausgelassenen Spielabend irgendwo bei Peking (ACC). Die wandgreifenden Panorama-Aufnahmen des Konzeptkünstlers Zhuang Hui (37, Peking) zeigen ganze Studentenschaften, Spitalbelegschaften, Polizeimannschaften, Armeeeinheiten, Dorfgemeinschaften und Reinigungsequipen in schwarzweißen Gruppenportraits mit zutiefst chinesischer Tradition (ACC und neudeli).

Lu Hao (30, Peking) hat durchsichtige Plexiglas-Nachbildungen der wichtigsten staatlichen Repräsentationsgebäude rund um den Pekinger Tian An Men Platz angefertigt. Xie Nanxing (31, Chengdu) sorgte auf der Biennale Venedig 1999 mit seinen Bildern von Körperverletzungen für Aufsehen. In seiner neuen Serie großer Ölgemälde sind die Menschen verschwunden und nurmehr leere Räume zu sehen (neudeli). Chang Xugong (43, Tangschan) porträtiert in seinen - erstmals im Westen ausgestellten - Stickbildern die neue soziale Schicht der Neureichen (ACC). Der Bildhauer und Konzeptkünstler Ai Wei Wei (43, Peking) konstruiert absurde Objekte aus jahrhundertealten Möbeln, z.B aus der Zeit der Ming-Dynastie: hoffnungslos ineinander verkeilte Tische oder Hocker, auf denen niemand mehr sitzen kann (ACC). Der Beitrag von Chen Shaoxiong (38, Guangzhou), "Streets", besteht aus einem 12 m langen Fries aus fotografischen Miniaturen (ACC). Xu Tan (43, Guangzhou) wird im ACC aus Konsumprodukten und Weimarer Fundstücken eine chaotische Installation entstehen lassen. Er reist zu diesem Zweck zwei Wochen vor Ausstellungsbeginn an. Zhang Xin (33, Shanghai) ist neben Ying-Bo die einzige weibliche Künstlerin und befasst sich in ihrem Video "Nature in City" mit der Tatsache, dass in der postindustriellen Gesellschaft mehr und mehr Menschen ihre natürliche Umgebung mit den Mitteln der Medien wahrnehmen und verstehen. Von Yin Xiuzhen sind die zu Skulpturen gewordenen Betonabgüsse von Waschbecken ausgestellt (ACC).

Bestellungen für Führungen durch die Ausstellungen telefonisch 03643/851 261-62 (12 bis 18 Uhr), per email info@acc-weimar.de oder Fax 03643/851 263.

Our Chinese Friends oder: kam die Polizei und fragt, was ist denn das ?

"Was uns nun letztlich inspirierte, chinesischen Künstlern ein Podium für ihre Werke in Weimar zu geben, können wir kaum genauer definieren. Dennoch: Ein Ereignis mag den Ausschlag gegeben haben. Jedem wird wohl noch der Staatsbesuch von Li Peng in Deutschland in Erinnerung sein, der den chinesischen Ministerpräsidenten 1994 auch nach Weimar führte. Die Proteste gegen den Gast, die von einem polizeilichen Großaufgebot der deutschen Staatsmacht nicht verdeckt, geschweige denn verhindert werden konnten und eine Ansprache des Präsidenten der Stiftung Weimarer Klassik, Bernd Kauffmann, führten dazu, dass Li Peng seinen Weimarbesuch kurzerhand abbrach. Li, der von dieser stillen und der lautstarken - insbesondere der an seiner Verantwortung für die Ereignisse am Tiananmen - genug hatte, verlor nun vollends sein Interesse an Thüringer Politikern, Firmenbossen und Kulturgütern. Aber erst die sich nahtlos anschließende Anekdote ließ uns nicht mehr ruhig schlafen: Das Polizeivideo, auf dem damals die Krawalle und Festnahmen von Demonstranten in Weimar aufgezeichnet worden waren, lag - wie es der Zufall so will - jedem zugänglich für kurze Zeit im ACC-Café. Die Beamten vom Oberverwaltungsgericht hatten das brisante Beweismaterial nach anstrengendem Einsatz und dem guten Mittagessen schlichtweg vergessen, und der Alarm war entsprechend, als sie dies bemerkten. Eine Kellnerin hatte das Originalband mit kühlem Kopf «sichergestellt» und in einem Kühlschrank deponiert. Sie übernahm zudem die Rückgabe an die zurückgeeilten und sichtlich beunruhigten Richter. So konnte mit Hilfe des Films doch noch von den «zuständigen Organen» festgelegt werden, welche Köpfe aus dem Innenministerium zu rollen hatten. Und wir waren leider um ein aussagekräftiges Dokument, von dem wir nichts wussten, leichter. Gern hätten wir es in der Ausstellung präsentiert. Und Li Peng kann unter derartigen Umständen sogar als Ideengeber von «Our Chinese Friends» angesehen werden. Die Verwirklichung der zehnten ACC-Sommerausstellung - der ersten mit chinesischer Kunst - hat nun mehr als eine halbe Dekade auf sich warten lassen - vielleicht auch, weil lange Zeit die dazu notwendigen Partner fehlten. Die haben sich aber nach und nach gefunden. Da ist die Bauhaus-Universität Weimar - mit ihrer Galerie neudeli. Dort ist der eine Teil der Ausstellung zu sehen - der andere in der ACC Galerie. Sechzehn Künstler aus dem Reich der Mitte zeigen mehr als 100 Werke der aktuellen chinesischen Multimedia- und Konzeptkunst, der Malerei und der Photographie sowie der Video-, Performance- und Objektkunst, die zum Teil frisch aus den Ateliers der Künstler kommen und noch nirgends zu sehen waren. Zu den Protagonisten und Freunden Chinas zählt weiterhin als engster, vertrautester und hilfreichster Partner die Luzerner Galerie Urs Meile. Außerdem stellten die Berliner Asian Fine Arts / Prüss & Ochs Gallery, die Kunsthalle Bern und der Schweizer Sammler und frühere eidgenössische Botschafter in Peking, Dr. Uli Sigg, einige Leihgaben zur Verfügung. Allen Beteiligten und insbesondere den teilnehmenden Künstlern unseren herzlichsten Dank."
David Mannstein und Frank Motz (Einleitung, Katalog zur Ausstellung)

und chinesisch und zeitgenössisch

"Vor wenigen Jahren erst endete die geradezu ausschließliche Präsenz von NATO-Kunst - gemeint ist jene von Teilen Westeuropas und der USA - in großen und kleinen Museen und Galerien der ersten Welt. Dann geboten Political Correctness und der erwachende Appetit der immer weitere Flüge buchenden Kuratoren, dem Gezeigten eine Prise der zweiten und dritten Welt beizumengen-eine Art Quotenregelung für Exoten, denen mit Nachsicht zu begegnen man durchaus bereit war. So gelangten anfangs der neunziger Jahre die ersten Künstler aus der Volksrepublik China mit Arbeiten aus ihrem eigenen Kontext in den westlichen Kunstbetrieb. Sie sind von einer Anzahl in den achtziger Jahren emigrierter Vorläufer auseinanderzuhalten, die vorab in New York und Paris, aber eben nach den dortigen Usanzen, Kunst produzierten.

Zeitgenössische Kunst nach unseren Begriffen wird in China erst seit 1978 gemacht, dem Beginn der Öffnungspolitik zur übrigen Welt. Zuvor hatte Kunst die Massen zu erziehen. Der sozialistische Realismus war zwingend Programm und Stil zugleich. Selbst Fingerübungen im Privaten waren zu riskant. Ferner fehlte jede Information über Westkunst nach der klassischen Moderne. Aus diesem Biotop traten die Künstler 1978 mit der neugefundenen Freiheit zunächst ins Leere - so war jedenfalls ihre Befindlichkeit. Erst ab Mitte der achtziger Jahre entstanden Arbeiten, die sich auch im westlichen Kunstbetrieb aus dem allgemeinen Grundrauschen heben. Mittlerweile haben sie eindrücklich Tritt gefasst - längst bedienen sich die Flinksten auch neuester Strategien und Techniken, wenn auch der Zugang zu multimedialen Technologien und neuen Materialien noch immer erschwert ist. Ein Mythos ist indes im Westen nur schwer auszutilgen: Ein zeitgenössischer Künstler nämlich sei in China notwendigerweise ein mutiger Dissident. Dem ist nicht so. Die Erfolgreicheren unter ihnen brausen mit ihren Cherokee-Jeeps den Funktionären davon in ihre komfortablen Wohnhäuser und Studios, die Letzteren lediglich im Traum vorkommen. Schranken sind im Grunde nicht der Produktion, auch sehr politischer Inhalte, gesetzt, sondern der Ausstellungstätigkeit im eigenen Land. Deshalb sind viele der interessanten Arbeiten in China nie gezeigt worden. So hat denn auch die zeitgenössische Kunst keine Resonanz über einen kleinen Kreis von Akademikern und Kunstschaffenden hinaus in der chinesischen Öffentlichkeit. Sie vermag dort neben der erdrückenden Präsenz der traditionellen chinesischen Kunst noch nicht zu bestehen. Chinesische Sammler zeitgenössischer Kunst waren bis vor kurzem inexistent. So gelangten sehr viele Arbeiten früher oder später ins Ausland. Damit hält sich ein weiteres hartnäckiges Vorurteil: Chinesische Künstler produzieren vorab, was der Westen von ihnen erwartet oder klarer, was dort über den Ladentisch geht. Für einige der Dritt- und Viertbesten mag das sein. Die Besten, zu denen die in der Ausstellung Gezeigten ausnahmslos gehören, folgen ihren selbstgewählten Fragestellungen und Recherchen. Die Frage ist immerhin legitim: Gibt es zeitgenössische chinesische Kunst - also ganz distinkt chinesische? Oder einfach zeitgenössische Kunst made in China? In China ist diese Debatte alt, aber keineswegs ausgestanden. Der erste internationale Großauftritt von Künstlern der Volksrepublik an der Biennale in Venedig 1999 lancierte die Frage auch im Westen. Den einen wars zu chinesisch - für andere wars ja gar nicht chinesisch, noch dazu mit denselben Medien gefertigt wie überall.

Am besten kommt man dem Dilemma wohl mit zwei Kategorien bei: Da ist zunächst die «Weltkunst». Keinerlei Anspielung auf derlei pathetische Dinge wie Weltranglisten und Weltrekorde. Sondern Arbeiten, die ohne spezifisches Kontextwissen von China als ein Kunstwerk jedermann zugänglich sind; Arbeiten, die sich etwa mit menschlichen Grundthemen und mit dem Vorbegrifflichen auseinandersetzen. Dann als zweites die Arbeiten, die zu ihrem vollen Verständnis ein chinesisches Kontextwissen erfordern. Dieses Kontextwissen kann politisch oder gesellschaftlich sein, oder im Wertekanon der chinesischen Kunst bestehen. Diesen Blindfleck im Auge der Westkunstgeschulten eingestehen: Eine Anstrengung, die auch deren Cracks noch nicht sonderlich häufig geleistet haben. Auch ohne dieses Kontextwissen bleibt reichlich Substanz, Energie und Intensität in den Arbeiten dieser Ausstellung wahrnehmbar. Im schlechtesten Fall mögen Sie die Arbeiten aus den falschen Gründen."
(Uli Sigg)
Dr. Uli Sigg, Sammler, Luzern. Text aus dem Katalog zur Ausstellung "Our Chinese Friends"

Qiu Shi Hua Qiu Shi Hua arbeitet für zwei Monate auf Einladung der Bauhaus-Universität Weimar und des ACC in einem Atelier der Bauhaus-Universität Weimar und plant einen Workshop mit Kunststudenten.

Erstmals öffentlich gezeigt werden die "weißen" Landschaftspanorama des zu Maos Zeiten nach Südchina zwangsumgesiedelten Qiu Shi-hua. Seine "weißen" Ölbilder schlagen eine Brücke zwischen minimalistischen Formen der westlichen Moderne und dem taoistischen Ideal der Leere. Farbe und Linie sind verschwunden, das Bild entsteht nach einer gewissen Zeit im Auge des Betrachters - die Flüsse und Berge sind mehr zu ahnen als zu sehen. Stärker als in diesen Bildern kann die gegenständliche Malerei nicht mehr reduziert werden.
(Galerie neudeli)