ausstellung

hautnah

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Ausstellung zum 5. Europäischen Atelierprogramm der ACC Galerie und der Stadt Weimar 1999 mit
Dimitrios Georges Antonitsis (Athen), Monika Dutta (Aberdeen) und Sophia Kosmaoglou (Athen).
Eröffnung am Freitag, 14.4.2000, 20 Uhr. Vom 15.4. bis 4.6.2000. Dienstag bis Sonntag von 12 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung geöffnet. Führungen jeden Sonntag 15 Uhr. Eintritt frei!
Die Ausstellung wurde unterstützt durch die Stadt Weimar, das Thüringer Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, das Thüringer Ministerium für Justiz und Europaangelegenheiten, die Stiftung Kultur/ Wissenschaft/Umwelt/Sport und Soziales der Sparkasse Weimar, die Weimar 1999 Kulturstadt Europas GmbH und The British Council. Zur Ausstellung erscheint eine Broschüre (8 DM).

Wenn man in Athen oder London als Künstler arbeitet und von seinem Galeristen, Hochschulprofessoren oder Museumsleiter die Bewerbungsunterlagen für ein Stipendium in Deutschland erhält - für Weimar, kennst Du Weimar? Weimar, Weimar? Ja, hatten die nicht einmal sogar eine eigene Republik?! - ein Stipendium, im Laufe dessen man sich mit der erotischen Aufklärung und der Frage nach einer enthemmten Sinnlichkeit im 20. Jahrhundert beschäftigen soll - dann wird man in Weimar vermutlich so manche Überraschung erleben...

Dimitrios Antonitsis (Athen), Monika Dutta (Aberdeen) und Sophia Kosmaoglou (Athen) hatten einige Mühe, ihre zeitweilig Wahlheimat mit dem Thema "hautnah" in Verbindung zu bringen. Insbesondere zu Christoph Martin Wieland (1733-1813), an dessen Kampf gegen die Prüderie die Themenstellung des Atelierprogramms anknüpft, der aber sowohl in Griechenland als auch in Großbritannien so gut wie unbekannt ist, gab es einige Aufklärungsarbeit zu leiste n. Das ACC tat dies mit einer ganzhjährigen Veranstaltungsreihe unter dem Titel "Who the fuck is Wieland?" (Wer zum Teufel ist Wieland?) Und die Aufklärung war fruchtbar: Immerhin einer der Stipendiaten fand einen originären Zugang zum Werk Wielands: Dimitrios Antonitsis ist allerdings auch durch seine ausgezeichnete Kenntnis der deutschen Sprache begünstigt, denn die Ausgaben Wielandscher Werke in englischer Sprache haben Raritätswert, auf griechisch ist er gleich gar nicht zu haben. Antonitsis holte Wielands "Geschichte des Agathon", die jener zur Umgehung der Zensur ins Märchengewand der griechichen Mythologie gekleidet hatte, ins zeitgenössische Weimar zurück: Antonitsis erabeitete einen Fotoroman, der witzig, schrill und modisch ist. Die beiden Damen interpretierten "hautnah" mit Hinblick auf andere Implikationen dieses schillernden Begriffes. Für Monika Dutta steht die Haut für die eigene Identität, deren geografische Herkunft aus Thüringen sie zu verfolgen suchte: In London geboren und aufgewachsen, hat sie doch deutsche Vorfahren, aus Thüringen gar! Dutta wurde durch den Weimaraufenthalt dazu veranlasst, die Frauenrollen der eigenen Familie unter die Videolinse zu nehmen. Ihrem angestammten Ausdrucksmedium, dem Computer, musste sich Dutta in Weimar versagen: Weimar ist, allen enthusiastischen Beteuerungen zum Trotz, eben doch noch kein ausgereifter Medienstandort. Es galt also, sich auf das gute alte Handwerk zu besinnen, auf das Nähen von Kleidern und die Arbeit mit Gips: Dutta duplizierte die eigene Haut in Porzellan und Seidenpapier.

Sophia Kosmaoglou hatte ihrer Verwunderung über die Diskrepanz zwischen Themenstellung und Ort schon nach wenigen Wochen zum Ausdruck gebracht: "Sollte Weimar je der Ausgangspunkt einer erotischen Aufklärung gewesen sein, so ist sie hier bald versandet", meinte sie. Und von hautnahen Kontakten könne bei der Distanziertheit der Weimarer auch nicht die Rede sein, hieß es weiter. Ihr scharfer analytischer Blick führte Kosmaoglou bald zu einer gänzlich anders gearteten Auseinandersetzung mit dem Thema "hautnah": Kosmaoglous Skulpturen und Happenings zeugen vom menschlichen Begehren, Subjekt und Objekt , Innen und Aussen auszutauschen. Was man mag ("zum Fressen gern"), möchte man sich gerne einverleiben - andererseits neigt jeder Liebende dazu, sein Inneres nach Außen zu kehren. Die Vergeblichkeit dieses Bestrebens war für Kosmaoglou Zündstoff für ein schier unerschöpfliches Ideenfeuerwerk.

"Weimar 1999 (hautnah)"

von Dimitrios Georges Antonitsis

Der Galerieleiter Frank Motz hieß mich in Weimar, der Europäischen Kulturstadt 1999, mit einem verdächtig den Plattencovern der 70er Jahre ähnelndem Katalog willkommen. Meine offizielle Einführung als Gastkünstler in Weimar bestand aus einer dankenswert kurzen Ansprache und einer Schüssel Kartoffelsuppe. Wir hatten bereits den kleinsten gemeinsamen Nenner entdeckt. Ich bemerkte, dass der Katalog deutschsprachig war und wies auf den vom Diskostyle der 70er Jahre inspirierten Umschlag. Frank lachte und entgegnete: "Du hast völlig recht. Aber das ist nur ein Hinweis darauf, wie die Organisatoren der Kulturstadt die 90er Jahre sehen." Genau diese Eigenschaften - eine anachronistische Aura, die vergangene Ästhetik des ehemaligen Ostblocks und der Mangel an Vertrauen gegenüber allen zeitgenössischen Dingen - durchdringen alle Aspekte des Lebens in Weimar und die Kulturstadt selbst.

Das ist nicht unbedingt eine schlechte Sache, insbesondere für jemanden wie mich, der die 70er ganz und gar genossen hat und dem es nichts ausmachte, diese Erfahrung noch einmal zu durchleben. Kurz bevor das Jahr 2000 diese Dekade unumgänglich ins vergangene Jahrhundert verbannen würde. Mein Aufenthalt in der Stadt, in der Goethe und Schiller lebten, in der Nietzsche in geistiger Umnachtung starb und Hitler triumphierte, hatte also eine entschieden rückwärts gewandte Geschmacksnote. Um so mehr, als ich mich entschied, den ersten deutschen Erziehungsroman - "Die Geschichte des Agathon", von Christoph Martin Wieland 1766 in Weimar verfasst - neu zu bearbeiten. Von meiner Umgebung inspiriert ließ ich den Roman als Fotogeschichte wieder auferstehen. Ein Zeitgenosse Goethes war Wieland der erste deutsche Dichter, der zu Lebzeiten ins Englische übersetzt wurde. Für seine Zeit war er äußerst fortschrittlich und predigte nicht nur, sondern praktizierte auch selbst eine Art erotische Aufklärung. Um zu vermeiden, dass seine Zeitgenossen ihn verdammten, benutzte er die Technik der Dislocation, indem er den Helden Agathon ins sophistische Zeitalter des antiken Griechenland versetze. Auf diese Weise konnte Wieland die zeitgenössischen Sitten aus einer sicheren Distanz kritisieren. Im Gegenzug habe ich die Geschichte des Agathon in das Weimar "moderner" Zeiten zurückversetzt. Während ich Wielands Originalgeschichte und -text beibehielt, habe ich ein neues Stück geschaffen, das meine Träume und Ängste verkörpert: Panic in Weimar. Zusätzliche Dialoge, vorsichtig ausgewählte Casts und Bühnenszenen an historisch geladenen Plätzen fügen der Originalerzählung neue Dimensionen und Assoziationen hinzu. Zum Beispiel: Mein Agathon (ein griechisches Topmodel, das in New York arbeitet, B. Paraskevas) schwebt nicht wegen seiner wirklichkeitsfremden Tugend und Einbildungskraft über den Wolken, wie Wieland ihn vorstellt, sondern wegen seiner Eitelkeit, Selbstbewunderung und Einbildung. Er hat sich in einem Wald verirrt, aber nicht in irgend einem Wald. Er verirrt sich in Buchenwald. Anstelle einer bacchanalischen Orgie wie im deutschen Originaltext wird Agathon mit einem grausamen Modedesigner (dem Berliner Untergrund Designer BeV Stroganov) konfrontiert, der mit seinen Topmodels für eine Geschäftsmodenschau probt. Sein Laufsteg ist vor das Krematorium des Konzentrationslagers plaziert. Was bedeutet es, ein magersüchtiges Model der 90er in einem gestreiften Businessanzug zu sein und ein hungernder Gefangener im gestreiften Overall? Hatte Grausamkeit mit dem 2. Weltkrieg ein Ende? Ist vielleicht die Globalisierung moderner sozialer und ästhetischer Ansprüche ebenso entsetzlich wie Hitlers Ideale? Mein Agathon wird durch eine Reihe lebensbedrohlicher Abenteuer entwurzelt, wird von einem manipulativen Ästheten, einer closet queen namens Hippias, gespielt von Mabel Ascheneller, dem Manager von Nina Hagen, aufgekauft, wird durch das kaleidoskopische Auge der Femme fatale Danae (dargestellt von der hochangesehenen jet-setter actress Desiree Nick) verführt und flieht schließlich in einem Audi TT Sportwagen (mit Hilfe eines deus ex machina, ganz nach dem Schema der griechischen Tragödie, deren Ende stets durch göttlichen Eingriff gelöst wird). Am Ende fragt man sich, ob Wieland nicht der ideale Hollywood-Drehbuchautor gewesen wäre. Während meines viermonatigen Aufenthaltes in Weimar habe ich alle üblen, paradoxen und erinnernswerten Seiten der Stadt kennengelernt, so dass Agathon vertrauensvoll meinen Fußspuren folgen konnte. Mit Weimar umzugehen war anfangs etwas hart - aber es war nicht schlimmer als Opium zu rauchen. Die ersten ein- zweimale wird einem schlecht. Später läßt der Brechreiz nach und die Träume, die folgen, sind außerirdisch. "Die Geschichte des Agathon" war mein Trip.

Monika Dutta, geboren und aufgewachsen in London, wanderte in Thüringen auf den Spuren ihrer Mutter, die aus Jena stammt. Als Tochter eines Inders und einer Deutschen mangelt es ihr vielleicht an Wurzeln - vielleicht sind es gerade die Heimatlosen, so sagt Frank Hiddemann, die sich früher oder später auf ihre Haut als Zeichen der eigenen Identität besinnen. Die mangelnde Verwurzelung wird durch Konzentration auf die Oberfläche ausgeglichen. Auf ihren Radfahrten durch die Weimarer Umgebung besuchte Monika Dutta das Rokokomuseum in Schloß Belvedere und entschied, sich wieder ihren künstlerischen Anfängen als Bildhauerin zu widmen. Lange schon hatte sie mit Porzellan arbeiten wollen und freute sich, dass sie hier an ein Kapitel Thüringer Geschichte anknüpfen konnte. Beim Verlassen des Schlosses fällt der Blick unweigerlich auf den gegenüber liegenden Ettersberg. Was ist das für ein Turm dort? Von Belvedere blickt man nach Buchenwald? Dieses Kapitel Thüringer Geschichte läßt sich also nicht übersehen. Entstanden sind glatte, edle Körperabdrücke aus Porzellan und empfindliche Abdrücke aus benutztem Seidenpapier. Beide stammen von denselben Gips- bzw. Wachsformen. Die Videoinstallation Vier Frauen wohnen in meinem Kleiderschrank verdankt sich einer Reise Duttas in die eigene Familiengeschichte: Großmutter, Mutter und Schwester werden dem eigenen Ich gegenüber gestellt.

Sophia Kosmaoglou beendete in Thüringen, dem deutschen Bundesland mit dem höchsten Fleischverzehr pro Kopf, ihr Dasein als Vegetarierin. Ihre Initiation in die Gemeinschaft der Karnivoren, die am 4. Dezember 1999 in der Fleischerei Blässe am Frauenplan stattfand, wird durch Fotos und ein Video mit Soundtrack dokumentiert. Die Wielandschaft dient für hautnah als rotes Separè, in dem ein jeder von Sophia Kosmaoglou aufgefordert wird, Stellung zum eigenen Begehren zu beziehen. Die Ergebnisse des ausliegenden Fragebogens sollen in eine neue Arbeit münden: Eine Computersimulation der Struktur des Begehrens - A Phase Portrait of Desire -.