ausstellung

the stockholm connection

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attitudes: elsewhere 4, Galerija škuc: somewhere else
Ausstellung vom 10.12.1999 bis 30.1.2000, Eröffnung am Freitag, 10.12.1999, 20 Uhr. Ab 22.30 Uhr Konzert und Ausstellungseröffnungsparty mit "The Muffin Men" aus Liverpool im Straßenbahndepot.
Dienstag bis Sonntag von 12 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung geöffnet. Führungen jeden Sonntag 15 Uhr.
Teilnehmende Künstler: Joúe Barši, Raphaël Boccanfuso, Mauricio Dias und Walter Riedweg, Christoph Draeger, Bojan Gorenec, Eric Hattan, Maja Licul, Hajnal Németh, Goran Petercol, Koka Ramishvili, Elizabeth Saveri, Nebojša Šeric-šoba, Nika Špan. Mit Unterstützung des Thüringer Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst, des Kulturministeriums der Republik Slowenien, des Auswärtigen Amtes, der Stanley Thomas Johnson Stiftung, der Fondation Nestlé pour l'Art und von Pro Helvetia.

Partnerschaften gewinnen auch bei den Kunstinitiativen eine stets wachsende Bedeutung. Zum ersten Mal begegneten sich das Kuratorenteam attitudes (Genf) und der Leiter der Galerija Škuc (Ljubljana) in Stockholm während eines Treffens unabhängiger Kunsträume. Die Idee einer gemeinsamen Ausstellung ging konform mit dem Ansinnen des ACC, zwei europäische Kunstzentren, von denen die Galerija Škuc bereits feststand, einzuladen, um ihre Positionen zu artikulieren und miteinander zu vergleichen. So begegnen sich im ACC zwei Kunsträume, zwei ausgewählte Gruppen von Künstlern bzw. zwei Projektkonzeptionen. Neben der Präsentation von 14 Künstlern, die mit den beiden Ausstellungshäusern kooperieren, werden in einer Dokumentation Fragen zu kuratorischen Visionen, zum Grad der Internationalität, zur Standortlage, Förderung oder fachlichen Ansprüchen ebenso besprochen wie die Organisation, bislang Geleistetes und Zukunftspläne. Der Ausstellungsteil der Galerija Škuc "somewhere else" focussiert auf Künstler, die in Slowenien, Bosnien-Herzegowina, Kroatien und Ungarn wirken und wird im Januar 2000 intensiver vorgestellt. Diese Faltblattausgabe geht zunächst auf das Kuratorenpaar attitudes und dessen beteiligte Künstler ein.

Jean-Paul Felley (*1966) und Olivier Kaeser (*1963), die attitudes-Protagonisten, sind Kunsthistoriker und managen diesen gemeinnützigen Raum für zeitgenössische Kunst. Gegründet wurde er 1994 als Reaktion auf die Frage des Status von Kunst in der Gesellschaft, um die Regeln und Wege, die bei der Kunstvermitt- lung bestimmend sind, zu überdenken. Kunst sollte wieder zu Diskussion und Kommunikation stimulieren. attitudes über attitudes: "Es geht um ein Experiment. Wir sind keine Galerie. Wir sind kein Museum. Wir sind auch kein Künstlerort. Wir sind nochmals etwas anderes: Wir sind ein unabhängiger Kunstraum. Unabhän- gig, das heißt vor allem unabhängig vom Markt. attitudes finanziert sich über eine Art Patchwork-Sponsor- ing, für jedes Projekt wird separat nach Mitteln gesucht... Wir produzieren nicht Ausstellungen, wir leben sie". Der Dialog mit den Kollegen aus Slowenien und der Kontext der Ausstellung boten den attitudes ein neues und relevantes Feld für die weitere Entwicklung ihres Langzeitprojekts "elsewhere" ("anderswo"), an dessen viertem Teil Künstler aus Frankreich, der Schweiz, den USA und Georgien teilnehmen. Fünf Ausstellungen in verschiedenen Städten unter wechselnder Beteiligung verschiedener Künstler umfasst das räumlich und zeitlich geteilte Kunstprojekt. Drei Ausstellungen (in Kreuzlingen, Basel und Paris) wurden bereits realisiert. "elsewhere" findet seinen Abschluss mit einer Publikation, die die Arbeiten aller Teilnehmer dokumentiert.

"elsewhere" basiert auf der Arbeitsweise von attitudes, die Kuratoren im eigenen Kunstraum in Genf sind und andererseits als Kuratoren in fremde Räume eingeladen werden. Es setzt sich in Form und Inhalt mit dem Nomadischen auseinander, ist eine Möglichkeit zum Dialog und zum Entdecken anderer kultureller Zusammenhänge. Das Projekt wurde durch die Tatsache inspiriert, dass Künstler immer häufiger um die Welt ziehen. Ihre Mobilität lässt Werke aus einem "Anderswo" entstehen, aus einem anderen Kontext als der ihnen vertrauten Umwelt. In verschiedenster Weise spiegelt sich "Anderswo" in ihren Arbeiten. Einige unter ihnen reisen fortwährend und nehmen das Besondere der besichtigten Orte in ihre Arbeiten auf. Andere gehen zu einem bestimmten Ort, um da und nur da eine spezifische Arbeit zu realisieren. Die dritten leben zwar nicht mehr in ihrem Heimatland, entwickeln jedoch im Bezug darauf ihr künstlerisches Konzept. Und wiederum andere träumen oder fantasieren von fremden Orten des "Anderswo" und suchen sie mit den Mitteln moderner Telekommunikation auf oder aber sie werden aus freien Stücken zu Nomaden. Die Vorstellung des Anderswo kann sowohl kulturell, geografisch, politisch, geistig wie auch ethnisch oder virtuell sein.

Teil 1 einer Arbeit für "elsewhere 4" begann schon vor der Ausstellung. Raphael Boccanfuso (*1964, Paris) hat sein Auto wie ein Paket verpackt und es von Ljubljana nach Genf transportiert. Teil 2 dokumentiert in Fotos und Videos die Begebenheiten der Reise-Performance "Nothing to declare" im ACC. Das Kunstwerk ist das Auto selbst und die Aktion, es zu bewegen. Die fortlaufende Serie "Apokalyptische Reisen" von Christoph Draeger (*1965, New York) zeigt mehr als 30 Photographien von Orten in der ganzen Welt, an denen sich Katastrophen ereigneten. Die Aufnahmen zeigen nichts Spezielles, doch Texte erklären was passierte. Jeder hat diese Orte im Gedächtnis. In welcher Beziehung steht ihre desaströse Geschichte zu ihrer Erscheinung einige Jahre später? Die Installation "Unplugged" von Eric Hattan (*1955, Paris/Basel) zeigt in fünf Videos einander gleichende Gesten beim Verpacken von verschiedenen Objekten und Nahrung. Jedes Video bezieht sich auf eine eigene Objektauswahl des Künstlers an einem anderen Ort: Paris, Taipee, Berlin, Kairo und Island. Die meditativ wirkende, private und sich wiederholende Handlung löscht die Besonderheiten dieser Verpackungen (Beschriftungen, Design, Farben) aus. Das Künstlerpaar Mauricio Dias und Walter Riedweg (Basel) zeigt die Videoinstallation "Os Raimundos, os Severinos, os Franciscos". In Sao Paolo wurden 30 alleinlebende Hausmeister aufgefordert, nacheinander einen fremden Raum zu betreten und dasselbe zu tun, was sie tun, wenn sie nach Hause kommen. Jeder Neuankömmling verhält sich individuell, obwohl er nicht allein ist und die Gruppe immer größer wird. Von Elizabeth Saveri (*1965, L.A.) werden 10 kleine Gemälde installiert. Als Vorlage dienten Fotos, die attitudes während eines Weimarbesuchs anfertigten. Sie sind gemischt mit 10 Gemälden aus Saveris Alltag in L.A. und Situationen auf der Auto- bahn. Ein Dialog zwischen "Hier" und "Dort" entsteht. In einem Video und der Fotoserie "Pronostic éventuel" versuchte Koka Ramishvili (*1955, Tbilissi), die Innendekorationen der ausländischen Botschafts- und Konsulatsgebäude seiner Stadt zu dokumentieren. Nicht alle erteilen eine Fotoerlaubnis. Wie repräsentieren sich verschiedene Nationen in der Hauptstadt Georgiens?

Ein weiterer Text:

Erstmals begegneten sich das Kuratorenteam attitudes (Genf) und der Leiter der Galerija Škuc (Ljubljana) in Stockholm während eines Treffens unabhängiger Kunsträume. Das ACC lud die Galerija Škuc nach Weimar ein, Škuc wiederum lud attitudes ein. So entstand eine gemeinsame Ausstellung zweier europäischer Kunst- zentren. Im Dezemberfaltblatt wurden die von attitudes ausgewählten Künstler des Ausstellungsteils "elsewhere 4" vorgestellt. Diese Ausgabe geht auf jene Künstler ein, die von der Galerija Škuc eingeladen wurden.

Das "somewhere else" - Ausstellungsprojekt besteht sowohl aus Werken, die für die ACC Galerie Weimar entstanden sind, wie es auch einen retrospektiven Einblick in das 21jährige Wirken der Galerija Škuc gewährt. Joze Baršis (*1955, Ljubljana) in Weimar entstandene Arbeit besitzt einen dokumentarischen, retrospektiven Charakter. Mit Texten und Photographien erklärt er drei seiner früheren Werke. Jedoch steht nicht Repräsen-tation im Vordergrund, sondern vielmehr die Vermittlung von ausgewählten Arbeiten, die sich auf einen spe-zifischen Ortskontext beziehen und deren Wiederholbarkeit nicht ohne Werk- bzw. Werteverschiebung geschehen kann. Baršis Bild- und Textsammlung entsteht also somewhere else, im Austauschprozeß der Weimarer Ausstellungssituation und bezieht sich auch auf das selbstreferenzielle Schaffen des Künstlers. Die Bilder von Bojan Gorenec (*1956, Ljubljana) entstammen einem Bilderzyklus aus der Einzelausstellung "Das Sehen und die große Anonymität", die 1986 in der Galerija Škuc gezeigt wurde. Das vorgestellte Werk von Bojan Gorenec, das als Reminiszenz an die "legendären" 80er Jahre der Galerija Škuc in das Ausstel- lungsprojekt einbezogen ist, berührt Fragen der Zeichenhaftigkeit beziehungsweise des "konkreten" Zeichens auf zweidimensionalem Bildträger und der "Ikonik" des Bildes, wie sie z.B. nicht ohne Gorenecs Neurezep- tion K. Maleviès zu verstehen ist, womit er sich in Distanz zum damals vorherrschenden Idiom des slowenischen New Image stellte. Maja Liculs (*1970, Ljubljana) neue Videoarbeit fand ihre endgültige Realisation am Ausstellungsort. Liculs künstlerischer Ausgangspunkt ist Ausdruck von persönlichen Einstellungen und eigener Betroffenheit im gegebenen Umfeld. Sie nimmt sich mitunter der eigenen Rolle - und somit der Rolle der Künstlerin - und des Betriebssystems Kunst an, wenn sie z.B. ihr Künstlerinterview mit dem Kurator Peter Weibel als Videoarbeit auf der Gruppenausstellung präsentiert, der dieses Gespräch vorangegangen ist. Ihr Weimarer Werk ist ein doppeltes Spiel von routinierter Künstlerprasentation und selbstaufdeckendem kritischem Kommentar zur eigenen künstlerischen Aussage. Über Kopfhörer wird das Zwiegespräch mitverfolgt, das Videoband mit dem selbstaufgenommenen Interview von Maja Licul bleibt indessen stumm und reflektiert das "Eigenbild" der Künstlerin. Die Videoinstallation "Twice Good Night" von Hajnal Németh (*1972, Buda- pest) ist eine Videoprojektion, die auf die konvexe Seite einer Satellitenantenne projiziert wird. "Twice Good Night" erinnert an eine Traumwelt, an ein Spektakel sowohl von öffentlich gezeigter Intimität als auch von betonter Individualität, wie sie uns die heutigen Trends vermitteln. Ähnliche "merkwürdige" Szenen in grellen Farben sind zum Beispiel in Musikclips wiederzufinden, jedoch beinhalten Hajnal Némeths Werke solche thematischen Widersprüche, Wiederholungen und bizarre Details, derer die kommerzielle Werbung nicht das Wasser reichen kann. Das zweite Werk "EY EY", eine Wandtapete, wurde nach ähnlichen Gestaltungsprinzi- pien erarbeitet. Goran Petercol (*1949, Zagreb), der sich im Verbund des Zagreber "Werkvereins Bildender Künstler" (Radna zajednica umetnika) in der Galerija Škuc bereits 1981 zum ersten Mal vorgestellt hat, bedient sich in seinen Installationen seit über 15 Jahren des Lichts und des Schattens als konstitutiver, oft prozessualer Elemente. Das Weimarer Projekt "Badezimmer" zeugt gerade von der architektonischen Eingebun- denheit seiner Arbeiten, denn die "Schattenbilder", die die angestrahlten Gegenstände im Bad werfen, werden letztlich von den Wänden des Ausstellungsraums begrenzt. Diese Formen sind das Werk. Nebojša Šeric-Šoba (*1968, Sarajevo/ Amsterdam) stellt sich mit den beiden Photoprints "Tragedy" und "Ohne Titel" vor, die anläßlich seiner Einzelausstellung "Tragedy" in der Galerija Škuc im Sommer 1999 entstanden sind. "Tragedy" verbindet die Vorstellung von griechischer Tragödie mit einer "tragischen" zeitgenössischen Figur. Der Photoprint - ein Fußballspieler in der Hal- tung der berühmten griechischen Skulptur des "Sterbenden Galliers" - spricht von der wahren Tragödie unserer Zeit, der des Fußballspielers und nicht der griechischen Skulptur als der tragischen Figur. Tragik ist auch Bestandteil des zweiten Werks "Ohne Titel", das ein Restaurantinterieur mit "zeitgenössischen Märtyrern" (M. Gandhi,Sitting Bull), den Opfern der westlichen Zivilisation, zeigt. Šobas Performance zum Eröffnungsabend war ein Kommentar zur (totalitären) Geschichte und ihrer Unauslöschbarkeit. In eine Soldatenuniformgekleidet schwärzte er die Wandschatten einer Lampe mit Farbe - das Licht wurde ausgeschaltet, die Spur bleibt. Nika Špans (*1967, Ljubljana/Düsseldorf) sehr konzeptuell durchdachte Arbeit "Per Aspera Ad Astra/Reflex" bezieht sich auf den Ausstellungsraum, der real und medial vermittelt wird. Auf einem sich drehenden Monitor ist der Ausstellungsraum, in dem sich der Betrachter befindet, in rotierender Rundumansicht zu sehen. In unregelmäßigen Sequenzen wird das Bild des Monitors angeschaltet, wobei sich die Umgebung im Bildschirm zu spiegeln beginnt. Wenn gleichzeitig der gesamte Ausstellungsraum durch Aufhellung/Abdunke- lung und Klang beeinflußt wird, ist der Betrachter von mehreren Räumen umgeben, womit seine Perzeption der medialen Aufnahme von Raum und Zeit auf die Probe gestellt wird.