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Die Invasion der siebenhäutigen Königin

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40 Künstler aus Thüringen und anderswo
Eröffnung am Freitag, 8.10.1999, 20 Uhr im ACC und 21.30 Uhr im Kunsthaus Erfurt. Es verkehrt ein Shuttlebus zwischen beiden Galerien (ab EF 19 und 22 Uhr, ab WE 20.30 und 23.15 Uhr).
Ausstellung vom 9.10. bis 28.11. (ACC) bzw. 20.11.1999 (Kunsthaus Erfurt)
Dienstag bis Sonntag von 12 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung geöffnet. Führungen jeden Sonntag 15 Uhr.

Klischees jedweder "Thüringer Art" durften hausgemacht und weltoffen von den 40 eingeladenen Teilnehmern gesät, beackert, gepflegt, geerntet oder ausgesetzt werden. Von der Zwiebel als Metapher, als Medium, den Thüringer Bratwürsten und Klößen, von Gartenzwergen, Hirschgeweih-Trophäen und weiter konnten laut Ausschreibung die Angebote reichen, die teilweise auch an vier Ständen des 346. Weimarer Zwiebelmarktes (8.-10.10.) feilgeboten wurden, als Markttreiben und Kunstbetrieb eine besondere Fusion eingingen.

Die beiden Ausstellungshäuser haben in erstmaliger Zusammenarbeit 40 thüringische und deutsche Künstler zur Teilnahme eingeladen. "Das Gold der Fellachen" aus Waidfarben und 23-karatigem Rotgold von Gunther Lerz/Erfurt begrüßt den Ausstellungsgast bereits im Treppenhaus. Am Schießstand von Daniel Schürer/ Hildesheim kann man, bewaffnet mit einer Luftpistole Baretta (8 Schuss), um beste Resultate beim Feuer auf die Zwiebeln des 99er Zwiebelmarktflyers kämpfen und das Ergebnis mit nach Hause nehmen (20,-DM).

Sabine Sauermilchs/Erfurt Reaktion auf die Profiliersucht mit und in Weimar '99, den Wandel Weimars von der Totalbaustelle in den Vorjahren zu einem Antlitz mit zahlreichen sanierten historischen Gebäuden, Weimars Umgang mit der hohen Dichte "großer Köpfe" wird in "Thüringen profiliert sich" deutlich. Gesichtsprofile bekannter Weimarer Persönlichkeiten ziehen sich in Form von profilierten Stuckbändern durch die gesamte Galerie. An den Ecken und Enden geben sich die Gesichter zu erkennen: Nietzsche, B. Kauffmann, Goethe, Charlotte von Stein, Eckermann, Anna Amalia, Wieland u.v.a. Aber auch zu ganz anderen Assoziationen ließen sich die Künstler treiben. Trebor Scholz, derzeit Dozent in Portland (USA) thematisiert mit der Rauminstallation "Nevertheless" die Komplexität eines der am sichtbarsten global operierenden Unternehmen: Mc Donald's. 1995 wurde der Antrag der Fast-Food-Kette (mehr als 150.000 Restaurants weltweit) zur Eröffnung eines Restaurants im historischen Stadtzentrum Weimars abgelehnt. Man sagt, inzwischen sei die Stadt weit weniger abgeneigt, diesen Schritt zu tun. Wolfgang Harth trägt die Politik "von der Weimarer Republik und ihren Folgen bis zur innerdeutschen Grenze" zu Markte und überträgt den ehemaligen kartographischen Grenzverlauf der Berliner Mauer zum 10. Jahrestag der Grenzöffnung auf die Weimarer Innenstadt. In gestaffelten Performances zieht er in seinem "Wende '99"-Projekt mit dem Originalsand aus dem ehemaligen Todesstreifen eine neue, flüchtige Grenze durch Europa und das ACC. Sie mündet in seiner Installation "Robbi greift an". Wen er angreift? Den ost- und den westdeutschen, fahnenschwingenden Zwerg. David Mannstein nahm während des Zwiebelmarkts am Weimarer Stadtlaufteil, kam zwecks sportlichen Besuchs verschiedenster Ausstellungsinstitutionen (Kunstsammlungen, ACC, Kopie des Goethe-Gartenhauses etc.) des öfteren absichtlich von der Strecke ab und ließ sich während seines Stadtkunstlaufes" filmen. Katrin Rothe hat vier Thüringer "Klischeegeschichten" des Comickünstlers Herr Lorenz - sie gehen auf Klöße, die Volksmusik, den Thüringer Wald und die Rostbratwurst ein - zu einminütigen Thüringer Klischeetrailern verarbeitet, die nun über einer Fernsehanrichte flimmern. Iris-Maria Hoppes Weimarer Zwiebelsuppengeruch liegt über allem in der Luft.

Micha Brendel/Berlin ist - gleich neben "Goethes Geliebter" aus Gips (von Nänzi/Berlin) in seiner Rauminstallation "Studien zur panzertragenden Familie" dem Thüringer Ahnenkult auf der Spur. Ein mittelalterlicher Harnisch ist mit Haut und feinem blauen Geäder überzogen, zu seinen beiden Seiten wurden je fünf sarkophagähnliche Kästen mit Fotos gruppiert, die den Harnisch in verschiedenen Zuständen zeigen und mit der Alchemie nahestehenden Materialien überarbeitet wurden. Parallel ist in Erfurt Brendels selbstleuchtende "Gute Thüringer Augenwurst" zu sehen. Tim Sonnenschein und Runhild Wirth/Berlin haben sich als "Seaman & Mermaid" ins stille Kämmerlein zurückgezogen. Auf acht Farbfotos werden Kombinationen aus einer ordinären Küchenzwiebel und weiblichen bzw. männlichen Geschlechtsteilen gezeigt. Die Zwiebel ist Symbol für Zeugung und Leben. In Ägypten ist sie aber auch Symbol für den vielgestaltigen Mond und Sinnbild für die Periode der Frau. In Griechenland diente die Zwiebel als natürliches Aphrodisiacum, um Sinnlichkeit und Geschlechtsbegierde bei beiden Geschlechtern zu erregen. Nebenan zeigt Egon Zimpel/Erfurt seinen "Aufstieg und Fall der Moderne, Teil IV", eine fiktive Gartenzwergsammlung, bearbeitet in der Handschrift bedeutender Künstler wie Ernst Ludwig Kirchner, Henri Matisse, Jackson Pollock, Joseph Beuys etc. Der Gartenzwerg wurde einst in den Bergen des Thüringer Waldes, unweit von Gräfenroda, erfunden. Im selben Raum stellt der Künstler Bert Tuch seine "Sammlung Anna Blume" vor. Am 8. März 1990, dem Internationalen Frauentag, erblickte Anna als "reife Dame mit Sex-Appeal" im Anzeigenblatt "Zweite Hand", später in anderen Zeitungen, das "Licht der Öffentlichkeit". Wie die westliche Warenwelt damals den Ostmarkt umwirbt, um die zahllosen Wünsche der Noch-DDR-Bürger zu befriedigen, wirft auch Anna ihre Köder aus und begibt sich "Ohne Tabus!" auf die Suche nach einem "jungen schönen Mann aus der DDR für erotische Abenteuer. Ganzfoto Bedingung." Der Fischzug um die Legende mit poetischem Namen, der schon in Kurt Schwitters Text "Die Zwiebel - Merzgedicht 8" auftaucht, bescherte ein prallvolles Netz mit über 300 potentiellen Liebhabern der fikti- ven Kunstfigur. Aus den Zuschriften (deren vorgefundener Zustand geändert wurde) entstand eine Sammlung später DDR-Kultur, eine soziale Feldstudie, geordnet nach Graphologie, Philatelie, Fotografie etc. Eine kleinere Sammlung zeigt die Ergebnisse einer Phantombilderstellung mit PC durch diverse Landeskriminalämter, die auf die verruchte Dame passen könnte. Während Naomi Tereza Salmon/Weimar mit "Take a bag" die Besucher zur Entnahme eines DDR-Faltbeutels auffordert, hat Martine Metzing-Peyre/ Bonn den Zyklus "UNIO" mit zwiebeligen Papiercollagen mitgebracht. In ihren Foto-Arbeiten verbinden und visualisieren Christina Paetsch/Berlin und Stefan Fahrnländer/Berlin Behältnisse aus Natur und Architektur. Das Haus als architektonische Begrenzung zwischen Innen und Außen steht für sie in Beziehung zum Knitterwerk der ebenso funktionalen und zeichenhaften Häute. In einer Fotoserie wird die Verwandlung einer Zwiebel in eine Wölbung innerhalb der Lamellenfassade des Weimarer Mehrzweckgebäudes (MZG) simuliert. Im Erfurter Kunsthaus zeigt Almut Rink/Wien eine Diainstallation aus 100 Lichtbildern, die eine Baulandschaft in Erfurt-Marbach beschreibt. Das verzweigte System der Straßen dieser neuen Vorortsiedlung ist zwar schon komplett vorhanden und weist auf die Bestimmung für dieses Stück Land hin, ansonsten gleicht das Bauland jedoch einer abstrakten Mondlandschaft, in der sich ab und zu einige Baufahrzeuge bewegen. Die Dias zeigen in schneller Folge diese Landschaft immer aus demselben Blickwinkel, jedoch an aufeinanderfolgenden Zeitpunkten eines Tages aufgenommen. Es entsteht ein Zeitraffer, der die Absurdität der Landschaft mit ihrem Straßensystem sichtbar macht.


Die Ideen und Ergebnisse der Feldarbeit sind von unterschiedlichster Natur. Harald-Reiner Gratz aus Schmalkalden sieht in der Zwiebel "einen wesentlichen Bestandteil unserer frugal-kulturellen Identifikation als Mitteleuropäer", ein "heimatgefühlstiftendes Element", eine "international verbindende Frucht", für die er sich auf die Spuren abendländischer Kunstgeschichte begibt. In der Handschrift verschiedener Künstler - zu ihnen zählen Leonardo, van Gogh, Picasso, Beuys und Baselitz - vollzieht er die Darstellung der Frucht stilistisch nach. Für Walter Sachs hat die "Häutung auch heute noch Bedeutung". Der diesjährige Weimarpreisträger hat gleich mehrere zu Tränen rührende Varianten parat. Die erfolgversprechende Verwirklichung der "77 Zwiebelplastinate" hängt von der Zustimmung des Herrn Hagens ab. Es könnte aber auch passieren, dass anstatt einer Zwiebelmarktkönigin ein - könig gekürt wird, kompetente Anwärter für diesen Posten hat Sachs im Auge. Mindestens aber werden - neben einigen Zwiebeldrucken - sämtliche Sachsschen Anfragen zur Genüge dokumentiert.

Natürlich geht es auch um die Wurst. Die Thüringer Bratwurst ist eine Legende. Die Hommage des Weimarers Peter Heckwolf an die Bratwurst und ihre Erzeuger wird mit einer frischgeschlachteten Schweineschnauze im Stempeldruckverfahren gerastert und ist erst aus der Distanz als ganze Wurst zu erkennen. Heckwolf gehört zu den Liebhabern der Bratwurst, fröhnt ihr bedingungslos, "da die gegrillte Wurst auf der Hand mit dem tropfenden Senf ein haptisches Erlebnis ist und jegliches anerzogenes Essverhalten außer Kraft setzt". Die Kölnerin Anja Ibsch setzt dem "wichtigsten thüringischen Exportgut" ein Denkmal. Ein Grill wird von 30 Würsten aus Beton, "wie die Bratwurst im Weimar der Plattenbausiedlungen und des Bauhauses aus dem Leben nicht mehr wegzudenken", geziert. Ibsch bietet ihre "Original Beton Thüringer" (Zutaten: Zement, Sand) auf dem Markt an. Die mittlerweile in Berlin lebende Annette Munk richtet ihren Blick auf unbekanntere, jedoch regional legendäre Erfindungen aus dem Thüringer Wald. "In meiner Familie finden sich nicht nur die typische Kartoffelpresse, alte bronzene Wärmflaschen, Spinnrad, Kötze und Hockmantel usw. Es haben sich auch mehrere seltene und außergewöhnliche Stücke erhalten, die von einer besonderen Fähigkeit im Umgang mit den seelischen Belastungen des vorwiegend armseligen und beschwerlichen Alltags in der Gegend zeugen, sozusagen seelische Haushaltsgeräte. Zu ihnen zählt der 'Sorriche-Schnu' oder auch 'Sorgenfänger', ein runder Hohlkörper aus braunem Filz mit verschiedenen Lochungen, der bis zum heutigen Tage, aufgehangen an der Wand, seine Pflicht tut." Die Verwendung der 'Tränensäckchen', kleiner augenförmiger Gegenstände aus rotem Satin, ausgestattet mit einer Öffnung an ihrem Hals und einer Reihe schwarzer Wimpern, ist hingegen niemandem mehr ganz klar." Eine nähere Untersuchung zum Gebrauch dieser Gegenstände gehört zum Projekt von Annette Munk. Den inflationär zunehmenden und bisweilen grotesk anmutenden Massen-Kulturtourismus im Kulturstadtjahr, der den Anschein erweckt, als ob die Stadt nur noch aus Besuchern besteht, nimmt der Weimarer Claus Bach in seiner Fotoserie "Das Double" aufs Korn. Dem Phänomen nachspürend, hat er sich selbst an bekannten und nicht-touristischen Orten fotografiert, verkleidet als Tourist mit den obligatorischen Utensilien: Basecap, Sonnenbrille, T-Shirt, Fotoapparat, Bermuda-Shorts, Sandalen, bewaffnet mit einem "SALVE - Fußabtreter" und beleitet von einem Hund. Maria Vill, Kerstin Hanisch und Steffen Mittelsdorf von der Bauhaus-Universität Weimar begleiteten im Juni 1999 in ihrem Projekt "Goethe goes Wladiwostok" eine Goethebüste auf ihrem Weg nach Wladiwostok, um sie dort dem Bürgermeister zu übergeben. Die Aktion symbolisierte die Flucht des überbeanspruchten Goethe aus der Kulturhauptstadt. Goethe reiste nicht anonym: In der Transsibirischen Eisenbahn wurde ihm ein gemütlicher Salon eingerichtet, in dem die Mitreisenden ein- und ausgingen. Lesungen aus Goethes "Italienischer Reise" in russischer Sprache und andere Aktionen der Reise werden im Projektfilm vorgestellt. Den untrennbar mit dem Zwiebelmarkt verbundenen Weimarer Stadtlauf sieht der hier lebende David Mannstein als Kunstaktion, als Langkunstlauf, an dem er erstmalig teilnimmt. Für die Ausstellung entsteht in den Wochen des vorbereitenden Trainings eine Fotoreihe, während des Laufs ein Kunstlauffilm. Die Erfurterin Sabine-Cornelia Sauermilch läßt Profile von Weimarer Persönlichkeiten als architektonisches Schmuckwerk in profilierten Stuckbändern über Wände und Decken der Galerie laufen. Nur an den Schnittstellen oder Enden ist das Profil der jeweiligen Persönlichkeit zu erkennen - ein Versuch der Profilierung?

Die Vielfalt Thüringer Kunst, auf die man sich derzeit auch in weiteren Ausstellungen besinnt, scheint grenzenlos: Anna Werkmeisters (Berlin) "Bauhaus-Zwiebel-Lampe", die "Geheimratsecken" in Schokolade von Joachim Schulz (Gera), die historischen Backbleche und die alten, abgenommenen Schieferschindeln der Bettina Schünemann (Dietzhausen/Suhl) oder der "Goethe-Vibrator" als "befriedigendstes Souvenir, das frau in Weimar kaufen kann" von Marianne Buttstädt (Weimar), zeugen davon.