ausstellung

Eine italienische Reise.
Weimar - Rom - Neapel.

ausstellung
Große Galerie
Sommerausstellung des ACC.
Raimund Kummer (Berlin), Nicola de Maria (Turin), Eliseo Mattiacci (Monteluro di Tavullia), Mimmo Paladino (Mailand), Eva-Maria Schön (Berlin) & Janaina Tschäpe (New York). Kuratorin: Dr. Patrizia Bisci.
Eröffnung am Freitag, dem 18.6.1999, 20 Uhr. Vom 19.6. bis 15.8.1999.
Dienstag bis Sonntag von 12 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung geöffnet. Führungen jeden Sonntag 15 Uhr.
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog in italienischer und deutscher Sprache.
Mit Unterstützung des Ministerio degli Affari Esteri Italiano, des Istituto Italiano di Cultura Berlin, der Stadt Weimar und des Thüringer Ministeriums für Justiz- und Europaangelegenheiten.

Raimund Kummer hat von 1992-95 in Italien gelebt. Dort entstanden auch zwei gläserne - der menschlichen Anatomie nachempfundene - Herzen. Sie sind in Weimar, sich auf den Stirnseiten eines großen Birken- holztisches gegenüberstehend, zu sehen. Schraubzwingen, die das weiße und das rote Herz vom Sturz oder einer Flucht abhalten, werden angesichts solcher Fragilität zu Folterinstrumenten. Kummer nennt seine Skulptur zwischen Dialog und Konfrontation im Sinne des filmischen Achselsprungs "Schuss-Gegenschuss". Wo Goethe die erste eigene Weimarer Wohnung hatte, entsteht eine fiktiv-intime Lebens- und Wohnsituation.

"Ich treffe den Universalmensch Goethe im Copy-Shop." schreibt Eva-Maria Schön über ihre fotografische Sammlung "Universalmensch". In einem Galerieraum mischt sie das "Kulturgut Goethe", Details aus Goethes Haus (unerhebliche Ecken, ein klassizistisches Möbelstück, ausgetretener Dielenfußboden, eine römische Skulptur, ein altes Bett) mit ihrer eigenen Geschichte (Fotografien von Wasser und Pflanzen, Wand- und Bodenrisse, historische Fotografien einer zerstörten Stadt, Canalettos Radierung, "Innere Gärten") zu einer Installation von 100 Fotos als Kopien. Goethe holte sich die italienische Campagne als Kopie in sein Haus. Schön bringt Goethes Haus als Kopie in die Galerie. "Alles unter einem Dach, Universalanspruch und doch nur ein Privathaus." Die Kopiermaschine wird zur Mischmaschine, die - ob schwarzweiß oder farbig - die Kollektion auf eine gemeinsame Formensprache in A3 egalisiert. Im Zentrum des Langzeit-Reiseprojekts "Geography of Space" von Janaina Tschäpe steht ihr eigener Körper als physischer Ausgangspunkt. Seit zwei Jahren erkundet die Künstlerin die Orte, Räume, Landschaften - Straßen, Hotelzimmer, Strände - ihres jeweiligen Aufenthalts. Indem sie sich dort auf den Boden legt, das Gesicht zur Erde, passiv wie eine Tote, in der Vorstellung, zu sterben, fühlt sie sich ein in ihre Umgebung, greift ein, markiert sie und verändert sie mit diesen Aktionen, die sie in Fotografien festhält. Ihrem Instinkt auf dieser Wanderschaft folgend, der sie auch durch weite Teile Italiens führte, saugt sie etwas von der Mentalität des Ortes auf und tauscht es gegen einen Teil ihrer Persönlichkeit. "In jedem dieser Länder habe ich eine Geschichte, eine Liebesgeschichte, einen Teil meines Lebens gelebt. In jedem Ort bin ich ein bißchen gestorben. In jedem Raum bleibt ein Stück von mir. Ich setze meine Landkarte der Erinnerungen zusammen, und trage alle Leben in mir." Neben großformatigen Colorprint-Serien anderer Orte bezieht sie auch solche ihres jüngsten Pilgerorts Weimar ein.

Von Nicola de Maria stammt das Ölgemälde "Festa nella camera della testa" - "Fest in der Schädelkammer". Für Maria, dessen Bilder an die Farben und Formen des Bauhauses erinnern, die gleiche spirituelle Spannung wie die von Klee und Kandinsky haben, ist Weimar eine Stadt mit einer glücklichen Geschichte, die beschützt werden muss. Den Maler besuchte die Kuratorin jüngst in seinem Atelier und sagt selbst, "seine Mal-kunst ist, den Olymp zu erreichen. Seine Farben sind rein und begleiten ihn ständig: In seiner direkten Umge- bung, in seinen Worten, in seinen Gesten." Ausgehend von kleinen fotografischen Skizzen und bemalten Blättern entstehen Werke mit "kosmischer Atmosphäre" und "traumhaft-visionärer Dimension", die "Antike und Traum von der Zukunft vereinen". Wie Goethes Reise zeugen sie von Risiko und Gefahr, von der Suche und der Verliebtheit. De Maria: "Rom ist eine göttliche Stadt... Mit seiner Kultur und Schönheit wie geschaffen für die Seele... Goethe hätte so gern die Seele Roms nach Weimar gebracht... Denn Rom und Weimar, das sind zwei Extreme." Eliseo Mattiacci, der zuerst der "arte povera" und dann der "concept art" angehörte, strebt einen physischen Kontakt mit den Dingen an, er will sie "mit den Händen berühren, sie analysieren und verdichten, sie durchqueren." Seine ortsbezogene Deckeninstallation "Moto di Spazi Cosmici" - "Bewe- gung kosmischer Räume" ist mit dem Himmel als "Raum der Erfindungen" verbunden. Mit industriellen Ma- terialien (Eisennetze verschiedener Größen) konstruiert Mattiacci sein vielschichtiges, beim Betreten klingendes Fragment des Universums, einen Raum im Raum, um das Verhältnis des eigenen Körpers im Dreidimen- sionalen auszumessen. In seinen Arbeiten vereint er Individuum und Kosmos, Instinkt und Vernunft, antike Natur- und urbane Industrielandschaft. In seinem Dokumentationsvideo "Un Ascolto di Vuoto" - "Das Gehör der Leere" wird ein überdimensionierter Gong in einem Steinbruch im Gebirge aufwendig zum Klingen gebracht. Mimmo Paladino, dessen Bilder voller Verweise auf ursprüngliche Mythen stecken, wandte sich in den siebziger Jahren von den vorherrschenden Stilrichtungen der "concept art" und "arte povera" ab, um sich dem "Unerforschbaren" und dem "Geheimnis der Dinge" zuzuwenden. Das von Mimmo Paladino für Weimar ausgewählte Gemälde "Il respiro della bellezza III" - "Der Atem der Schönheit III" (Öl auf Holz) gehört zu einer siebenteiligen Serie von Bildern gleichen Titels. Es zeigt eine weinende menschliche Figur, die an die klassische Traurigkeit des "Gilles" von Watteau erinnert. Leben und Tod, das "universale Weinen des Regens" (Bisci), die Freude und der Schmerz erfüllen den Raum des Ausstellungsortes.

Goethe beginnt seine italienische Reise im September 1786 und bleibt bis 1788 in Italien. Besonders faszinieren ihn die Städte Rom und Neapel durch die Toleranz, die klassische Kultur, die Lebensfreude und die Schönheit der Natur. Was verbindet die drei Städte Weimar, Rom und Neapel? Ist es nur Weimars Sehnsucht nach Orten von großartiger Schönheit und vollkommenem Licht? Die künstlerische, historische und politische Bedeutung des Projekts liegt in seiner Verwurzelung im 18. Jahrhundert. Die Distanz, die uns heute von einem präzisen Interesse gegenüber der klassischen Epoche trennt, ist ebenso Gegenstand des Ausstellungsprojektes wie das Thema des Reisens während der vergangenen Jahrhunderte bis heute. Aber auch die Erfüllung individueller Lebensentwürfe, persönlicher Hoffnungen und Erwartungen, die ihren Ursprung oft im Reisen haben, werden thematisiert. Sie wiederum sind nicht zu trennen von jener Demokratie und ihrem beständigen Aufbau, Generation um Generation, Stadt um Stadt, Staat um Staat, die damals wie heute eng mit den Begriffen Weimar, Rom und Neapel verbunden ist.