ausstellung

Gemeinschaft - Gesellschaft (Community - Society)

ausstellung
Große ACC-Galerie
Gemeinschaft - Gesellschaft (Community - Society)
Esra Ersen (Istanbul), Bettina Allamoda (Berlin), Apolonija Sustersic (Amsterdam/Ljubljana)
Fotografie, Video-Installationen, Raum-Environments, Objekte.
Eintritt frei!
20.2. bis 4.4.99.
Eröffnung Freitag, 19.2.99, 17 Uhr.
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.
Dienstag bis Sonntag von 12 bis 18 Uhr geöffnet.
Führungen jeden Sonntag 15 Uhr.

Während ihres Aufenthalts in Weimar befasste sich Esra Ersen mit den Sitten und Gebräuchen der Einwohner dieser Stadt. Sie begann mit den sozialen Konstellationen der Straße, in der sie lebte: ihr eigenes, aus- schließlich für Künstler reserviertes Haus, nebenan ein Altersheim, am Ende der Straße ein Heim für geistig Behinderte und gegenüber eine andere Art von "Gemeinschaft": der Friedhof der Stadt, wo die Sarkophage Goethes und Schillers in der Fürstengruft stehen. Die Überlebenden der "Arche Noah" feierten den Tag, da die Flut vorüber war, mit einem Festessen von dem an Bord übriggebliebenen Proviant. Die Moslems gedenken dieser Tradition mit einem jährlichen Feiertag, "Asure" genannt, aus dessen Anlass das ebenso benannte Ge- richt gemeinsam zubereitet und mit den Nachbarn geteilt wird. So tat es auch Esra Ersen am 1. Mai 1998 in Weimar. Auch die zweite Arbeit der Türkin aus Istanbul, "Die keinen Namen haben", befasst sich mit Aspekten gesellschaftlicher Akzeptanz bzw. Ausgrenzung. Ersen: "Solange es Gemeinschaften gibt, wird es auch Ausge- grenzte geben, die einen Namen bekommen werden, oder denen man Attribute zuordnet, Schubladen, die sie nicht selbst gewählt haben." Der Autor Jorges Luis Borges erzählt von einer chinesischen Enzyklopädie, in der die Tiere in verschiedene Gruppen klassifiziert sind, wie z.B. "herrenlose Hunde" oder "einbalsamierte Tiere". Jede beliebige Erkenntnis kann demnach der Errichtung einer Ordnung zugrundegelegt werden. Ersens Installation reflektiert Borges' Klassifikation auf zahlreichen, lateinisch beschrifteten Steinplatten an der Straßenfassade des ACC. Die so erschaffenen neuen "Ausstellungsgäste" und die Unmöglichkeit ihres kategorischen Erfassens im Galerienkontext hinterfragt die Welt der Klassifizierungen, setzt sie in neue Relationen. Ausgangspunkt von Bettina Allamodas Video-Installation "Performance Collage: Bauhaus Performance" ist eine "touristische" Studie berühmter Baudenkmäler Weimars aus den 20ern und 30ern bis heute. Aufnahmen und Details vom Haus am Horn, der "Halle der Volksgemeinschaft" oder Oskar Schlemmers Fresken im ehemaligen Bauhaus-Gebäude werden kombiniert mit Ansichten von eher obskuren "Monumenten",wie dem Hinterhof des Hotels Elephant oder den Pfählen eines Gartenzauns, die in Buchenwald verwendet wurden. Eine Sequenz zeigt einen jungen Baum, der neben dem imposanten ehemaligen Gauforum in Zeitlupe im Wind flattert - ein surreales Bild, in dem Ephemeres und Unzerstörbares aufeinandertreffen. Allamoda hat diese dokumentarisch angelegte Filmcollage vor der Ausstellung an eine Galeriewand projiziert. Sie selbst agiert - wie die Hostessen der inflationären Gameshows, mit ausladenden Handbewegungen auf besondere Details verweisend - als "Moderatorin" innerhalb der gewählten Schauplätze, wird selbst Teil der projizierten Bilder und Architektur. Die fiktive Performance wird, begleitet von Nachrichtentexten, Zitaten, Interviewfrag- menten und einem psychedelischen Soundtrack, der den "meditativen Sog" der Arbeit unterstreicht, zur One-Woman-Show. Glamourös "aufgedonnert" im Paillettenkleid, mit 70er-Jahre-Make-Up und High Heels, erzeugt die Berlinerin, wenngleich ohne das obligatorische Publikum, mit ihrem Spaziergang durch die Welt von Weimar einen spielerischen Kontrast zur nüchternen Sachlichkeit auf der Bildfläche hinter ihr.

Hauptbestandteil der Arbeit von Apolonija Sustersic aus Ljubljana ist der Raum, nicht nur der leere, geometrische, sondern auch der geistige, soziale und physische. "VideoCinemaCity oder Was man nach sieben Uhr machen kann" schafft im ACC eine Mischung aus Wohnzimmer und Kino, einen Ort der Begegnung, des Vergnügens und Nachdenkens und konfrontiert die Weimarer Gesellschaft unterhaltsam-ironisch mit ihren kulturellen Werten. Auf dem Fußboden himmelblauer Teppichbelag, an den Wänden schwere, orangefarbene Vorhänge, rotbezogene Stuhlpaare: Ganz im modischen IKEA-Stil gibt sich dieses öffentliche und doch private "Zwischen-Raum-Konstrukt". Auf eine große Wand werden Bilder projiziert. In der Anfangssequenz öffnet sich der Kinovorhang, doch die Erwartung nach dem jetzt beginnenden "Neuen" wird nicht bedient. Stattdessen schließt sich der Vorhang wieder, der Film findet nicht statt. Am anderen Ende des Raums steht ein Fernseher. Der ausgestrahlte Film zeigt die Künstlerin während einer Auktion und dem damit verbundenen Abtransport eines in elementarste Teile zerlegten Kinos, dem vorerst letzten Kapitel des "Haus Stadt Weimar". In einem kleinen Nebenraum steht wie im Kino eine Bar mit Popcornmaschine. Beim Verlassen des Kinos hört man Aufnahmen der jüngsten Pressekonferenz, die das Programm der "Kulturstadt Weimar 1999" vorstellte - viel Gerede, viel optimistisches Geschwätz, viel Hype. Und dann herrscht Ruhe, ein belastendes Schweigen. Dann wieder Gerede. Schweigen. Erwartung und Enttäuschung. Sustersic zu ihren in vier Monaten gesammelten Beobachtungen: "Ein Blick auf die Interessen der Besucher Weimars und ihrer Einwohner erhellt sofort, dass die Stadt den Touristen viel mehr bietet als ihren Bewohnern. Die Zahl der Museen und Sehenswürdigkeiten ist bedeutend größer als die der Lebensmittelläden. Nach 19 Uhr beschränkt sich das öffentliche Leben auf Cafés und Restaurants. Zur Zeit gibt es in der Innenstadt noch 2 Kinos, angeblich werden beide geschlossen. Eine 'Kulturstadt' ohne Kino ist paradox."
(Textauszüge aus dem Katalog zur Ausstellung)

Erneut fand die Uneinigkeit der ACC-Besitzer ihre Ausdrucksform in der Kunst. Die Speisekarte des ACC-Cafés zeigt die ursprünglich für die Fassade des Renaissancegebäudes geplante Arbeit "Die keinen Ort haben" der Türkin Esra Ersen. Aus Gründen der Denkmalpflege und aufgrund von Einwänden der Besitzer des Hauses konnte sie nicht im geplanten Sinne verwirklicht werden. Eine aus China stammende Methode zur Ordnung der Tierwelt in "Tiere, die dem Kaiser gehören", "die von weitem wie Fliegen aussehen", "die den Wasserkrug zerbrochen haben" oder "die sich wie die Tollen gebärden" stellt - nun in der Galerie - gleichsam unsere Sicht auf die Dinge und ihre Einteilung in (Menschen-)Gruppen in Frage. Die irritierenden Bezeich- nungen der Tiergruppen scheinen uns verwandter, wenn sie - durch ihre Übersetzung ins Lateinische und ihr Erscheinen auf (Gedenk-)Tafeln - einen Touch des Wissenschaftlich-Paläontologischen, Westlichen, Geschichtlich-Fundierten bekommen. 2) Nach der Formalismusdebatte der 50er Jahre mußten sich u.a. die "Deutschen Werkstätten Hellerau" bei Dresden 1962 die harsche Kritik der Kulturkommission des ZK der SED gefallen lassen. Es fielen Floskeln wie "falsche ideologisch-künstlerische Konzeption", "eiskalter Technizismus der Formen", "Ausschaltung des Dekors", "weitgehende emotionale Verarmung der angewandten Kunst". Im "bauhaus-as-ready-made" hat Bettina Allamoda einen der gebräuchlichen Anbauschränke, ein ausrangiertes Gebrauchtmöbel aus dem Künstleratelier der Stipendiatin, in eine Skulptur mit neuen Funktionen "hineinrecycled". Gerahmt in einen "White Cube" wird das Mobiliar in ein Medium verwandelt, das geschichtliche und nostalgische Projektionen auf ein begehrtes Objekt transparenter macht. In dieser Funktion ähnelt es dem ersten und einzigen Modellwohnhaus der Bauhausmeister ("Haus am Horn"), das anläßlich der Bauhaus-Ausstellung 1923 von Georg Muche errichtet wurde. Das Video im TV-Gerät des Hellerau-Möbels dokumentiert die Veränderung des originalen "White-Cube"-Charakters des 1998 verlassenen Hauses in einen eher funktionalen, heutig-häuslichen Gebrauch mit anliegendem Garten. 3) Die aufwendigste der fünf zur Schau gestellten Arbeiten ist die Filmtheater-Installation "VideoCinemaCity oder Was man nach sieben Uhr machen kann" von Apolonija Sustersic. Fraglich ist, warum und mit welch peinlicher Pünktlichkeit zum Kulturstadtjahr eines der gefragtesten Medien - zumindest seine kommerzielle Verbreitung - vom Kulturstadtleben isoliert ward. Der Film Ausverkauf schildert die Räumung eines beliebten Weimarer Kinos durch die Bürger selbst. Was ist stärker: Sich von dem alten zu trennen? Dem Dolby-Surround-Konsum zu verfallen? Oder die Sehnsucht nach dem Kintopp, alten, gemeinschaftlichen Sehgewohnheiten? Bei Popcorn und der "Stimme des Herrn" (Kauffmann) besteht die Möglichkeit, einige Minuten an solche oder andere Gedanken zu verschwenden.