ausstellung

The Voices from Tokyo

'Beer, Sex, My Life' Hiroyuki Matsukage, 1995

Ausstellung
Große ACC-Galerie
Makoto Aida, Parco Kinoshita, Hiroyuki Matsukage, Oscar Satio Oiwa, Tsuyoshi Ozawa, Masamichi Tosa (alle Tokio, alle *1965).
Fotografie, Installationen, Objekte, Video, Malerei.
Eintritt frei!
20.12.1998 bis 7.2.1999. Dienstag bis Sonntag 12 bis 18 Uhr geöffnet.
Führungen jeden Sonntag 15 Uhr.
Katalog+Plakat.

Die ehrgeizigen und zwiespältigen "Realisten" aus Tokio Die Gruppe 1965 ist keine Gruppe von Künstlern, die einen besonderen -ismus oder ein bestimmtes Bekenntnis teilen. Auch die Geburt der Gruppe ging eher ungeplant vonstatten. Als die Künstler im März 1994 zufällig aufeinandertrafen, stellten sie fest, daß sie alle 1965 geboren wurden. Das brachte sie auf die Idee, ein Label zu gründen, das ihnen eine gewisse Identität verleihen würde. Außer ihrem Alter haben die Künstler fast nichts gemeinsam. Bis heute halten sie an ihren jeweiligen Stilen und Methoden fest und stellten selbst in Tokio bislang nur selten gemeinsam aus. Ebenso ist es kaum anzunehmen, daß sie einige praktische Gründe hatten, die Gruppe zu bilden, abgesehen von der möglichen Erwartung, solch ein Markenzeichen würde irgendwie helfen, die Aufmerksamkeit der Leute auf ihre Aktivitäten zu lenken.

Obwohl man nicht sagen kann, daß ihre Mentalität stellvertretend für alle Künstler dieser Generation stünde, widerspiegeln sie eine gemeinsame Tendenz vieler zeitgenössischer, japanischer Künstler, die in den Sechzigern oder später geboren wurden: Den Zweifel an jeglichen positiven künstlerischen Werten und die Desillusionierung gegenüber dem bestehenden Betriebssystem Kunst einschließlich seiner Museen und Kommerzgalerien.

Die Abneigung der jungen japanischen Künstler, neue Bewegungen oder Kunstideologien ins Leben zu rufen, mag ein Überbleibsel des postmodernistischen Trends sein, die etablierten Kunstwerte zu entthronen; und ihr Mißtrauen in die herkömmlichen Kunstinstitutionen mag teilweise vom Widerwillen der Museen und führenden Galerien verursacht worden sein, inmitten des Konjunkturrückgangs der japanischen Wirtschaft und des Kunstmarkts (nach dem wirtschaftlichen Boom im Lande in den späten Achtzigern) neue Talente zu unterstützen. Bedrückend ist für sie auch die vorherrschende Meinung unter zeitgenössischen, japanischen Künstlern, daß man sich entweder von westlich geprägten Kunst-Standards vollständig freimachen sollte oder den westlichen Strömungen für immer folgen muß.

In einer solchen Stimmung der Ernüchterung und des Zynismus entwickeln die sechs Mitglieder der Gruppe 1965 genügend Ehrgeiz, um im Namen der Kunst etwas Lohnenswertes oder etwas Neues, was die stagnierende Kunst der älteren Generationen ersetzen könnte, ausfindig zu machen. Dies geschieht auf unterschiedliche Weise: In seinen die Methoden traditioneller japanischer Kunst nachahmenden Arbeiten verwandelt Makoto Aida die Flaggschiffe von Japans Subkultur - zum Beispiel Comics oder Pornographie - in bissige Satiren über die landesübliche Kunstwelt, die dazu neigt, Kunst als etwas Feierliches und Privilegiertes anzusehen. Hiroyuki Matsukages "Bijinga"-Serie spielt in sehr zeitgenössischem Stil auf das traditionelle, schöne Frauen verherrlichende Genre der japanischen Malerei an. Zu seinem "Jizoing"-Projekt ließ sich Tsuyoshi Ozawa von "Jizo" inspirieren, einer in Japan beheimateten Gottheit der Kinder, die milde seine Kritik an der zu intellektuellen, konzeptuellen modernen Kunst und vielleicht auch an der verwestlichten japanischen Kunstwelt zum Ausdruck bringt. Parco Kinoshita befaßt sich in seinen Performances mit "Karaoke", einem Produkt der japanischen Popkultur. Seine Arbeiten könnten als Versuch angesehen werden, die Kunst aus den privilegierten Räumen in Museen oder Galerien zu befreien.

Der in Tokio lebende Japan-Brasilianer Oscar Satio Oiwa wirft ein Auge auf die industrialisierte, moderne Welt und verwandelt in seinen Gemälden die Szenerie der gegenwärtigen Verhältnisse in eine poetische Apokalypse.

Und Masamichi Tosa, der im letzten Jahr zur Gruppe stieß (weil er ebenfalls im Jahr 1965 geboren wurde), ist der ältere der Tosa-Brüder, die gemeinsam die Zwei-Mann-Formation "Meiwa Denki" bilden. Die beiden imitieren eine kleine japanische Elektrofirma für Haushaltsgeräte aus den 70er Jahren, in der Masamichi selbst den "Firmenpräsidenten" darstellt. Ihre Arbeiten nennen die Brüder "Produkte" und ihre Performances "Produkt-Präsentationen", was als der wohl radikalste Versuch angesehen werden kann, alle Systeme des Kunstbetriebs in Frage zu stellen. Auch wenn einige der künstlerischen Herangehensweisen überzogen aussehen mögen, werden diese Ansichten von einer beachtlichen Anzahl junger zeitgenössischer Künstler in Japan geteilt und sind in ihren jeweiligen Bestrebungen nach einer neuen Dimension der Kunst, die auf Japans eigenen Verhältnissen basiert, in jedem Falle ernst zu nehmen. Trotz aller ernsthafter - und manchmal verzweifelter - Versuche eines Durchbruchs scheinen sich die fünf Künstler genau darüber im Klaren zu sein, daß es ihnen nie möglich sein wird, den Relitäten der Kunstwelt in Tokio zu entfliehen, die herkömmlichen Systeme und die moderne Kunstgeschichte Japans zu stürzen, solange ihre Arbeiten von nichts anderem als genau diesen Wirklichkeiten inspiriert werden.

Wahrscheinlich rührt daher die ein wenig ambivalente Stimmung, die die meisten ihrer Arbeiten charakterisiert. In diesem Sinne könnten die Künstler der Gruppe 1965 als "Realisten" bezeichnet werden. Und ihre Aktivitäten werden dann am meisten leuchten, wenn man sie vor dem Hintergrund der düsteren Kunstszene Tokios betrachtet, wo sie mit der bitteren Erkenntnis zu arbeiten hatten, daß die Bande zwischen ihnen und ihrem Land so etwas wie ein Karma sind. Satoru Nagoya, Kunstkritiker

Parco Kinoshita, Emergency Karaoke Meeting, ACC Galerie. Zum Einstieg ins europäische Kulturstadtjahr 1999 wird das ACC erstmalig junge japanische Kunst in den Mittelpunkt seiner Aktivitäten rücken, die Tokioter Künstler der Gruppe "Group 1965". Nicht die krampfhafte Suche nach einer gemeinsamen inhaltlichen Basis, sondern das gemeinsame Geburtsjahr - 1965 - gab dem lockeren Künstlerzusammenschluß (jeder von ihnen hat inzwischen eine erfolgreiche eigene Karriere zu verbuchen) seinen Namen und war sein "kleinster gemeinsamer Nenner". In seinen die traditionelle japanische Kunst nachahmenden Arbeiten verwandelt Aida die Flaggschiffe aus Japans Subkultur - zum Beispiel Comics oder Pornographie - in bissige Satiren über die landesübliche Kunstwelt. Matsukages "Bijinga"-Serie spielt auf das traditionelle, schöne Frauen verherrlichende Genre der japanischen Malerei an. Zu seinem "Jizoing"-Projekt ließ sich Ozawa von "Jizo" inspirieren, einer in Japan beheimateten Gottheit der Kinder, die milde seine Kritik an der zu intellektuellen, konzeptuellen modernen Kunst symbolisiert. Kinoshita befasst sich in seinen Performances mit "Karaoke", einem Produkt der japanischen Popkultur. Der Japan-Brasilianer Oiwa verwandelt in seinen Gemälden die Szenerie der gegenwärtigen Industriewelt in poetische Apokalypsen. Und Masamichi Tosa entwickelt mit Meiwa-Denki ganze Kunstproduktgruppen nach üblichen Marketingmustern.

Die ehrgeizigen und zwiespältigen "Realisten" aus Tokio (Text von Satoru Nagoya, Kunstkritiker) "Die Group 1965" ist keine Gruppe von Künstlern, die einen besonderen -ismus oder ein bestimmtes Bekenntnis teilen. Auch die Geburt der Gruppe ging eher ungeplant vonstatten. Als die Künstler im März 1994 zufällig aufeinandertrafen, stellten sie fest, dass sie alle 1965 geboren wurden. Das brachte sie auf die Idee, ein Label zu gründen, das ihnen eine gewisse Identität verleihen würde. Außer ihrem Alter haben die Künstler fast nichts gemeinsam. Bis heute halten sie an ihren jeweiligen Stilen und Methoden fest und stellten selbst in Tokio bislang nur selten gemeinsam aus. Ebenso ist es kaum anzunehmen, dass sie einige praktische Gründe hatten, die Gruppe zu bilden, abgesehen von der möglichen Erwartung, solch ein Markenzeichen würde irgendwie helfen, die Aufmerksamkeit der Leute auf ihre Aktivitäten zu lenken. Obwohl man nicht sagen kann, dass ihre Mentalität stellvertretend für alle Künstler dieser Generation stünde, widerspiegeln sie eine gemeinsame Tendenz vieler zeitgenössischer, japanischer Künstler, die in den Sechzigern oder später geboren wurden: Den Zweifel an jeglichen positiven künstlerischen Werten und die Desillusionierung gegenüber dem bestehenden Betriebssystem Kunst einschließlich seiner Museen und Kommerzgalerien."

Ein junges Mädchen, abgebildet mit einem Kraken, dieser japanische Holzschnitt ("Ukijo-e") des 17. Jahr- hunderts von Hokusai diente als "Vorgabe" zum "Filmgemälde" "Giant Miss Fuji vs. King-Gidora" von Aida. Aida übersetzte dieses Bild mit Hilfe der fliegenden Comicriesin Miss Fuji aus der Comicserie "Ultraman" und Godzillas monströsem Gegner "King-Gidora" in die zeitgenössische Kunst. Von Aida stammt auch die "Aus- rüstung für einen versuchten Selbstmord" und der Kissenturm "Nietzsche". Hiroyuki Matsukages Großbildfoto "Beer, Sex, My Life, Star Beer" (Ausstellungsplakat 10 DM) spielt auf ein traditionelles, schöne Frauen verherrlichendes Genre der japanischen Malerei an, "Bi-jinga" genannt. Neben seinen Frauenaufnahmen arbeitet Matsukage als Grafikdesigner (ist Layouter des Ausstellungskataloges, der 13 DM kostet) und Musiker in der Industrial-Rock-Zwei-Mann-Band "Gorgerous", deren erste CD "Big Star Big Mountain" gerade erschienen und im ACC erhältlich ist (24 DM). Der Japan-Brasilianer Oscar Satio Oiwa verwandelt in seinen Gemälden die Szenerie der gegenwärtigen Industriewelt in poetische Apokalypsen. Die Poesie von Oiwas Gesellschaftskritik tritt wohl dann am deutlichsten zutage, wenn man nah an das Ölbild "Lettuce" herantritt. Dann nämlich verwandelt sich das Lettuce-Feld in einen Acker aus elektronischem Zivilisationsmüll. Die Gemälde "Crow's Nest" (die Krähe baut sich ihr Nest aus Elektrokabeln), "Light Birds" und "Air Lunch" stammen ebenfalls von Oiwa. Seit fünf Jahren befasst sich Parco Kinoshita in seinen Performances und Bildern mit "Karaoke". Ein Aus- gangspunkt zu "Emergency Karaoke Meeting" war das Klischee der Europäer und Amerikaner vom introvertierten Japaner und dessen Unvermögen, sich "auszudrücken". Mit der Kamera hat Kinoshita viele Japaner beim Singen in der "Karaoke-Box" beobachtet und formt damit ein Bild des Vergnügens nach der Arbeit im Tokioter Großstadtalltag. Mit Karaoke will Kinoshita Sprachbarrieren überwinden. Als sich in Kobe das große Erdbeben ereignete, war Tsuyoshi Ozawa geschockt und fragte sich: "Was hätte ich in dieser Situation schnell ergriffen, um damit zu flüchten?" Kurze Zeit später fand er auf Tokios Straßen die hohen, shintuistischen Eboshi-Hüte im Sperrmüll. Die Frage, was man auf der Flucht unter diesem Hut verstauen könne, trieb ihn zum "Eboshi-Project". Auch "Jizoing", "Leute, die durch ein Papierfernglas den Wald beobachten" und "Milk Ceremony" sind zu sehen. Masamichi Tosa vom Künstlerduo "Meiwa-Denki" ("Meiwa-Electronics Com- pany") entwickelt und spielt mit seinem Bruder Nobumichi Musikinstrumente wie die in "Aves Structure #1" zu sehenden Bass- und Drum-Maschinen. Die Werke nennt er "Produkte", die Performances "Produktpräsen- tationen" (siehe Video), sein Vertragspartner ist "Sony Music Entertainment". Den Firmennamen haben sich die Brüder, deren erste CD 1996 herauskam, von ihrem Vater ausgeborgt, dessen Firma 1979 bankrott ging.

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