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Mütter, ihr habt's ja so gewollt.

Ausstellung
Große ACC-Galerie
Die Künstler der Galerie Urs Meile/Luzern Christoph Draeger, Nicole Henning, Stefan Banz, Alexander Obrefenov, Anatolij Shuravlev und Markus Schwander und die Künstler der Galerie EIGEN+ART,Leipzig & Berlin, Nina Fischer & Maroan el Sani, Jörg Herold, Uwe Kowski und Maix Mayer
17. Oktober bis 6. Dezember 1998. Dienstag bis Sonntag von 12 bis 18 Uhr.
Führungen jeden Sonntag 15 Uhr.

Die Galerie Urs Meile/Luzern und ihre Künstler
Markus Schwander, 'Frucht', 1998, Holz/Farbe/Kies, 51x20x11 cm. Fotograf: Claus Bach Wenn man sich in der Schweiz nach international wirkungsvoller Kunst umsieht, wendet man sich normalerweise nach Basel, Genf oder Zürich. Dass es aber auch in der Zentralschweiz globale Kunst gibt, zeigt die Galerie Urs Meile, die selbst in China schon ausgestellt hat. Einige ihrer Künstler sind nun auch bei uns zu sehen: Christoph Draegers Werk "Catastrophy" lebt von der Lust an der Katastrophe. Der ehemalige P.S.1-Stipendiat zeigt eine großformatige Arbeit eines Horrorszenariums, das er im Atelier nachgebaut und fotografiert hat. Die Darstellung dieser nur hundert Quadratmeter großen Verwüstung erinnert an skurille Modelleisenbahnlandschaften aus der Kinderzeit. In Nicole Hennings Arbeit geht es um Narrativität und verschiedene Realitätsebenen sowie um das Ausschöpfen nicht genutzter (Lebens-)Möglichkeiten. Die auf drei Cibachromes gezeigte Leere kann der Zuschauer als eigener Regisseur und Autor mit Hilfe der Frau im beistehenden Leuchtkasten füllen. Stefan Banz: «In welchem Verhältnis stehen Kunst und Fußball? Was passiert, wenn zum Beispiel Werke, die in der Kunst allgemein bekannt sind, zu Begriffen werden und auf dem Fußballfeld auftauchen und die Werbung ersetzen? Können sie eine Verschiebung provozieren? Gibt es eine Form, Kunst im und durch den Fußball zu imaginieren? Wie bringe ich Kunst auf den Fußballplatz?» Die Hauptquelle von Alexander Obretenovs künstlerischer Inspiration liegt in seiner Verwurzelung mit seinem Heimatland Bulgarien. Die Verfremdung von Fotografien alter, auf den Straßen Sofias lebenden Menschen durch Computeranimation und Handzeichnungen bis hin zur Verwendung mit schwarzer Acrylfarbe gestrichener Holzplatten wird ergänzt durch ein parallel laufendes Video, das zur Musik von Fats Wallers die gleichen Menschen von hinten in Slow-Motion zeigt. Anatolij Shuravlevs fotografischen Reproduktionen von Kunstwerken aus verschiedenen historischen Epochen - Ägypten, griechische und römische Antike, Gotik - bilden kunsthistorische Monografien, die in fototechnischen Verfahren eine Transformation durchlaufen und sich dadurch der "Politik der Repräsentation" widmen. Markus Schwanders "Frucht" steht für ihn als ein schon ziemlich altes Symbol für das, was heute globale Vernetzung genannt wird: die Banane. Ein Objekt der Begierde, wenn man's nicht kriegt und das verstopft, wenn man zuviel davon kriegt. Man sagt, in ihr sei ein Stoff, der glücklich macht, und das letzte, was zu hören war, ist, dass die Genforscher daran sind, die Banane zu einer Impfung gegen Cholera zu manipulieren.

Abb.: Markus Schwander, "Frucht", 1998, Holz/Farbe/Kies, 51x20x11 cm. Fotograf: Claus Bach

Die Galerie EIGEN+ART besteht seit 1983 in Leipzig und war bis 1989 eine der wenigen Privatgalerien in der ehemaligen DDR. Dem Unternehmen, bis 1989 noch illegal, gelang es dennoch, mit seinen Ausstellun- gen und zahlreichen Aktivitäten zu einem Zentrum junger unangepaßter Kunst zu werden. Seit 1992 gibt es EIGEN+ART auch in Berlin. Schwerpunkt der Galeriearbeit ist u.a. das Aufzeigen von Positionen, die Künstler einnehmen, die nicht aus Deutschland kommen, ihre Zukunftsvisionen aber auf diese Stadt projizieren. Seit 15 Jahren befaßt sich Akos Birkas (*1941) in seinem malerischen und zeichnerischen Werk mit der Ovalform als "Kopf". Diese Arbeiten leiten sich von Porträtbildern ab; dabei wird der Kopf aber nicht mehr im Sinne der Darstellung einer Person, sondern als Ort von Gedanken, Empfindungen und Erlebnissen begriffen. Durch die Umwandlung eines visuellen Raumes in Töne, die ohne jegliche Verschönerung - "Techno" in Reinstform sozusagen - dem Betrachter per Lautsprecher und Kopfhörer angeboten werden, läßt sich Raum doppelsinnig, synästhetisch erfahren. Eigens für Herolds (*1965) "Tonbau II" wurde eine Kamera entwickelt. Uwe Kowskis (*1963) Bilder erinnern bei erstem Ansehen an alte Tapetenreste, schichtartig lassen sie frühe Erinnerungen wiedererstehen und wecken vergessene Emotionen. Ihr Zusamenspiel mit den dreidimensional gemalten Gebrauchsgegenständen im Vordergrund (Stühle, Leitern, Motoren) stellt den Menschen in den Mit- telpunkt, der zwar alle gezeigten Gegenstände selber erschaffen hat, ihnen aber auch hilflos ausgeliefert ist.

"Photographien evozieren Erinnerungen und wenden sich zugleich an unsere Imagination. Manchmal ist es schwierig, diese beiden Funktionen auseinanderzuhalten. Vielleicht entfalten Photographien in jenen Momen- ten, in denen dies nicht gelingt, ihre stärkste Wirkung." (Roman Kurzmeyer). Annelies Strbas (*1947) lyrisch-poetische Photographien entstanden über mehrere Jahrzehnte hin und zeigen vor allem ihre Familie.

Der Film "Die Welt des TROPISTEN, ein Remake", eine zwischen Dokumentation und Fiktion, zwischen Traum und Alptraum pendelnde Welt, zeigt das Verschwinden der Grenze zwischen fiktionalen und dokumentarischen Genres auf. Hier verwendet Maix Mayer (*1960) andere Sequenzen seines "TROPE"-Projekts, das mittels Film und Plakat die Zusammenarbeit zwischen Künstler und Architekt am Bau/im Bauprozess schildert. Das Videotape "millenniumania" von Nina Fischer (*1965) und Maroan el Sani (*1966) befaßt sich mit dem Mythos, bestimmte Orte in bestimmten Zeitzonen der Erde seien schneller als andere. 24 Berliner Plätze stehen für die 24 Erdzeitzonen. Die Geschwindigkeit der 24 Videofilmbilder bestimmen die darauf zu sehenden Fußgänger.