ausstellung

Erfahrungsaustausch

Ausstellung
Große ACC-Galerie
Peter Bauer (Dresden).
Zeichnungen, Installationen, Modelle, Videos.
Eröffnung: 28. August 1998, 20 Uhr
29. August bis 11. Oktober 1998. Dienstag bis Sonntag von 12 bis 18 Uhr.
Führungen jeden Sonntag 15 Uhr.

Das zweite Einzelprojekt Bauers (*1955) im ACC liefert zugleich den bisher umfangreichsten Überblick über das Schaffen des Dresdners in den letzten vier Jahren, "Augensammlungen und Gedankenreste". Knietsch Projekt Knietschs Welt (1995/97) ist eine polymaterielle Arbeit, deren Ausgangsmaterial ich 1995 in Weimar vorfand: Einige alte S/8-Schmalfilme. Die Filmrollen in den Plastikschachteln waren akkurat beschriftet und verliehen dem Material eine gewisse Bedeutung. Die Titel, wie 'Brigade X. Parteitag', 'Auffindung der Pulle/ Knietsch/Weimar', belustigten, weckten aber auch Interesse. Anscheinend von einem Amateurfilmer aufgenommen, zeigen sie un- spektakulär z.B. Reiseaufnahmen im Harz, die Leipziger Messe, Brigadefeiern, wie sie im Osten Deutschlands vor 1985 üblich waren, sowie drei Personen, unter denen sich offensichtlich auch der Filmer befindet. Die Kamera gleitet in einer Form von Nervosität und Nichtinnehalten über Stadt und Land und Mensch, vor allem aber über Nebensächlichkeiten, die das innere Auge des Betrachters in die Richtung eines 'Restes' lenkt (unwichtige Ecken einer Landschaft, Ränder von Straßen, Liegengebliebenes u.a.). Damals beschloß ich, mit dem Fundmaterial zu arbeiten und ein Publikum damit zu konfrontieren. Inzwischen gibt es Filmvorführungen des Originalmaterials, die Videokurzfilme 'Hobby' und 'Privatempfang', die Talkperformance 'Knietschs Welt', in der u.a. mit S/8-Projektionen gearbeitet wird und einige audiovisuelle Modelle, die mit Standbildern aus den S/8-Filmen und hörbaren Texten bestückt sind." (Peter Bauer) Knietsch Projekt

"Als die Geschichte die Spur wechselte, verlor das Malen für ihn an Bedeutung. Solange die Abdrücke noch frisch waren, trieb ihn eine zwanghafte Spurensicherung an all jene von der verdrängten Macht verlassenen Orte. Er sammelte alles, was weggeschmissen wurde, was keiner mehr wollte. Einst vertraute Ereignisse, Gesichter und Worte fand er im Müll, abgehakt. Eine heilsame Erinnerungswut überkam ihn. Den Namenlosen, den Menschen, die ansonsten im Dunkel der Geschichte zu verschwinden drohen, widmet er Papierarbeiten, Zeichnungen, verbunden mit Aquarellen und Scherenschnitten. Ihnen zu Ehren und vergangenheitsüberwältigt, versucht er sich im Filmgeschäft, zitiert den Film im Film ohne erkennbaren Höhepunkt, in ständiger Anspannung auf Entladung wartend. Sein Ziel ist der Denkort für die Unbekannten. Ihretwegen verarbeitet er schon jetzt auf dem Papier Täter- und Opferbilder, verschweißt zarte Linien und Gespinste mit Farben, die in Blässe verlaufen, und grob und fein gescherten Ein- und Aus-Schnitten." (Andrea Dietrich)

Knietsch Projekt Nach der Wende in der Geschichte Ostdeutschlands stellte sich für Peter Bauer immer wieder die Frage nach dem Umgang mit jenen "Überbleibseln" bestimmter Zeitabschnitte. Unbeachtetes, Vergessenes, Verworfenes oder Weggeworfenes, all dies sind für ihn Verweise, die durch die Zeit in die Gegenwart hineinragen, Kontinuität bedeuten. In seiner Auseinandersetzung damit sucht Peter Bauer nicht nach dem historisch Bedeutungsvollen, den großen Zeitläufen. Statt dessen findet er Gewöhnliches: Postkarten, Fotografien, Filmspulen, Textfragmente und daneben den Menschen als Träger von Geschichte und Geschichten. Er sammelt, um die Spuren zu sichern.

Knietschs Welt ist eine polymaterielle Projektarbeit "in process", die ihren Ausgangspunkt im Dachgeschoss des ACC-Gebäudes fand: Dort stieß Peter Bauer 1995 auf S/8-Streifen aus den 70er und 80er Jahren. Die unspektakulären Freizeitaufnahmen eines Freundestrios waren ihm Anstoß, sich dem Material von verschiedenen Blickwinkeln zu nähern. Das Ergebnis ist in der Ausstellung am Beispiel der Videokurzfilme "Hobby" und "Privatempfang" und dem Performancebuch zu sehen. Andere Arbeiten zeigen Peters Bauers Lust am Bauen: Audiovisuelle und kinetische Modelle und Installationen, kleine Denkstätten, Plattformen für unbedeutende Schaustücke, Collagen aus Schnipseln - Erinnerungsresten gleich. Die unterschiedlichsten Materialien und Techniken treffen in seinen Modellen aufeinander und beanspruchen in ihrer Vielfalt die Aufmerksamkeit des Besuchers.

Das Auge kann nicht huschen. Zu klein sind die eingefügten Fragmente aus Fotografien, Zeichnungen und Texten, sind Einladung zum Herantreten. Begegnet Ihnen Bekanntes?

Ohren müssen gespitzt werden: Geräusche und Endlostextstücke tönen aus audiovisuellen Kästen, intensivieren und bereichern das bloße Betrachten. Finger dürfen benutzt werden, um sich heranzutasten und etwas zu begreifen. Bilder und Modelle sind kleine Erfahrungsräume. Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher Katalog zum Gesamtschaffen Bauers, der in Koproduktion mit dem Dresdener Leonhardi-Museum und der Galerie für Gegenwärtige Kunst Neustrelitz entstand.