ausstellung

STADTRUNDFAHRT

Claus Bach (Weimar) und Naomi Tereza Salmon (Weimar).
Fotografie, Video, Objekte.
1. Mai bis 14. Juni 1998,
Dienstag bis Sonntag von 12 bis 18 Uhr.
Führungen jeden Sonntag 15 Uhr.
Eröffnung am 30. April 1998 um 20 Uhr im Beisein der Künstler.
Es erscheint ein Leporello.

STADTRUNDFAHRT Das Gemeinschaftsprojekt der beiden Künstler erzählt auf ironische Art vom Verhältnis zwischen eigener Wahrnehmung und der Kommunikation im Alltag am Beispiel des Phänomens Stadttourismus, dem Weimar als Impulsgeber des Projekts auf besondere Art verfallen ist. Dafür suchen und nutzen Bach (*1956 in Schneeberg/seit 1975 in Weimar) und Salmon (*1965 in Jerusalem/seit 1994 in Weimar) Unorte dieser Stadt, abseits des öffentlichen Freizeitgedächtnisses und ausgetretener Touristenpfade. Adäquate Haltungen und Reibungsflächen mit dem städtischen Umfeld ausnutzend, sammelten und fotografierten sie tagebuchartig Fragmente (z.B. abgerissene Plakatwände), Objekte (z.B. alte DDR-Faltbeutel, Briefumschläge) oder Räume (z.B. Teile des Abwasserkanalsystems). Der Umgang mit diesem Rohmaterial ist jedoch ein anderer: Während Salmon ihre Bilder tableauartig in neue Zusammenhänge bringt, entstehen bei Bach inszenierte Fotos und Installationen. Die von Salmon fotografierten Blümchenbeutel (oder Faltbeutel, Schichtbeutel) der 36teiligen Serie

STADTRUNDFAHRT "DDR-Beutel 1:1" sind "Aschenputtel der DDR-Alltagskultur" und stehen in ihrer stereotypen Aneinanderreihung als "alltagspoetischer Abglanz vergangener Selbstverständlichkeit und nostalgisches Erinnerungsgefährt". Ein Schulaufsatz verleiht dem Raum eine weitere poetische Nuance. Bach erweitert mit der Fotoserie "Umschlagbilder" seine Installation "Umschlagplatz" aus Briefumschlägen, in denen sich absurd-infantile Gewaltmeldungen diverser Tageszeitungen befinden, die er seit einigen Jahren sammelt. Einen weiteren Inhalt bilden Pressetexte zu Weimar und Kopien aus Gästebüchern der örtlichen Museen. So können sich die Besucher durch den Raum lesen. Die Situation weist in ihrer ästhetischen Form auf den Voyeurismus und die Informationsinflation unserer Tage hin. Salmons Andenkenserie "Souvenir aus Zwiebeltown" aus Fototableaus wird ebenso wie Bachs Prominentenbillard "Wenn Köpfe rollen...", einer ironischen Objektarbeit zum Kulturstadtjahr, zu sehen sein. Das s/w-Fotopaar "Weimarhalle" von Salmon ruft als Pendant zu Bachs "Amaryllis"-Serie Erinnerungen an das 1997 abgerissene Gebäude wach. Sein Objekt "Kulturstadtengelpyramide" wird von Salmons fotografierten und zu Tableaus zusammengestellten Objekten aus dem Inventar des MZG vom August 1997 (in den Dreißigern als Halle der Volksgemeinschaft begonnen und zu DDR-Zeiten als sogenanntes Mehrzweckgebäude vollendet) gekontert. STADTRUNDFAHRT Bachs Videoprojektion 'Stadtrundfahrt' zeigt eine Reise in Weimars Abwasserkanalsystem unter dem historischen Stadtkern, zu dem eine angenehm plaudernde Frauenstimme über die örtliche Historie referiert. Die frech-witzige Bild-Text-Korrespondenz verweist neben dem bekannten Massentourismus-Phänomen auch auf andere Zusammenhänge. Das Labyrinth unterirdischer Kanäle als das älteste von Menschen errichtete Verbindungssystem stellt das Pendant zur heutigen globalen virtuellen Vernetzung unserer Welt dar.

STADTRUNDFAHRT Die Ausstellung wird von der Stiftung Kulturfonds, dem Thüringer Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur und der Stadt Weimar unterstützt.