ausstellung

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PIERRE ET GILLES

Sommerausstellung der ACC Galerie
Große ACC Galerie
Zu schön, um wahr zu sein. Pierre und Gilles treffen Goethe und Nina.
Ein Pariser Künstlerpaar in Weimar. Pierre et Gilles (Paris),
übermalte Fotografie
21.7.96 - 22.9.96
Täglich 12-18 Uhr. Eintritt 5,-DM/3,-DM.
Eintrittsfreie Tage: Dienstag und Mittwoch

Einladungskarte Jeden Sommer stellt die ACC Galerie Arbeiten von Künstlern vor, die den Zeitgeist ihrer Epoche mit den Mitteln der Kunst prägen. Zu ihnen zählten die Photographen des Dessauer Bauhauses, Paul Klee, die Künstler aus Gugging, Cindy Sherman und William Wegman: Namen, die über das ACC erneut oder erstmals Weimars Öffentlichkeit fanden und 16.000 Besucher an den Burgplatz riefen. Der Burgplatz ist in diesem Sommer wieder Umschlagplatz für Kunst und somit Schnittstelle für die Begegnung mit Grenzgängern zwischen Traumwelt und Realität wie Pierre et Gilles. "Wo Goethe wohnte und die Nina sang" breitet sich nun ihre reiche Ikonensammlung aus. Zunächst läßt der Name Pierre et Gilles ein Taschenspielerduo oder ein Virtuosenpaar aus dem Konzertsaal vermuten. Oder war das nicht der Titel eines Films? Falsch! Zwei der bekanntesten zeitgenössischen Künstler aus Paris verbergen sich dahinter. Sie überraschen Weimars kulturgedüngtes Klassikerpflaster mit 73 aktuellen Arbeiten der Jahre 89-96 in ihrer bisher größten Ausstellung in Deutschland. Eine doppelte Herausforderung für uns: Nach der Erweiterung der Galerie um ihr Dreifaches im Oktober 1995 und der Auszeichnung des ACC mit dem erstmals verliehenen Thüringer Kulturpreis im Dezember 1995 sind die Erwartungen der Öffentlichkeit genauso gestiegen wie die Möglichkeiten im (aus Goethes erstem Weimarer Wohnhaus heraus) expandierten Kunstraum.

Aus einem schier grenzenlosen Repertoire an Heiligenmythen, orientalischem Flitterkram, Devotionalienramsch, Postkartenschmus, Popkultur und Reklame bauen sich Pierre et Gilles ihre eigene Wirklichkeit und setzen die alte, häßliche außer Kraft. Unser Glücksverlangen, unsere selbstvergessenen Träume und rosafarbenen Sehnsüchte nach dem Paradies auf Erden werden wie von Zauberhand sichtbar. Mal sirupsüß, mal goldglitzernd entstand so eine Sammlung von Ikonen einer heilen Welt. Heiligenbilder der Postmoderne als Antwort auf Leonardos Abendmahl und die Sixtinische Madonna. Unter den Models sind Nina Hagen, Catherine Deneuve, Jean-Paul Gaultier, Kylie Minogue...

Alles begann mit farbenfreudigen Fotos von Freunden beim Grimassenschneiden. Die Farben auf den Abzügen waren nicht so intensiv, also nahm Gilles den Pinsel, retuschierte ein Stück Wahrheit weg und übermalte, was Pierre fotografiert hatte. Das war 1976. Die Lust an lasziven, eitlen Posen und die Arbeitsteilung ist bis heute geblieben. Gemeinsam konzipieren und drapieren Pierre et Gilles ihre inzwischen perfekt durchstilisierten, bizarren Arrangements. Anything goes: Plastikblumen blühen, Tautropfen glitzern, Tränen perlen, Blicke schmachten, Mündchen schmollen, Hände sind demutsvoll gefaltet. Vorfabrizierte Gebärden, die sich irgendwo im Fadenkreuz von Walt Disney, Soap Opera, Bibel und Märchenkiste bewegen. "Es war einmal..." ist lange her. Jetzt werden Träume wahr.

Pierre et Gilles: LE PETIT JARDINIER, Didier 1993

Doch bald paart sich der vergnügliche Genuß mit dem makabren Reiz dieser Retortenwesen. Ihre makellose und blutleere Schönheit läßt's ungemütlich werden in der ästhetischen Kuschelecke. Was verbirgt sich hinter der aufdringlichen Sanftheit solch faltenloser, geschminkter Leichen? In einem ehemaligen Kaufhaus am Rande von Paris konnten wir unsere sentimentale Odyssee durch das Universum von Pierre et Gilles starten. Wir trafen eine Auswahl neuer und neuester Tableaus für Weimar und den parallel erscheinenden kleinen Katalog. Ein Interview, das im Wohnstudio der beiden entstand, ist neben 35 Abbildungen ausgestellter Arbeiten und Texten in dieses Büchlein aufgenommen worden (das fünfte der quadratischen ACC-Bändchen: 132 Seiten, 28,- DM in der Galerie).

Zur Eröffnung der Ausstellung waren Pierre und Gilles anwesend. Nina Hagen, die am Eröffnungswochenende im ACC Goethe treffen sollte, mußte leider absagen. Das Plakat zur Ausstellung hat in der Öffentlichkeit für einigen Wirbel gesorgt.