14. Internationales Atelierprogramm der ACC Galerie Weimar und der Stadt Weimar

Von der Unbestimmtheit



Internationales Atelierprogramm der ACC Galerie und der Stadt Weimar (seit 1994)

14. Internationales Atelierprogramm 2008 'Von der Unbestimmtheit'

Kontakt:
studioprogram@acc-weimar.de

Bewerbungsschluss war der 7. Dezember 2007

Neue Stipendiaten aus der Türkei, Pakistan und Deutschland

Im Rahmen des 14. Internationalen Atelierprogramms der ACC Galerie und der Stadt Weimar zum Thema "Von der Unbestimmtheit" werden 2008 drei KünstlerInnen für je vier Monate nach Weimar eingeladen. 189 Bewerbungen lagen der Jury vor, die sich in ihrer Sitzung am 11. Dezember 2007 für Asli Cavusoglu aus der Türkei, Muhammad Zeeshan aus Pakistan und Hagen Betzwieser aus Deutschland entschied. Die Mitglieder der Jury waren Susana Sáez, freie Kunsthistorikerin (Berlin), Kai-Uwe Schierz, Kurator und Direktor der Kunsthalle Erfurt, Ursula Seeger, Referentin für bildende Kunst bei der Weimarer Stadtkulturdirektion, Solmaz Shahbazi, Künstlerin (Berlin) und Fatos Üstek, freie Kuratorin (London).

Als erste Stipendiatin wird ab Februar 2008 Asli Cavusoglu aus Istanbul in Weimar zu Gast sein. Ihre Arbeiten bewegen sich an der Grenze zwischen Fiktion und Realität, zwischen Natur und Inszenierung. Seit mehreren Jahren stellt die türkische Künstlerin bei verschiedensten Institutionen Anträge für ortsspezifische und oft unrealisierbare Denkmäler, mit dem Ziel bürokratische Prozesse zu durchdringen und zu befragen.

Im Juni 2008 empfangen die ACC Galerie und die Stadt Weimar den zweiten Stipendiaten, Muhammad Zeeshan aus Lahore (Pakistan). Als Grundlage seiner Arbeiten dienen Bilder und Videos unterschiedlichster kultureller Landschaften und Genres, die er - digital oder physisch verändert - als "sein" Werk miteinander kombiniert. Zeeshan setzt sich mit dem Wesen von Original und Kopie und in dem Zusammenhang mit der kommerziellen Verwertbarkeit künstlerischer Werke auseinander, wenn am Ende der Kunstproduktion niemand - nicht einmal der Künstler - im Besitz eines Originals ist.

Als dritter Stipendiat wird im Oktober 2008 der in Stuttgart lebende Hagen Betzwieser für vier Monate in Weimar leben und arbeiten. Sein "Institut für Allgemeine Theorie" (IAT) stellt Untersuchungen im Übergangsbereich zwischen Wissenschaft und Kunst an. Das IAT versteht sich als Labor für "omnidisziplinäre Gedanken-Experimente" und widmet sich in freier Feldforschung unterschiedlichsten Fragen, z.B. "Wie riecht das Universum?" oder "Wie muss ein Weltraumkanu zum Verlassen der Erde ausgestattet sein?"

Von der Unbestimmtheit

Ob die Natur, der Sternenhimmel, ein Buch oder unser menschliches Miteinander: Ordnung und Unordnung, Bestimmtheit und Unbestimmtheit scheinen inhärente Eigenschaften unserer Welt zu sein. Bestimmtheit widerspiegelt Gesetzmäßigkeiten und damit den Willen der Natur zur Ordnung, während ungeordnete Zustände sich der Beschreibung durch Gesetze entziehen und Unbestimmtheit vermitteln.

Diese Unbestimmtheit tritt uns wie ein Schatten aus allen Winkeln der Welt entgegen. Und obwohl sie uns, dem von zielgerichteten Aktionen und Planungen vorangetriebenen Menschen, ein Dorn im Auge ist und wir sie ausschließen möchten, gewinnt sie zunehmend an Bedeutung, weil immer mehr Wert auf Bestimmtheit gelegt wird. Je umfangreicher die Mittel sind, die in Schutzmechanismen zur Verdrängung der Unbestimmtheit investiert werden - z.B. in der Arbeitslosen- oder Gesundheitsversicherung - umso deutlicher stellen wir fest, dass dies nur mühsam gelingt.

Dennoch ist der geschickte Umgang mit der Unbestimmtheit die Grundlage für die Bewältigung heutiger und künftiger Aufgaben. Unbestimmtheit kann weder aus dem Leben getilgt noch aus dem Universum eliminiert werden. Im Gegenteil: sie mathematisch zu beschreiben und bewerten, ist Gegenstand intensivster Anstrengungen. Über Begriffe wie Angst oder Freiheit wirkt sich Unbestimmtheit auf unseren Alltag aus. Eine Niederlage von heute kann aufgrund der Unbestimmtheit zu einem Gewinn von morgen werden. Wie in der Kunst ist in der Unbestimmtheit unsere Freiheit gefordert.

In technischen, berechenbaren Systemen herrscht eine klare Kausalität als Grundlage für Regeln und Ordnungen vor. In sozialen Gebilden hingegen verursachen einzelne Glieder (Menschen) oft nichtkausale Ereignisse, die den klassischen kausalen Ansätzen das Genick brechen, bis hin zum Zufall, der bekanntesten Form der Unbestimmtheit. Ein Politiker wird kaum für ein durch ihn eingeführtes Gesetz, das erheblichen Schaden verursacht, zur Verantwortung gezogen. Sein Leistungsvermögen misst die Öffentlichkeit eher an der Einhaltung ethischer Normen und moralischer Grundsätze.

Aber auch für die Philosophen (die Konstruktivisten: "es gibt nur eine ‚erfundene Wirklichkeit'") und für die Künstler (ob nun die Impressionisten oder die Zufallsoperationen des John Cage) ist die Unbestimmtheit Voraussetzung und Arbeitsgrundlage. Unbestimmtheit taucht im ästhetischen Schaffensprozess wie auch in der Dokumentation des Realen auf, sie kommt im "regellosen" Werk wie auch in der Entwicklung neuer Regeln vor.

Die KünstlerInnen des 14. Internationalen Atelierprogramms der ACC Galerie Weimar und der Stadt Weimar könnten sich mit der Tatsache auseinandersetzen, dass der Lauf der Dinge niemals vollständig bestimmt sein wird. Sie könnten die Auswirkungen der Unbestimmtheit als ureigene, unzerstörbare Kerneigenschaft der Welt auf das Individuum und die Gesellschaft untersuchen. Oder sie könnten fragen, woher Unbestimmtheit kommt, was sie für die Kunst und das menschliche Leben bedeutet, wie man sie abbilden und welchen Nutzen man aus ihr ziehen kann: Was sie ist. Der Erfahrungsschatz mit der Unbestimmtheit mag so frei, offen und unbestimmt sein wie der Interpretationshorizont zum künstlerischen Dialog mit ihr.

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