12. Internationales Atelierprogramm der ACC Galerie Weimar und der Stadt Weimar

Die Subversion des Stillstands*



Internationales Atelierprogramm der ACC Galerie und der Stadt Weimar (seit 1994)

12. Internationales Atelierprogramm 2006 'Die Subversion des Stillstands*'

Kontakt:
studioprogram@acc-weimar.de

Bewerbungsschluss war der 30.November 2005

Künstler des 12. Internationalen Atelierprogramms 2006

Im Rahmen des 12. Internationalen Atelierprogramms der ACC Galerie und der Stadt Weimar werden 2006 drei Künstler(innen) für je vier Monate nach Weimar eingeladen. 105 Bewerbungen von Künstler(innen) lagen der Jury vor, die sich in ihrer Sitzung am 10. Dezember 2005 für Claudia Hardi aus der Schweiz, Lene Berg aus Norwegen sowie Patrick Ward aus England entschied. Die Mitglieder der Jury waren Jean-Baptiste Joly, Direktor der Akademie Schloss Solitude (Stuttgart), Dr. Helga Lutz, Universität Erfurt, Graduiertenkolleg Mediale Historiographien (Erfurt/Weimar/Jena), Dr. Susanne Meyer-Büser, Kuratorin, Kunstraum München, Reneé Ridgway, Künstlerin/Kuratorin (Amsterdam), Esther Schipper, Galerie Esther Schipper (Berlin) und Nina Wiedemeyer, Kunsthistorikerin, Graduiertenkolleg Mediale Historiographien (Erfurt/Weimar/Jena). Als erste Stipendiatin wird ab Februar 2007 Claudia Hardi zu Gast in Weimar sein.

Die Subversion des Stillstands*

Was Konjunkturritter, Wirtschaftsplaner und Futurologen verunsichert oder gar beängstigt, führt bei vielen anderen zur Entlastung von den Zumutungen des Lebens und des geschichtlichen Prozesses: der Stillstand, das Null-Wachstum. Wer wollte schon mehr Kriege, Krankheiten und Seuchen, Verelendung und Ängste, Rüstungspotenziale und Armutsraten? Stillesein, Stillhalten, Innehalten werden zu Tugenden im persönlichen Umgang der Individuen, die ihrer eigenen Ratlosigkeit überdrüssig geworden sind. Zur Ruhe kommen, das Nicht-so-weiter-Machen sind Sehnsüchte in einer beschleunigten Zivilisation des immer Schneller, Höher, Weiter. Der bekannte Slogan Weniger ist Mehr kann so zu Gar nicht mehr ist Alles gesteigert werden. Im langsameren Tempo des Lebens wächst die Fähigkeit des genauer Hinsehens, Zuhörens und Sprechens. Und bedarf nicht die Reflexion über das eigene Leben und das der Gesellschaft immer auch des Stillstehens, Anhaltens und sich Gewahrwerdens? Solche Verweigerung des Tempos mag dann wiederum andere Rastlose bleibend verunsichern. So kann Widerstand gegen den Status quo (der ein dauerndes Weiter so ist) daraus erwachsen, einfach stehen zu bleiben. Und dennoch: In einer Zeit, da rasante und umfassende Veränderungen als notwendig und im Zweifelsfall als positiv gelten, bezeichnen Stillstand und Einhalt gegenüber Dynamik und Wandel einen vergleichsweise seltenen und wenig beachteten Topos.

"Dabei münden Konjunkturen dynamischer Weltbeschreibungen zyklisch in Phasen der Stagnation. Das eben noch als fließend Begriffene und flüchtig Wahrgenommene wird unter dem Gesichtspunkt seiner Stillstellung, seiner Beharrlichkeit und Trägheit aufgefasst. Stehende Gewässer geben Raum für Fragen nach den Bedingungen des in die Krise geratenen Fortschrittsglaubens."

Und so "dominieren nach Phasen mit Appellen des Aufbruchs und Proklamationen des Neuen gegenwärtig eher Rhetoriken des Innehaltens, der Besinnung und der Eindämmung" unerwünschter Folgen des Fortschritts. Künstlerische Ausdrucksformen scheinen besonders geeignet, derlei Prozesse der Stagnation als ewiger Wiederkehr des Alten im Neuen, also "Politiken des Stillstands", zu offenbaren. Praktiken des Verzögerns und Stillstellens werden durch den spezifisch künstlerischen Mediengebrauch beobachtbar. "Vom Fortschritt Erledigtes und Zurückgelassenes kehrt oft zurück, entstellt und unerlöst, in Gespenstern, Wiedergängern oder Retro-Moden." Gerade Künstler fragen seit jeher nach den besonderen Weisen, in denen das Alte Form und Funktion bildend im Neuen fortdauert. Sie thematisieren das vermeintlich Alte und Überkommene, "das Unzeitgemäße und Zeitsprünge, Wirkungsfelder des Anachronistischen". Wo Kunst den Blick still stellt, entsteht nicht Langeweile, sondern Einfühlung und Präzision des Erkennens - eine Subversion aus der Geschwindigkeitsverweigerung.

* Das Programm basiert auf Idee und Konzept der vom 27. bis 29.4.2006 geplanten Tagung "Stehende Gewässer. Medien und Zeitlichkeit der Stagnation" des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Graduiertenkollegs "Mediale Historiographien" der Bauhaus-Universität Weimar, der Universität Erfurt und der Friedrich-Schiller-Universität Jena (http://www.mediale-historiographien.de).
Sämtliche in "Anführungszeichen" gestellten Zitate obigen Textes entstammen dem Konzeptpapier dieser Tagung.

Durch einen bedauerlichen Fehler ist das Urheberrecht an Titel und Konzept "Stehende Gewässer. Medien und Zeitlichkeit der Stagnation" des Graduiertenkollegs "Mediale Historiographien" durch die Ankündigung des Atelierprogramms verletzt worden. Das ACC bedauert dies.


Weitere Informationen:

    Claudia Hardi
    Erste Stipendiatin des 12. Internationalen Atelierstipendiatenprogramms des ACC und der Stadt Weimar "Die Subversion des Stillstands"

    Lene Berg
    Zweite Stipendiatin des 12. Internationalen Atelierprogramms des ACC und der Stadt Weimar "Die Subversion des Stillstands" ist die norwegische Künstlerin Lene Berg.

    Patrick Ward
    Dritter Stipendiat des 12. Internationalen Atelierprogramms des ACC und der Stadt Weimar "Die Subversion des Stillstands" ist der britische Künstler Patrick Ward.