11. Internationales Atelierprogramm der ACC Galerie und der Stadt Weimar:

Ausschreibung: Die Kultur der Angst (2005)



Internationales Atelierprogramm der ACC Galerie und der Stadt Weimar (seit 1994)

11. Internationales Atelierprogramm 2005 "Die Kultur der Angst"

Mandy Gehrt (Deutschland)
Kyoko Ebata (Japan)
Oscar Tuazon (USA)


Kontakt:
studioprogram@acc-weimar.de

"Angst ist das Organ, durch das jemand sich das Leid zu Herzen nimmt, es sich aneignet und assimiliert. Es ist die geistige Kraft, mittels derer sich das Leid in ein Menschenherz hineinbohrt. Die Wirkung derselben ist aber nicht wie die des Pfeiles, sondern eine successive, nicht ein für allemal fertige, sondern eine beständig werdende." (Theodor W. Adorno)

Angst als Gefühlszustand und Konzept ist in unserer Zeit zu einem allgegenwärtigen Lebenspartner geworden. Ihre Produktion, z.B. über das Krisen-Infotainment der Medien, beherrscht ganze Industriekomplexe und macht sie zu einer Schlüsseltechnologie der Macht, verändert aber auch unsere Wahrnehmung der Gefahr und unsere Art, mit Angst umzugehen, ohne dass das Leben tatsächlich riskanter geworden ist. Die Angstmaschine hat Hochkonjunktur, die Initiierung immer neuer Angstinhalte und Angstquellen erzeugte einen historischen Wandlungsprozess der Angst und schafft ein sich fortwährend wandelndes Konsumverlangen, um die neuen, vermeintlichen Risiken zu verstehen, einzudämmen, abzuwenden.

Angst als Wirtschaftsfaktor und ihre Kultur gehört zu den wesentlichen Schrittmachern, zur Überlebensstrategie der spätkapitalistischen Gesellschaft. Sie gehört zum "Kulturgut", zum Luxus von Gesellschaften, die den permanenten Überlebenskampf überwunden oder an die Ränder verdrängt haben. Bezeichnenderweise ist es die Angst vor dem Absturz und nicht die Angst der Abgestürzten, um die sich das Interesse der mittelschichtorientierten Mediengesellschaft dreht. Dennoch gehört der richtige Umgang mit der eigenen Angst in einer neoliberalen, von der Individualisierung geprägten Gesellschaft zur unverzichtbaren Kompetenz im Kampf um die Existenzsicherung. Individualisierung, Sozialabbau und die Zunahme von Ängsten stehen in direktem Zusammenhang, meint der US-amerikanische Soziologe Barry Glassner, dessen Buch "The Culture of Fear" 1999 zum Bestseller avancierte.

Die Produktion von Angst dient als Strategie der steten gesellschaftlichen Selbsterneuerung, insofern ist die Kultur der Angst auch ein Reflex auf die Unfähigkeit politischer Eliten, die Gesellschaft zu führen. Diese setzen den Problemen der Gesellschaft keine eigenen Visionen, motivierenden Anliegen und Lösungskonzepte entgegen. Statt Menschen einander durch Verständigung und Diplomatie näher zu bringen, verängstigt man sie und erinnert sie ständig an ihre persönliche Verletzbarkeit. Im Ergebnis der Kampagnen gegen Terror stand lediglich die Vertiefung gegenseitigen Misstrauens und des Empfindens von Ohnmacht und Vereinzelung.

Die Angst vor Kriminalität und Terror ist ein von immensem Wachstum gezeichnetes, marktfähiges und -bestimmendes Verkaufswerkzeug für dubiose Produkte, und hat damit u.a. die Angst vor dem Kommunismus während des Kalten Krieges ersetzt. Private Geschäfts- und staatliche Interessen gehen im Kampf um die Erfüllung einer doppelten Zielsetzung - Profit und Sozialkontrolle - Hand in Hand. Ihre öffentliche ideologische Begründung ist der Schutz vor Angst, Bedrohung, Gewalt und Terror, und damit gegen Kriminelle, die dämonisiert werden müssen, um die Verwendung von Steuergeldern für ihre Unterdrückung und Inhaftierung gegenüber dem Steuerzahler zu rechtfertigen.

Wie gehen Künstler(innen) im Widerspruch zwischen künstlerischer Selbstverwirklichung und wirtschaftlicher Selbstbehauptung in Zeiten wachsender politischer Beliebigkeit, immensen wirtschaftlichen Drucks und der Instrumentalisierung der Kunst durch Politik und Wirtschaft mit der Kultur der Angst um? Welche alternativen und innovativen Denk- und Handlungsansätze halten Künstler(innen) bereit, wenn sie versuchen, gegenüber jeder Art von Erzeugung von Angst wachsam zu bleiben? Künstler(innen), die Antworten formulieren möchten, haben die Möglichkeit, sich für das 11. Internationale Atelierprogramm der ACC Galerie Weimar und der Stadt Weimar zu bewerben.