Stephan Weitzel: Offener Brief

Internationales Atelierprogramm der ACC Galerie und der Stadt Weimar (seit 1994)

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Städtisches Atelierhaus

Stephan Weitzel
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Lieber Herr Dr.Germer,

Weimar, im November 2003

seit Anfang Oktober darf ich mich zu den glücklichen Gästen der Stadt Weimar zählen, der ich auf diesem Weg gerne Dank sagen möchte für den großzügigen Empfang.

Was mich in der Weimarer Kulturlandschaft am nachhaltigsten beeindruckt und überzeugt, ist das breite und qualitativ starke Angebot zeitgenössischer Kultur und Kunstformen. Ich will damit nicht sagen, dass Weimar ein Ort kreativster Vibrationen ist. Ich will sagen, dass die Stadt hierzu ein oft noch unausgeschöpftes Potential hat, das nur danach verlangt, erkannt und in seiner ganzen Fülle gelebt zu werden.

Als Klassikerstadt braucht Weimar der Welt nicht mehr vorgestellt zu werden: Auch die ehemaligen geistigen Größen der Stadt, stets von andernorts zugewandert, waren ihren Mitbewohnern Zeitgenossen. Weimar also als Stadt der Emigrationskünstler? Man spricht in der Stadtgeschichte stets vom goldenen, dann vom silbernen Zeitalter. Es blieb mir bisher verborgen, welchem Metall Bauhaus, Buchenwald und DDR gleichgesetzt werden, doch die Logik würde verlangen, dass die chronologische Abfolge nur einen Abstieg vom Edelmetall zum Schrott mit sich bringt. Nein, Weimar braucht schlechthin ein neues Zeitalter! Platin, bitte! Das Potential hierzu liegt nicht im Aufwärmen des Vergangenen, das nur so lange nicht Cliché ist, wie es als tatsächliches Erbe und nicht als nostalgischer Identitätsersatz verstanden und wach gehalten wird. Ein Erbe macht nur durch Fortleben in der Gegenwart Sinn. Dieses Fortleben muss sich ausdrücken in einer Zukunftsvision. Wie sieht die Zukunftsvision für Weimar, von Weimar aus? Hat Weimar seinen Schatz des Zeitgenössischen begriffen? Am Beispiel der Stadt Bilbao lässt sich ablesen, wie stark internationales Interesse drainiert werden kann durch eine einzige Kunststätte, auch in einer Stadt, die historisch und kulturell nicht die Vielfalt und Tiefe Weimars aufzuzeigen hat.

Auf meinen Wegen durch Weimar, bei Gesprächen mit den Kunstschaffenden und Kunstvermittlern, ist mir immer wieder aufgefallen, wie sehr die Einzelnen bemüht sind, auf hohem professionellem Niveau zu wirken. Doch Anerkennung und Publikum bleiben zu bescheiden, um auf lange Sicht diesen Enthusiasmus und Selbstanspruch zu nähren.

Was der Stadt fehlt, ist eine dem gegenwärtigen Lebensnerv zugewandte Kulturpolitik, die auch von einer bundesweiten und internationalen Mediatisierung begleitet wäre. Ein Zehntel der Stadtbevölkerung sind Studenten. Doch ist Weimar keine Studentenstadt. Der Kreis der sich Bildenden bleibt zu geschlossen, die Studenten haben zu wenig Einblick in außeruniversitäres Geschehen, zu wenig natürliche Kontakte mit bereits im Beruf Wirkenden. Die kulturellen Infrastrukturen der Stadt sind reich, auch jenseits der Klassikermeile. Welche Stadt kann schon ein solches Erbe aufweisen und zudem eine Kulturlandschaft sein eigen nennen, in der scheinbar an nichts fehlt? Die stimulierende Sammlung Paul Maenz im Neuen Museum, die ausgezeichneten Programme des Kinos im mon ami und des Lichthauses im e-werk, die visionäre Arbeit des ACC, die lebendigen Theaterbühnen des DNT und des Theaterhauses, die weit strahlenden Angebote der Bauhaus-Universität und nicht zuletzt die überzeugende Arbeit von Radio Lotte sind nur einige der kreativen Pole der Stadt.

Sicher, für einen Großstadtmenschen ist es ein Privileg und eine Freude, über Stunden fast alleiniger Besucher hochkarätiger Ausstellungen oder anspruchsvoller Filmauswahlen zu sein. Doch einer Stadt wie Weimar und ihren Menschen wünsche ich mehr. Ich wünsche mir diesen Brief vor allem als eine Anregung zu einer neuen Debatte, einer Debatte, von der man mir sagt, sie sei alt, zu alt, ausgelaugt und unnütz. Den Einflüssen von außen widersteht man oftmals weniger als den Kämpfen im Inneren. So will ich versuchen, mit einigen Visionen für ein reicheres, weitreichenderes und lebendigeres Weimar zu werben.

Als erste Aktion sehe ich den Verbund der am zeitgenössischen Kulturleben der Stadt beteiligten Institutionen und der Menschen, die sie ausmachen. Weimar 21, Weimar lebendig oder Weimar heute, das wären Bezeichnungen für ein gemeinsames nationales und internationales Auftreten der dem Gegenwärtigen zugewandten Kulturszene der Stadt. Ein gemeinsames Logo, eine Stimme, die den Besucher von fern her holt, aber nicht zuerst Goethe und Schiller wegen. In der Fachpresse inserieren, das Interesse der Weltmedien auf die Programme der Stadt bündeln, die Initiativen koordinieren und gezielt nach außen tragen, das sind keine Phantome, sondern sollten Ziel und Aufgabe aller sein. Weimar liegt auf der Zugstrecke Frankfurt-Berlin. Warum nicht ein Gemeinschaftsprojekt mit der Deutschen Bahn starten, das jedem Reisenden dieser Strecke die Möglichkeit gibt, die Fahrt auf halbem Weg zu unterbrechen, sich für einige Stunden in Weimar um zu tun und gratis eine der auf den Zugfahrplan abgestimmten Führungen im Neuen Museum oder der ACC-Galerie wahr zu nehmen? Utopie? Wohl kaum! Wenn Gelder fehlen, dann muss das Manko durch mehr und stärkere Ideen ausgeglichen werden.

Das Europäische Atelierprogramm zu konsolidieren, ihm mit mehr Öffnung in die Welt die Chance für einen lange dauernden Impakt zu garantieren, es vielleicht an neue Partner mit Austausch-Stipendiaten zu knüpfen, das scheint mir eine wichtige Präferenz. Warum nicht eine internationale Ausschreibung für ein Atelierstipendium im Neuen Museum starten, so wie es die National Gallery in London macht? Einem bestätigten Künstler für ein Jahr ein Atelier im Museumsbau überlassen. Das bedeutet Raum und ein bisschen Logistik. Für den Künstler die Chance, in größerem Stil im Dialog mit einer reichen Sammlung zu arbeiten und die entstandenen Werke einem vertrauten Publikum vor zu stellen. Überhaupt sehe ich die Zukunft Weimars hierin: Internationale Künstler zu gewinnen, sich für längere Zeit in der Stadt nieder zu lassen. Viele hierfür geeignete Gebäudekomplexe stehen leer, verlassen und ohne Lebenschance. Warum nicht in diesen Räumen individuelle Wohn- und Arbeitseinheiten an international arbeitende Künstler vertraglich anbieten, mit der Auflage, die Gebäude nach zuvor definierten Richtlinien in Stand zu setzen, mit der Gegenleistung, fünf (?) Jahre mietfrei dort zu wirken und in der Perspektive, ein weit strahlendes Kunstschaffen in der Stadt an zu siedeln? Ein anderes Modell wäre das Beispiel der Cité Internationale des Arts in Paris. In der Stiftung besitzen oder pachten Kultureinrichtungen fremder Länder oder Regionen ein oder mehrere Ateliers, die jährlich oder halbjährlich an heimische Künstler vergeben werden. Eine solche Initiative würde Weimar ermöglichen, von der Dynamik einer solchen Struktur zu profitieren, sie aber zum größten Teil mit Fremdmitteln zu finanzieren. Der unumstrittene Ruf Weimars als Kulturstadt dürfte es leicht machen, den Anreiz hierzu sicher zu stellen, bis dann die Qualität eines solchen Programmes für sich selbst sprechen kann. Nicht nur Bildenden Künstlern sollten Angebote gemacht werden, auch Schriftsteller, Theaterleute und Musiker, Tänzer und Filmemacher müssten in dieser Vision ihren Platz finden. Eine enge Zusammenarbeit mit der Bauhaus-Universität und die Einbeziehung ihrer Ressourcen wären für alle von großem Nutzen. Dazu bedürfte es auch keiner spezifischen Richtungsweisung, um die Lernenden den bereits Wirkenden zu zu führen. Bei verfügbaren Mitteln und Infrastrukturen kann man auf die Eigenverantwortung kreativer Menschen vertrauen. Hier gilt es ganz einfach, das Leben seinen Lauf nehmen zu lassen. Die Vitalität, die sich aus solchen Begegnungen ergibt, gehört zu den Garantien menschlichen Zusammenlebens.

Ich denke auch an bundesweit arbeitende Künstler, denen in Weimar eine Form der Steuerfreiheit zugesichert werden könnte, wenn sie sich für eine bestimmte Zeitdauer in der Stadt mit ihrem Hauptwohnsitz melden, um dann auch hier zu wirken.

Ohne auf die philosophische und holistische Dimension der Notwendigkeit von Kunstschaffen einzugehen, muss einleuchten, welchen mittelfristigen Nutzen die Stadt und ihre Bewohner aus einer solchen Kapitalschaffung ziehen könnten. Denn Kunst und Kultur zu fördern bedeutet nicht nur, wie oft angenommen, den direkt Beteiligten ein Auskommen auf Kosten der Gemeinschaft zu sichern. Es bedeutet zuerst, dem Gemeinwohl ein Kapital an Sinn und Debatte zu stiften, Werte zu setzen, die diskutiert werden möchten. Aber es bedeutet auch, rechenbare Konsequenzen zu initiieren. Was wäre Weimar ohne all die Künstler, die vergangenen Generationen von Weimarern teils ein Dorn im Auge waren? Niemand würde sich in der Kleinstadt verirren, von der kein Kulturglanz in die Welt gegangen wäre. Man darf nie vergessen, welchen langfristigen materiellen Nutzen ein erfolgreicher Künstler dem Gemeingut als Mehrwert hinterlässt. Die Prozente und Promille, die oft nach Jahrhunderten noch an all jene abspringen, die auch dank des Werkes eines Künstlers ihre Berufe ausüben, dürften überzeugende Argumente sein. Denke man nur an einen Maler wie Cranach. Die Instandhaltung oder Schaffung eines Museumsbaus mit allen daran beteiligten Handwerkern, die Aufseher, Kuratoren, Restauratoren, Druckereien für Eintrittskarten, Reproduktionen, Monografien, die Kunsthistoriker, die sich durch ein Werk ihr eigenes Werk schaffen können, die Cafébetreiber, die den Museumsbesuchern auf dem Weg in die Stadt eine Erfrischung servieren, die Transportunternehmen, Automobil- und Ölfirmen etc, all jene, die auf direktem, wenn auch verzweigtem Weg Nutzen ziehen aus dem Interesse der Nachwelt für einen Künstler und seine Kunst, sind, wenn nicht immer ideell, so doch finanziell die Erben der Kunst.

In der gegenwärtigen Diskussion - wenn es sie denn tatsächlich gibt - um die städtische Kulturpolitik sollte nicht vergessen werden, dass kurzfristige und teils radikale Sparmaßnahmen langfristige Schäden mit sich führen werden, die nicht einfach mit dem erhofften Wiedereinsetzen der früheren Vollleistung beseitigt werden können. Es ist eher die Frage nach der Priorität, die sich die Bürger der Stadt und ihre gewählten Vertreter stellen sollten. Will man der Vergangenheit zugewandt bleiben, oder sich dem Leben heute und seinen kulturellen und künstlerischen Ausdrucksformen widmen? Das eine schließt das andere nicht aus. Doch für beides benötigt man eine befruchtende Zusammenarbeit mit klaren, angstlosen Visionen. Weimar hat alles, aber alle haben es noch nicht bemerkt. Dynamik hat nichts mit sich aktivieren zu tun. Es ist eher die stete Bewegung in Richtung Leben. Und die kennt die Kunst sehr gut. Ich würde mich freuen, wenn von Weimar wieder neue Impulse in die Welt getragen würden, weil die Stadt dann ein Zentrum geistiger Gelenkigkeit geworden wäre. Offenheit und Großzügigkeit zu demonstrieren gerade in einer Zeit, in der die scheinbar natürlichen Reaktionen auf das allgemeine Klima Rückzug und falsche Knauserigkeit zu sein scheinen, würde bereits eine geistige Größe bedeuten, ein neuer Grundstein für die Zukunft. Ich wünsche der Stadt und ihren Menschen, dass sie die reellen finanziellen Engpässe nicht in menschliche und kulturelle Verengungen weiter leiten und die einen für die anderen verantwortlich machen. Die Verantwortung liegt bei jedem Bürger. Ans Werk!