Herkunft?! Niemandsland

Internationales Atelierprogramm der ACC Galerie und der Stadt Weimar (seit 1994)

Kontakt:
studioprogram@acc-weimar.de

Städtisches Atelierhaus

Ausschreibung des 9. Europäischen Atelierprogramms der ACC Galerie und der Stadt Weimar 2003
in Zusammenarbeit mit dem Kolleg Friedrich Nietzsche der Stiftung Weimarer Klassik und Kunstsammlungen

Johann Gottfried Herder, Pfarrer an der Weimarer Peter- und Paulkirche, ist einer der Propheten, die im eigenen Land nicht viel gelten: Die Götter Goethe und Schiller sind zu mächtig. Und Herders Wortgewalt genügte offenbar nicht, um wie "die Klassiker" Prägungen zu schaffen, die einen festen Platz im Schatz der deutschen Redewendungen fanden - seine erzählerische Kraft fügte unserem literarischen Figurenschatz keine neue Gestalt hinzu, an die man sich heute noch erinnern würde. Und dennoch war Herder keine ephemere Erscheinung der Weimarer Geistesgeschichte - im Gegenteil, einige seiner Ideen haben ihre Spuren in unserer Vorstellungswelt hinterlassen, ohne dass wir uns ihrer Urhebers heute noch bewusst wären. Einer der von Herder geprägten Gedanken, der die europäische Geistesgeschichte prägte, war der der "Volkskultur" bzw. der "Kulturnation". Herder verhalf nicht nur den Deutschen sondern auch den Volksgruppen der baltischen Länder, den Polen und über Umwege auch den verschiedenen Bewohnern des Balkans zum Bewusstsein ihrer eigenen kulturellen Identität, zu einem neuen Zusammengehörigkeitsgefühl. Im späten 19. und dann vor allem im 20. Jahrhundert verband sich der Begriff des Völkischen mit dem Nationalen und erlebte zunächst einen ungemeinen Aufschwung, um dann nach 1945 in Deutschland für viele Jahrzehnte bei jeder nur beiläufigen Erwähnung ein unabweisliches Unwohlsein auszulösen. Heute, im Zeitalter der Auflösung vieler Nationalstaaten, die durch so schiefe Metaphern wie "das immer mehr zusammenwachsende Haus Europa" bezeichnet oder in ihrer noch weitläufigeren Fassung als "Globalisierung" allzu schnell etikettiert und dann gefeiert oder bekämpft wird, denkt kaum noch einer an Herder als den Vater des Gedankens der "Kulturnation". Für den zeitgenössischen Künstler dürfte freilich der Begriff der Nationalkultur weiterhin Reibungsfläche bieten: Kann sich, wer heute im internationalen Kunstbetrieb reüssieren will, noch eine nationale Zugehörigkeit in seinen Ausdruckformen leisten? Oder bedarf es im Zeitalter der sekundenschnellen Datenübermittlung und der Blitzreisen vielleicht gerade des Lokalkolorits als exotischer Unterscheidungsmarke von einem als dominant behaupteten Einheitsbrei, der jedoch in dieser Form gar nicht existiert? In welchen Verhältnis stehen angeborene unverwechselbare und womöglich unabänderliche Identitätsmerkmale von Menschen und Gesellschaften zu dem, was jeder sich aneignen kann? Und: Inwieweit erlaubt es die digitale Welt tatsächlich, im selbst gewählten Heim zu sitzen und über den Bildschirm mit der Welt zu kommunizieren? Ist eine Konfrontation mit der lokalen Wirklichkeit noch möglich? Ist die nomadische Daseinsform nicht längst obsolet geworden? Oder bedarf es gerade heute einer unvermittelten Erfahrung "des anderen"? Was bedeutet Globalisierung - und kann man sich ihr (gesetzt man will es) tatsächlich entziehen?

Künstler und Künstlerinnen, die bereit sind, für drei Monate auf ihr Nomadendasein zu verzichten und sich den guten alten Gewohnheiten eines spartanischen und arbeitsamen Lebens in einer deutschen Kleinstadt auszusetzen, sind eingeladen, sich für das 9. Europäische Atelierprogramm der ACC Galerie und der Stadt Weimar zu bewerben.


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