über MENSCHEN - Zur Zukunft des Humanen (2002)

Internationales Atelierprogramm der ACC Galerie und der Stadt Weimar (seit 1994)

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studioprogram@acc-weimar.de

Städtisches Atelierhaus

Ausschreibung des 8. Europäischen Atelierprogramms der ACC Galerie und der Stadt Weimar 2002 in Zusammenarbeit mit dem Kolleg Friedrich Nietzsche der Stiftung Weimarer Klassik.

"Das, was wir heute als 'Kunst' bezeichnen, hat im Abbild des Menschen einen seiner Ursprünge: Höhlenzeichnungen mit Jagdszenen gelten als erste Zeugnisse künstlerischen Schaffens. (...) Noch heute gehen einige Naturvölker davon aus, dass das Abbild und das ihm als Vorlage dienende Original miteinander im Wechselverhältnis stehen. Im Voodoo versucht man sich diese Idee zunutze zu machen: Man manipuliert das Abbild, um das Original zu beeinflussen. Die Bibel verbreitete die Vorstellung, dass der Mensch ein Abbild Gottes sei. Das Gebot, sich von Gott kein Bildnis zu machen, beschränkt sich allerdings nicht auf den christlichen Glauben. Die Annahme, der Mensch sei gottähnlich, mag dazu geführt haben, dass in einigen Religionen auch menschliche Darstellungen verboten sind. Wie dem auch sei: In der christlich geprägten Welt haben Darstellungen von Menschen die Geschichte der Kunst fast 2000 Jahre lang bestimmt. (...) Im 20. Jahrhundert verschwand das menschliche Abbild, zumindest in der industrialisierten Welt, weitgehend aus der Kunst. Welche Ursachen hat der Verlust des menschlichen Bildes in der Kunst der Industrieländer in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts? Mit Sicherheit hat die Entwicklung der Foto- und Filmtechnik eine entscheidende Rolle gespielt. Die gegenständliche Darstellung verlor durch diese Möglichkeit der Reproduktion den Sinn. War aber nicht auch die Erfahrung ausschlaggebend, dass der Mensch an den Fronten der beiden Weltkriege regelrecht zerging? Hängt die Unfähigkeit, den Menschen abzubilden (oder war es eher eine Verweigerung des Abbilds?), vielleicht damit zusammen, dass wir erstmalig Leichenberge in unser kollektives Bildgedächtnis aufnehmen mussten? Für beide Annahmen spricht, dass in der Kunst afrikanischer und lateinamerikanischer Länder kein Bildverlust zu konstatieren ist. Mit diesen Ländern teilen wir unser Bildgedächtnis nur teilweise: Eine geringere Mediendichte schloss und schließt diese Länder zum Teil noch heute von Erfahrungen aus, die in anderen Teilen der Welt als selbstverständlich gelten. Spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg galt es in der kapitalistischen Welt als anachronistisch, Menschen zu malen, zu modellieren oder zu porträtieren. (...) Die Künstler des 8. Europäischen Atelierprogramms sollten sich in der von der freien Marktwirtschaft geprägten Welt mit folgenden Fragen auseinandersetzen: Wie positioniert sich der Künstler in einer von schönen Konfektionsmenschen dominierten Welt? Erlaubt die Bilderflut der Medien etwas anderes als eine Darstellung des Menschen als Konsument, Sexualobjekt - oder als Leiche? Spielt es eine Rolle, ob man sich als Mann oder als Frau mit der Darstellung des Menschen auseinandersetzt? Gibt es einen unterschiedlichen Umgang mit männlichen und mit weiblichen Menschendarstellungen? Das Porträt hält den Menschen in einem bestimmten Augenblick fest, friert ihn gewissermaßen in einem bestimmten Zustand ein. Wie ist eine Auseinandersetzung mit dem Alterungsprozess möglich? Über Menschen nachzudenken heißt auch zu bedenken: Menschen werden häufig übersehen, übergangen, überfordert - indem man sie in der heutigen Bilderwelt in erster Linie mit fragwürdigen oder unerreichbaren Vorbildern konfrontiert. Sind letztere die neuen Übermenschen? Wer wagt es heute, dem Menschen ein neues Gesicht zu geben? Künstlerinnen und Künstler, die sich mit der Zukunft des Humanen auseinandersetzen und dem Menschen den Rückweg in die Kunst bereiten wollen, sind eingeladen, sich für das 8. Europäische Atelierprogramm der ACC Galerie und der Stadt Weimar zu bewerben.

(Julia Draganovic)


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