Biljana Djurdjevic: Texte

Internationales Atelierprogramm der ACC Galerie und der Stadt Weimar (seit 1994)

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Städtisches Atelierhaus

Weihnachtsmann und die Freude, die du fühlst

"Entsprechend der Interpretation des Lebens der Heiligen muss der Weihnachtsmann der Beschützer von Kindern sein. In der nächsten Zeile jedoch wird man eindringlich erinnert, dass er nie existiert hätte und dass Kinder keinen eigenen Schutzheiligen hätten.

Trotzdem erscheinen Weihnachtsmänner auf den Straßen mit ihren synthetischen Bärten und verlängerten Haaren, klebrig vom Kaugummi und Bonbons, die die Kinder fallen lassen, wenn sie sich mit ihnen fotografieren lassen. Jedes Jahr sieht man diese Kerle durch die Straßen laufen, mit ihren entblößten Bäuchen und Gestank eiternder Wunden und Alkohol (die nur eine verblendete Frau mögen kann). Erinnern Sie sich, wie Ihre Liebsten Sie drängten: "Komm Kind, lächle mal" (und Sie fühlen eine Sorge im Bauch: Wie kann ich lächeln, ich kann doch kaum atmen), Ihre Tante zieht Ihr Gesicht mit den Fingern, damit Sie glücklich aussehen, "Komm, lächle mal, ärgere nicht den Weihnachtsmann, sonst wird er dir keine Geschenke bringen." Der alte Alkoholiker hat mir tatsächlich nie ein Geschenk gebracht, sei es wegen Alkohol oder weil Weihnachtsmänner zu Verstandesbetonten wurden, wenn ihre Bäuche wieder abschwollen, vergaßen sie, was von Ihnen erwartet wurde. Die Moral ist: Nächstes Mal, wenn eine der oben genannten Gestalten in Ihre Nähe kommt und Sie eine Art Angstgefühl verspüren, beinahe überwältigt von einer Art Nostalgie, fassen Sie sich wieder und tun Sie etwas, was Sie vielleicht nicht bereuen werden. Falls Sie an einen solcher Männer mit synthetischem Bart geraten, auch wenn es passieren könnte, dass Sie auf einen treffen, der echt ist, keine Sorge, Gott wird alles später in Ordnung bringen. Machen Sie sich an die Arbeit, mit einem vorsichtigen Stoß der Hand trennen Sie seine Seele von seinem Körper, Sie werden spüren, wie sein Puls unter Ihren Fingern immer schwächer wird. Wenn er nicht mehr zu spüren ist, halten Sie für eine Weile weiter, Sie wollen doch keine Fehler machen. Ich weiß, es ist nicht viel, und die Freude wird nicht lange anhalten, doch Sie werden so zumindest einer wiederholten Begegnung entgehen, und das ist heutzutage schon etwas." (Biljana Djurdjevic) Aus dem Englischen von Tatjana Showanik

Father Christmas and the joy you feel

"According to the interpretation of the Lives of the Saints, Father Christmas should be the protector of children. In the very next line though you are warned that he has never existed and therefore children do not have their own protector. Despite this, every year Father Christmases appear on the streets with their synthetic beards and hair extensions, all sticky from chewing gum and caramel sweets, which the children leave while they are having their picture taken with them. You see these guys every year wandering around the streets with their bare stomachs and the stench of festering sores and alcohol (which only an infatuated woman can like). You remember how your nearest and dearest pressured you: 'Come on, kid, smile' (and you feel some sorrow in your stomach, how can I smile, I can hardly breath), your auntie pulls your face with her fingers so you look happy, 'Come on, smile, don't make Father Christmas cross, he won't bring you a present.' The old alcoholic never did bring me a present, whether it was because of the drink or because Father Christmases became intellectuals as well, whenever his stomach swelled up he forgot what was expected of him. Moral: The next time one of the characters mentioned above turns up in your vicinity, and you feel some sort of anxiety, almost overcome by some sort of nostalgia, take yourself and do something which you perhaps won't regret. When you stumble across one of those men with a synthetic beard, although it can happen that you come across someone that is genuine, don't worry, God will sort it all out afterwards. Get down to work, with a gentle stroke of the hand separate his body from his soul, you will feel his pulse getting weaker and weaker under your fingers. When it stops, keep going for a while, you don't want to make any mistakes. I know that this isn't much, and that the happiness will be short-lived, but at least you will avoid a repeat encounter, and these days that is something." (Biljana Djurdjevic)

Biljana Djurdjevic: THE LAST DAYS OF SANTA CLAUS, 2001<br>techn. oil on canvas, 176 x 200 cm
Biljana Djurdjevic: THE LAST DAYS OF SANTA CLAUS, 2001
techn. oil on canvas, 176 x 200 cm

Android

"Langsam werde ich zu etwas, was man nicht menschlich nennen kann, einfach eine Art Kreatur, fast ein Android. Mein einziger Fehler ist, dass ich mich nach Menschlichkeit sehne. Ich sehe mich um und treffe leere Blicke. Ich versuche zu atmen, doch ich spüre keine Luft in meinen Lungen. Die Lungen. Dann bemerke ich, dass sie bei der Massenuntersuchung meine Lungen ausgetauscht haben. Sie sagen, dass diese Lungen sparsamer und funktioneller sind und können in Raten bezahlt werden. Ich bin wieder glücklich, weil ich nicht oft Batterien wechseln muss. Sie sind wirklich sparsam. Ich bin überwältigt vor Friedlichkeit und Glück, menschliche Gefühle, Sie wissen schon. Bei der nächsten Untersuchung werde ich sie bitten, mein Gehirn auszutauschen. Es ist schön, zu leben. Zu atmen und zu denken." (Biljana Djurdjevic)

Android

"Slowly I'm becoming something that you can't call human, simply some sort of a creature, almost an android. My only fault is yearning for humanity.I look around and empty gazes meet with mine. I try to breath, but I don't feel any air in my lungs.The LungsThen I realize that they changed my lungs on collective examination. They say that these lungs are more economical and more functional, and may be paid in installments.I'm happy again, because I don't have to change batteries very often, they are really economical. I'm overwhelmed with peacefulness and happiness, you know human feelings.On the next examination I'll ask them to change my brain also.It is beautiful to be alive. To breath and think." (Biljana Djurdjevic)
Biljana Djurdjevic: IN WAITING ROOM, 2000<br>techn. oil on canvas, 176 x 200 cm
Biljana Djurdjevic: IN WAITING ROOM, 2000
techn. oil on canvas, 176 x 200 cm

Aus dem Englischen von Tatjana Showanik