Herzblut - Schriftbild (2000)

Internationales Atelierprogramm der ACC Galerie und der Stadt Weimar (seit 1994)

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studioprogram@acc-weimar.de

Städtisches Atelierhaus

Das 6. Europäische Atelierprogramm der ACC Galerie und der Stadt Weimar mit dem Titel "Herzblut - Schriftbild" ist von Friedrich Nietzsches Schriften, konkret von dem im Archiv gelagerten Handschriftenmaterial, inspiriert. Anlass ist der 100. Todestag des Philosophen, der hier am 25. August 1900 verstarb. Dem von Elisabeth Förster-Nietzsche gegründeten Nietzsche-Archiv verdankt die Stadt Weimar, in der Nietzsche erst eintraf, als er bereits geistig umnachtet war und wo er demzufolge keine einzige Schrift verfasst hat, ihren Ruhm als Nietzsche-Stätte. Jahrhundertelang galten Handschriften als Spiegel der Seele. Noch vor wenigen Jahrzehnten wurden zur charakterlichen Beurteilung von Stellenbewerbern graphologische Gutachten eingeholt. Heute haben wir es fast verlernt, mit der Hand zu schreiben. Und doch gibt es noch ein letztes Relikt, in dem die Handschrift Bedeutung trägt: die Signatur. Die rasant fortschreitende Digitalisierung geht mit einem Schwinden des Gegenständlich-Sinnlichen einher: Briefe werden durch E-mails, Zeitschriften durch Homepages, Geldboten durch Überweisungen ersetzt. Doch auch dort, wo selbst Geld als konkretes Zahlungsmittel verdrängt wurde, auf der Scheckkarte, gilt die Unterschrift als letzte Echtheitsgarantie. Mit der Möglichkeit, gescannte Unterschriften unter jedes beliebige Schriftstück zu setzen, wird allerdings auch diese letzte Sicherheit in Frage gestellt. "Handschrift" wird im Deutschen auch als Synonym für die stilistische Eigenheit eines Künstlers verwendet. Der Zusammenhang zwischen Handschrift und Originalität ist vielleicht auch eine Erklärung dafür, dass Autogra- phen von Künstlern zum Teil ebenso teuer gehandelt werden wie deren Werke. Das 6. Europäische Atelierprogramm "Herzblut - Schriftbild" der ACC Galerie und der Stadt Weimar wirft Fragen auf, die an die Künstler weitergegeben werden: Schwindet mit der Handschrift im Zeitalter der Digitalisierung auch der individuelle Stil? Steht die individuelle Ausdruckfähigkeit mit der Fähigkeit, Dinge mit eigener Hand hervorzubringen, in Verbindung? Werden durch die Benutzung von Instrumenten und Maschinen die persönlichen expressiven Möglichkeiten des Künstlers geschmälert oder potenziert? Wenn Digitalisierung mit einem Verlust von Individualität verbunden ist, kehrt diese möglicherweise auf eine andere Art und Weise wieder - frei nach Nietzsches Topos von der "ewigen Wiederkehr des Gleichen"? Erweitert wird dieser Themenbereich durch die Feststellung, dass das Schwinden der Handschrift von einer Umorientierung im Bereich der Kommunikation begleitet wird: Bedarf das Verhältnis zwischen Form und Inhalt der Zeichen im anbrechenden 21. Jahrhundert einer neuen Bestimmung? Verkörpert das Medium tatsächlich die Botschaft, wie Marshall McLuhan es formulierte ("the medium is the message")? Ist die Handschrift, ja die Schrift überhaupt, im Computer-Zeitalter noch eine adäquate Mitteilungsform? Am 15. November 1999 hat eine 5köpfige Jury, bestehend aus Thea Herold/Journalistin, Berlin, Norbert Hinterberger/Kunstprofessor, Weimar, Frank Motz/Galerist des ACC, Weimar, Ulrike Rüdiger/Museumsdirektorin, Gera und Ursula Seeger/Referentin für bildende Kunst der Stadtkulturdirektion Weimar unter 50 Bewerbern die drei Kandidaten ausgesucht, die im Jahr 2000 zu einem viermonatigen Arbeitsaufenthalt nach Weimar eingeladen werden: Es sind "Yelda Camci-Köhler/Türkei", Ian Joyce/Irland und Renèe Ridgway/Amsterdam. "Was mache ich in Weimar? Ich denke, ich werde unterschreiben, hier und da eine Spur legen, damit etwas von mir bleibt, wenn ich gehe. Bis ein Satz sitzt, ist es ein weiter Weg." (aus der Bewerbung von Yelda Camci-Köhler, in Weimar von Jan./April '00)


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