Klee und Karaoke, Zorni und Weimaraner, Genius loci und Zeitgeist
ein wenig ACC-Geschichte

Die ACC Galerie Weimar besteht seit Dezember 1988 als das Herzstück des gemeinnützigen Vereins ACC Weimar e.V. Sein Sitz, das Haus Burgplatz 1, ist 400 Jahre lang Herberge ganzer Dynastien von Hofangestellten gewesen. Von 1776 bis Ostern 1777 nahm Goethe hier seine erste Weimarer Wohnung. Viele andere Bewohner schätzten die eigene Atmosphäre des alten Ritterhauses, bis es seit 1978 zehn Jahre fast leer stand und dem Verfall ausgeliefert schien. Nur ein alter Mann überlebte unter unwürdigen Bedingungen: Über einen Gartenschlauch, der im Winter einfror, versorgte er sich mit Wasser aus dem Keller. Ein Schlagzeuger mietete letztendlich seine Wohnung nur noch zur Lagerung seiner Instrumente. Trotz fraglicher Zukunftsaussichten begannen einige junge Leute 1988 das Haus wieder bewohnbar zu machen. Die "Sanfte Revolution" verlieh dem jungen Kulturhaus ein kosmopolitischeres Antlitz. Freunde aus Australien, Norwegen, Schottland, Paraguay und Holland faßten mit an, das Gebäude konnte erworben, ein gemeinnütziger Verein gegründet werden. Die kontinuierliche Ausstellungstätigkeit reicht bis ins Jahr 1989 zurück und hat ihren Schwerpunkt auf der Präsentation von zeitgenössischer Kunst aus den Regionen Thüringen und Sachsen und der Erarbeitung von europaweiten Projekten. Meilensteine der Galeriearbeit waren die Ausstellungen PHOTOGRAPHIE AM BAUHAUS (1991), "Paul Klee - Weimarer Jahre 1921-25" (1992), STERNE AUS GUGGING (1993), CINDY SHERMAN (1994), WEIMAR DEN WEIMARANERN mit Polaroids des New Yorkers William Wegman (1995), PIERRE ET GILLES mit den übermalten Fotografien des Pariser Künstlerpaars (1996), die Video-Ausstellungen SPLASH! (1997) und mächtig gewaltig (1998) mit international hochkarätigen Künstlern wie Tony Oursler oder Gillian Wearing. Seit 1993 gehörte zur Galerie ein 180 qm großes Atelier "Rübenlabor", angemietet in einem landwirtschaftlichen Betrieb vor den Toren Weimars. In diesem Zusammenhang wurde das thematisch wechselnde ACC-Atelierprogramm mit jährlich vier (neuerdings drei) Arbeitsstipendien angeschoben, die mit Unterstützung des Freistaats Thüringen und der Stadt Weimar europaweit angekündigt und mit dem Ergebnis einer thematischen Ausstellung (bisher DAS URWORTMUSEUM 1995 und "Fascis - Faschismus und Faszination" 1996, Kopf an Kopf 1998, geplant "Gemeinschaft - Gesellschaft 1999) und dem Aufbau einer Sammlung ausgetragen werden. Inzwischen nutzt das ACC eine Wohnung mit Atelier des Städtischen Weimarer Atelierhauses, weshalb das "Rübenlabor" aufgegeben wurde. Daneben betreibt das ACC eigene Theatertage (in einem alten Elektrizitätswerk) und sein Café-Restaurant im Erdgeschoß des eigenen Hauses. Konzerte, Lesungen, Vorträge bilden den Rahmen seines kulturellen Engagements. Die fortwährenden Veranstaltungen können einem monatlich erscheinenden Faltblatt entnommen werden. Zu den temporär genutzten Gebäuden zählt auch ein alter Kornspeicher mitten in Weimar. Seit Herbst 1995 hat sich mit der Anmietung weiterer Räume im Nachbarhaus Burgplatz 2 die Ausstellungsfläche auf mehr als das Dreifache vergrößert (ca. 250 qm). In der ursprünglichen, Kleinen Galerie entstanden Ausstellungsräume mit ständig wechselndem Angebot von Arbeiten der Galerie-Künstler, nachdem sich das Vorhaben der Verbindung beider Galerien über eine Brücke bisher nicht verwirklichen ließ. Bisher wurden hier ergänzende Bestandteile der großen Schauen oder neue Projekte wie The Pedestrian Project von Yvette Helin (New York), Europe in the Box (Künstler aus Madrid, Berlin, London, Amsterdam und Krakow) oder andere kleine Kabinettausstellungen ausgetragen. Die Künstler der Galerie erhielten hier zum Teil ihre ersten großen Personalausstellungen und konnten mit der Galerie und der Unterstützung anderer Partner umfangreiche Kataloge herausbringen. Dazu gehören der Weimarer Fotokünstler Claus Bach, der Weimarer Maler Torsten Schlüter, der Dresdner Peter Bauer, die Leipziger Malerin Ulrike Dornis, der Zwickauer Holzschneider und -bildhauer Bodo Korsig. Die neue, Große Galerie ist für das wechselnde Ausstellungsprogramm bestimmt und kann auf zehn Ausstellungen zurückblicken. Neben den Erlösen aus Kunst- und Publikationsverkäufen ist der Verein ständig auf der Suche nach privaten und unternehmerischen Förderern, um die speziell auf die Galerie zugeschnittenen Ausstellungsvorhaben zu verwirklichen. Die Weitervermietung der durch die Galerie genutzten Räume außerhalb der Öffnungszeiten ist ein weiteres finanzielles Standbein. Mit den Einnahmen des im Herbst 1995 eigens gegründeten Förderkreises der ACC Galerie Weimar (365-Tage-Engel spenden zum Beispiel nach dem Motto "Engel sei der Mensch, hilfreich und gut" eine Mark pro Tag) wird versucht, die beträchtlich gestiegenen Mietsummen abzusichern. Als erste aus Thüringen nahm die ACC Galerie zweimal an der ART FRANKFURT teil. 1995 wurde dem ACC der vom Land Thüringen erstmals ausgeschriebene Kulturpreis verliehen. Neben der Künstlervertretung, dem jährlichen Atelierprogramm und der jeweiligen Sommerausstellung setzte sich jüngst ein vierter Programmschwerpunkt durch: der Galerieaustausch.Anerkennung erhielt auch das Lokal. Das Magazin Der Feinschmecker (12/94) kürte das ACC-Café als "kultureller Nabel Weimars" zu einem der "250 besten Szene - Restaurants Deutschlands".