Willkommen im Baumwollklub

Frank Motz, Willkommen im Baumwollklub (Auszug), "vierzehn", Nummer 1/Dezember 2002, Zeitung des Forschungsprojekts Halle 14, Leipziger Baumwollspinnerei. (Erhältlich auch über das ACC Weimar)

Was passiert mit einer "gebeutelten" Stadtregion, die pö-a-pö vom öffentlichen Verkehrsnetz abgekoppelt wird, deren besondere Kennzeichen Tristesse und Leerstand sind, die der Bauingenieur am liebsten "sprengen und durch ein Weizenfeld ersetzen" würde, während sich der Taxifahrer grinsend der alten Zeiten erinnert, als die "Arbeiterinnen seeeeehr freundlich waren" und ergänzt, dass "Porsche und BMW nicht wegen uns hierher gekommen sind"? Ob in Chabarovsk, Marseille oder "bei uns", ob heute oder vor 115 Jahren: Es ist die veränderte Lage auf dem Weltmarkt, die wegen der Importgrößen, Produktionkosten, Preise und Zölle eine Verlagerung der Produktion günstig erscheinen lässt, damals ins Inland, heute ins Ausland. Und so standen die sechs Hektar, die einst Leipzigs Städteplaner Dr. Karl Heine der Baumwollspinnerei-Aktiengesellschaft anbot, 1992 plötzlich wieder leer. Wer dies als Chance begreift, muss nicht zwingend Künstler sein, obwohl es jene Randgruppe Andersdenkender unspektakulär vermochte, zum Impulsgeber einer Stadt(bezirks)entwicklung zu werden, noch bevor offiziell verlautbart wurde, dass, wer aus oder nach "Leipzig kommt", sich noch eine schwermetallen geschwängerte Brise "Leipziger Freiheit" um die Nase fächeln dürfte. Während sich's die Pioniergeister in ihren Kunstgemächern bereits bequem machten, siedelten sich seit Beginn der schrittweisen Umnutzung einzelner Flächen Handwerks- und Gewerbesbanden aller Schattierungen an. (...) Die Strategie, atemberaubende architektonische Hüllen mit multimedialen Laboratorien zu füllen und als Kunst-Komplex verwandelt zu einem Altern in Würde zu verhelfen, ist nicht neu, sondern mutet geradezu modisch-zeitgenössisch an: Die neuen, weitläufigen Kunstzentren heißen MASS MoCA, The Baltic oder Palais de Tokyo. Ihren Anfang nahmen sie z.B. als "das Glühen im Auge eines jungen Kunstgeschichtlers, der inzwischen der de-facto-Minister für die Globalisierung der Kunstwelt ist" und "gesellen sich inzwischen zur A-Liste der Touristenattraktionen Nordamerikas". Oder sie verfolgen das Konzept der Art factory im wortwörtlichen Sinne, wie im The Baltic in Gateshead on Tyne (England): Während in einem Geschoss Kunstwerke aufgebaut werden, können sie in anderen Geschossen besichtigt werden und umgekehrt. Über einen Aufzug kann Kunst in Schiffscontainern direkt in die Geschosse transportiert werden. Nicht die leere Architekturhülle wird in den Mittelpunkt gestellt, keine Sammlung aufgekauft, sondern das Museum produziert - unter perfekten Bedingungen für die Künstler - selbst künstlerische Werte. Oder sie machen es wie die Architekten des Pariser Palais de Tokyo.

. Sagt der Architekt: Es gab beim Palais de Tokyo keinen Bedarf, weitere Architektur hinzuzufügen. Die überraschenden Großräume hinter den monumentalen Fassaden glichen einem prächtigen industriellen Ödland. Unser extrem limitiertes Budget gestattete nur ein pragmatisches Vorgehen: Beschränkung auf das Notwendigste, die Sicherheits- und Elektroinstallationen z.B. Belüftung und Beleuchtung wurden über preiswerte Gleitfenster ermöglicht, die von einem ordinären Gewächshaushersteller stammen. Auszunutzen, was bereits existiert, es nicht zu verwandeln, den Regen zu hören, das Licht zu sehen, die enorme Freiheit der Räume zu bewahren, den Raum als bewohnten, belebten Ort zu betrachten, wie der Djemaa-el-Fnaa-Platz in Marrakesch.

. Sagt der Soziologe: "Meiner Erfahrung nach denkt Architektur nur zufällig sozial. Die ästethische Selbstdarstellung steht so sehr im Vordergrund und die Verachtung gegen die Auftraggeber und Nutzer ist so ausgeprägt, dass Architektur nur in seltenen Fällen sozial in dem Sinne ist, dass sie dem gesellschaftlichen Gefüge dient. Stattdessen will sie dieses stören, um auf sich aufmerksam zu machen."

. Sagt der Journalist: "Gehen Sie ins Zentrum Ihrer Stadt, und versichern Sie sich, dass es dort einen Fluss gibt. Gehen Sie dann in das am meisten heruntergekommene Stadtviertel und dort zum Ufer. Sehen Sie sich nach einem eindrucksvollen, aber leer stehenden Industriedenkmal um. Jetzt brauchen Sie nur noch einige Künstler und einen aufstrebenden Architekten aufzutreiben, und schon können Sie die Lotteriemillionen aus dem Kulturfonds beantragen."

. Sagt der Künstler: "Die Kunstinstitution der Zukunft braucht architektonisch betrachtet überhaupt nicht zu existieren. Sie wird eher ein Zentrum der Produktion und Distribution sein als eines der Ausstellung, ein komfortabler Ort zum Arbeiten, Essen, Trinken, gelegentlich Schlafen, der auch als Hotel fungiert. Organisatoren, Künstler und Publikum werden oft ihre Rollen tauschen. Ich erwarte mehr work in process als fertige Ausstellungen.

. Sagt der Besucher: "Eigentlich ist es nicht überraschend, das die Masse dorthin geht, wo der Künstler schon ist. Warum? Wir müssen uns nur erinnern, dass es in der Urzeit der Künstler war, der alles machte. Und wenn Boutiquen und Cafés folgen, umso besser. Internet-Chat-Room? Niemals! Eher eine Künstlerkneipe - dort lasst uns über Kunst reden!"

. Sagt der Kurator: "Institutionen sind aus ihrer Rolle des Beobachters zu aktiven Räumen geworden. Sie müssen teils Gemeinschaftszentrum, teils Laboratorium, teils Akademie mit einem kleinen Bedarf an Schauraumfunktion sein. Ob sich die Gründer davon überzeugen lassen, die touristische Ausrichtung der Kunstinstitution durch eine von gesteigertem kreativem Denken bestimmte zu ersetzen, bleibt fraglich."