Weimar-Preisverleihung,
Laudatio Johannes Gross,
3. Oktober 1998, mon ami, Weimar

Verehrter Herr Oberbürgermeister, hochansehnliche festliche Versammlung, lieber Preisträger, lieber Herr Motz,

als sie meine Biographie so umständlich-liebenswürdig vortrugen, dachte ich mir, Herr Oberbürgermeister, warum kriege ich den Preis eigentlich nicht. Aber als zweitbeste Lösung bin ich sehr damit einverstanden, daß Herr Motz ihn bekommt. Es ist ja vorwegzubemerken, daß mit der Auszeichnung von Herrn Motz die Stadt Weimar sich selbst auszeichnet. Weil sie wie bei so vielen vorangegangenen Auszeichnungen, beim weimarpreis wiederum beweist, daß sie in der Lage ist, ein Verdienst richtig zu würdigen und zwar in einer Weise, daß es auch den Ruhm, nicht nur des Preisträgers, sondern den Ruhm der Stadt selber mehrt.

Denn zu den großen Vorzügen dieser Stadt gehört ja, daß man nicht immer darauf gewartet hat, daß eigenständiges Talent nur hier heranwächst und dann es zu etwas bringen kann, sondern, wie Sie aus der Nennung der Namen Luther, Bach, Goethe, Schiller, Herder, Nietzsche, Gropius usw. entnehmen können bis hin zu dem Namen Motz gerade die Tradition dieser Stadt nicht gekennzeichnet ist durch Fremdenfeindlichkeit sondern durch eine große Bereitschaft, auswärtiges Talent zu erkennen, zu würdigen und zu ehren. Denn bis auf Wenige haben sich dann auch Alle hier in Weimar sehr wohl gefühlt. Insofern ist es ganz richtig, daß Kollege Merseburger sein neustes Buch dem einzigartigen "Mythos Weimar" gewidmet hat. Es stehen auch unliebenswürdige Sachen über Weimar darin. Aber Sie besitzen bei der Lektüre genügend Talent um diese Stellen elegant zu übergehen. So wie Sie in der Jugendzeit vielleicht Geschichten von Christoph von Schmidt gelesen haben, die damals zu meiner Jugend sehr populär waren und immer, wenn man an die Stelle kam "der Bischof sprach", dann überblätterte man bis sich die Handlung wieder fortsetzte. Nun gilt diese Auszeichnung vom heutigen Tage einem merkwürdigen Phänomen, das sich im Grunde schlecht beschreiben läßt. Es ist, nicht bloß ein Galerist - auch auf den Tatbestand hat der Oberbürgermeister zu Recht als fundamentalen hingewiesen- es ist eigentlich in Frank Motz eine Figur gegriffen, die man als Impressario der Gegenwart bezeichnen kann. Man kann nicht sagen, das Schwergewicht seiner Interessen läge bei der bildenden Kunst allein oder bei irgendeiner Besonderheit der bildenden Künste, also der graphischen Disziplin oder dem Öl oder Happenings oder ganz modernen Formen der Darbietung. Man kann nicht sagen, es sei allein die Literatur, die ihn fesselt. Son- dern es ist tatsächlich eine Neugier, die vor nichts haltmacht, die sich auf die Totalität der Gegenwart richtet und sie dadurch, daß sie sie einbezieht in die Galerie, auch tatsächlich kunstfähig macht und ihr eine öffentliche Beachtung gibt. Es ist also an Frank Motz festzuhalten: hier ist eine Person ausgezeichnet worden, die in sich einen Ausdruck von Kreativität und Spontaneität darstellt, sowohl künstlerisch im übrigen wie auch organisatorisch, was ja zum Erfolg beider Talente erforderlich ist; insgesamt ein vorbildliches Multitalent, das sich in einer risikofeindlichen und im Grunde genommen apathischen Gesellschaft durchsetzen muß. Das gilt für jede Gesellschaft, aber ganz gewiß gilt es für die deutsche Nachkriegsgesellschaft. Manche mögen sagen, wenn sie kritisch aufgelegt sind: sogar in besonderer Weise. Das ist auch nicht ganz falsch, weil wir selbst die großen sozialen Probleme der Gegenwart als administrative mißverstehen - der Herr Oberbürgermeister hat mit Recht auf unser Hauptproblem, die Arbeitslosigkeit hingewiesen, aber instinktiv verstehen wir unter Arbeitslosigkeit das Fehlen der Bereitstellung von Angestellten oder fest vertraglich sanktionierten Arbeitsverhältnissen. Daß das nicht die ganze Ar- beitswelt umgreift, sondern daß viele Gesellschaften insbesondere früher diese Art von Arbeitslosigkeit nicht kennen konnten, weil es diese Arbeitsverhältnisse nicht gegeben hat, vergessen wir allzu leicht. Deswegen ist es auch erforderlich, daß man wieder den Blick richtet auf solche, nun zu Erfolg gekommenen Existenzen wie Frank Motz, die ohne ein solches Arbeitsplatzbereitstellungsverhältnis a) Arbeit gefunden haben und b) eine für die Gesellschaft nützliche Arbeit vollbringen und gelegentlich, wie heute morgen, dafür auch einigen Beifall einheimsen können.

Nun ist aus dem Altenburger Franz Motz, der er ursprünglich einmal war, mittlerweile natürlich ein echter Weimarer geworden. Ich habe mich auch in seine Biographie vertieft, denn ihn selber kenne ich erst seit etwa 8 oder 9 Jahren. Ich habe bei seiner Biographie feststellen können, daß in seinem Lebenswerk etwas noch fehlt, wofür er aber noch genügend Zeit hat, nämlich eine Autobiographie förmlich abzufassen. Nicht deswegen, weil er ein besonders abenteuerliches Leben gehabt hätte, das ist ja heute in Lebensläufen nicht mehr vorgesehen. Dank der gesellschaftlich geordneten Abläufe,in denen wir uns alle befinden, verfügt kein Mensch mehr über eine Biographie in dem Sinne wie sie im 18. oder 19, ih. vorhanden war. Selbst wenn wir heute vom Abenteuer reden, dann tun wir das in dem Sinne eines LTU Kataloges, d.h., wir buchen einen Abenteuerurlaub mit Gepäckversicherung. Das ist natürlich nicht das, was man früher unter Abenteuer begriffen hat. Das wahre Abenteuer und die wahre Entdeckerfreude liegt heute nicht darin, daß man ein Himalajatal aufsucht oder nach Neuseeland surfen fährt, sondern darin, daß man in seiner unmittelbaren Umgebung Feststellungen trifft, auf die bisher noch niemand sonst gekommen ist. Daß man aus Gegenständen, die niemand beachtet hat, dadurch, daß man sie beachtet, sie zu kunstfähigem Material erhebt. Kurzum der Begriff des Abenteuers ist, wenn Sie so wollen, parochial geworden und erlangt seine Weltgeltung gerade dadurch, daß er sich an eine bestimmte Lokalität bindet. Nicht mehr Alexander von Humboldt kann das Ideal heutzutage sein, Held einer globalen und vergleichsweise unaufwendigen Reiselust, sondern derjenige, der sozusagen bei sich Zuhause bleibt und aus diesem Zuhause eine große und täglich zu erneuernde Entdeckung macht. Also mein Aufruf an Sie, Herr Motz, wäre, die heutige Preisverleihung auch zu nutzen zum Nachdenken darüber, was sonst in Ihrem Leben noch geschehen könne. Dazu könnte die Autobiographie gehören, die zu schreiben ist und die auch attraktiv sein würde, weil es kein vernünftiges Buch gibt, von einem Ostdeutschen geschrieben über die.Jahre der zerfasernden DDR, die Schwierigkeiten der Umwandlungen, die es gegeben hat, der Umwandlungsprozeß und das Entstehen der gemeinschaftlichen, gemeinsamen Bundesrepublik, über die ich am Schluß vielleicht noch einige Worte, im Anschluß an die Bundestagswahl, verlieren darf. Zu den Texten, die ich über Frank Motz gelesen habe, gehörte auch ein schöner Aufsatz, in dem er hauptsächlich dadurch charakterisiert wurde, daß er mit Andy Warhol verglichen war. Nun ist das auf den ersten Blick nicht absurd. Wenn Sie sich den großen amerikanischen Künstler ins Gedächtnis rufen, so müssen Sie zugeben, wenn Sie Frank Motz daneben stellen, daß die Haarfarbe die gleiche ist, daß die Brille vom gleichen Optiker sein könnte. Beide sind nicht übermäßig gewichtig, was die Physis angeht. Aber im übrigen kann ich Ihnen versichern, ich kannte Andy Warhol ganz gut, daß damit die Aufzählungen der Ähnlichkeiten bereits beendet ist. Denn Andy Warhol hatte neben seinem großen, unvergleichlichen Talent, auch eines: außerordentlich sparsam mit sich selber und seinem Talent umzugehen. Sein Talent setzte er nur ein gegen Höchsthonorare. Das tut schon mal Frank Motz nicht, dessen Streben nicht primär auf Gelderwerb ausgerichtet zu sein scheint. Wenn, dann wäre er als nicht so erfolgreich zu kennzeichnen, wie ich das eben getan habe. Bei Andy Warhol gab es eine weitere große Besonderheit; er war inkommunikativ. Er ging zwar auf jeden Empfang, zu dem man ihn einlud, aber er stand dann an die Wand gelehnt und redete kein Wort. Ich habe es einmal geschafft, mit ihm tatsächlich ein Gespräch zu führen. Aber nur deswegen, weil ich einen Seelennerv von ihm kitzeln konnte, indem ich eine Pseudosympathieerklärung bei ihm abgab, wegen eines angeblich zu geringen Honorars, das er erhalten hatte. Das ließ ihn aufwachen. Er war bereit, Rede und Antwort zu stehen und sich in zusammenhängenden Sätzen zu äußern. Das brauchen Sie bei Frank Motz nicht zu besorgen. Er ist hochkommunikativ, nicht bloß nervös, sondern von einer nervösen Neugier, in der sich seine Kreativität und Spontaneität ausdrückt. Geradezu gepeitscht-, vorwärtsgepeitscht, lernt er gern neue Leute, neue Ideen kennen und kann sich alles auf das geschickteste einverleiben und es nach einem gewissen eigenen intellektuellen Verdauungsprozeß als ein hochwertigeres Gut wieder von sich geben. Andy Warhol war, wie ich sagte, auch aufs Geld versessen, aber zu seinem Genuß völlig unfähig. Auch hier verhält es sich bei Franz Motz ganz umgekehrt. Er ist zwar auf Geld nicht versessen, würde aber, wenn er mehr davon hätte, es durchaus genießen können. Insofern haben wir alle eine gewisse Pflicht, das ACC zu unterstützen. Wenn ich den Hauptunterschied zwischen Frank Motz und Andy Warhol bezeichnen sollte, so ist es ein ganz einfacher: Andy Warhol hatte als beherrschendes Stilprinzip seiner Existenz die Erzeugung von Langeweile. Bei Frank Motz ist es das absolute Gegenteil. Mit ihm ist kein Augenblick langweilig. Sondern jedes Zusammensein mit ihm wird schon durch seinen Humor und durch seine permanente Angeregtheit zu einem Genuß. Motz hat auch in seinem Ausbildungsgang das Richtige getan. Er hat verschiedene Anläufe gemacht. Eine Lehre, zwei Studien, keines davon zu Ende gebracht. Hieran darf ich eine allgemeine Weisheit knüpfen, nämlich die, daß das abgebrochene Studium die eigentliche Fachrichtung für Kreative ist. Ich will nicht auf Bismarck abstellen, der ja meinte, daß Journalisten, die besonders häufig ihr Studium abgebrochen haben ohnedies allesamt Leute seien, die ihren Beruf verfehlt hätten. Aber tatsächlich ist es so, daß für viele jüngere Menschen, wenn sie ein Studium durchfuhren und mit einem Diplom verabschiedet werden, die Versuchung unendlich groß ist, von diesem Diplom dann auch Gebrauch zu machen. Also sich um irgendetwas zu bewerben, um eine Stelle beim Staat, in der Industrie oder sonstwo und damit natürlich möglicherweise auf die eigene Lebensberufung zu verzichten. Da ist es schon gleich gescheiter, man hat gar kein Diplom und ist auf die Nutzung seines natürlichen Talentes angewiesen. Zu diesem natürlichen Talent könnte auch gehören, daß fiel mir auf der Reise hierher noch ein, lieber Herr Motz, wenn Sie eine-Kunstform in der Galerie nicht bloß ausstellten, sondern sogar erzeugten, nämlich Videoclips produzierten! Nicht diese nämlichen Videoclips, wie man sie im Fernsehen sieht bei MTV, VIVA und ähnlichen geringwertigen Sendern; also diese Musikclips, die im allgemeinen wenig bringen, außer, daß sie gelegentlich doch sehr hübsche optische Einfälle darstellen. Aber den anspruchsvollen Videoclip, den gibt es in Deutschland kaum und hier liegt etwas brach, weil die eigentlichen Möglichkeiten des Fernsehens ja im videoclip liegen und merkwürdigerweise nicht genutzt werden. Dreiviertel selbst des guten Fernsehens, das wir konsumieren können, ist ja nicht eigentlich Fernsehen, sondern gefilmter Hörfunk. Das muß es nicht sein. Also ich will nur darauf hinweisen, statt daß ich mich selbst zum Engel ernenne für nur eine Mark pro Tag, liefere ich dann lieber Ihnen diesen Einfall, mit dem sie hoffentlich viel machen können.

Es ist heute eine glückliche Fügung, von der auch schon der Oberbürgermeister Gebrauch gemacht hat, daß die Preisverleihung am Nationalfeiertag stattfindet. Das erlaubt mir auch einige Hinweise, die ich, wie ich zugebe an anderer Stelle schlecht unterbringen kann, insbesondere mit dem Fernsehen. Das Fernsehen ist ja nicht primär ein Medium, um Gedanken zu transportieren, da muß man sich etwas anderes einfallen lassen. Vor allen Dingen haben sie ja im Fernsehen immer sehr wenig Zeit. In jedem ersten Satz, den Sie sprechen, dürfen Sie Oberhaupt nichts sagen. Weil das Publikum einen Satz mindestens braucht, um sich an den Anblick der Brille, der nicht gelungenen Frisur oder dergleichen zu gewöhnen, weswegen jeder, der Fernsehen macht, sich dazu zwingen muß, im ersten Satz gar nichts zu sagen. Weswegen ja auch alle Politiker ihre Antwort einleiten damit, "darf ich zunächst mal auf folgendes eingehen", was natürlich mit der gestellten Frage nichts zu tun hat. Das dient nicht nur dem Ausweichen, sondern es dient auch dem Gewinnen einer Zeitspanne, um dann wirklich etwas sagen zu können. Die vergangene Wahl am 27. September ist nach meiner Meinung der Substanz nach die erste gesamtdeutsche Wahl. Die vorhergehenden beiden Bundestagswahlen, an denen die ostdeutschen Wähler schon teilgenommem haben, waren in der Substanz Ratifikationswahlen für die die Wiedervereinigung. Es wurde auch das Parteiensystem als solches einfach im wesentlichen akzeptiert und geschluckt und verwertet - mit unterschiedlichen Stimmabgaben, bis hin zu solchen Merkwürdigkeiten, daß ein soziologisch absolut ähnliches Publikum wie in Brandenburg einerseits, in Sachsen anderseits in der Stimmenabgabe vollkommen kontradiktorisch entschieden hat. Eine absolute Mehrheit für die Sozialdemokraten auf der einen, für die CDU auf der anderen Seite. Das alles gehört zu diesem Einstimmungsprozeß, den ich aber noch nicht als wirkliche Wahl, die auf gewachsenem politischen Verständnis beruht, zurückführe. Es war eben dort nur zunächst die Übernahme dessen, was man vorfand. Wir haben jetzt, am vergangenen Sonntag eine Wahl gehabt, die sich von den vorhergehenden der Substanz nach unterschied. Es ist nämlich auch im Ergebnis festzuhalten, daß mit der Ära des großen Kanzlers Kohl, ich sage das ganz bewußt, weil er nach meiner Überzeugung in unseren Geschichtsbüchern neben Figuren wie Adenauer und Willy Brandt, vielleicht als der allerbedeutendste verzeichnet sein wird, daß aber mit dem Ende dieser Ära Kohl auch die Republik, die auf den Namen Bonn gehört hat, zuende gegangen ist und daß wir nun eingekehrt sind in etwas, was ich ganz wertfrei als europäische Normalität bezeichnen möchte. Wir hatten in vergangenen Jahrhunderten immer darunter zu leiden, vor allen Dingen auch im Angesicht unserer Nachbarn, daß wir nicht genau angeben konnten, was Deutschland ist. Es gibt das berühmte Lied von Ernst Moritz Arndt "Was ist des Deutschen Vaterland", es beruht eben darauf, daß wir keine klaren Grenzen hatten. Daß nie ganz klar war, wer ist Deutscher, wer ist nicht Deutscher. Das haben wir nun seit der Wiedervereinigung und den anschließenden Verträgen mit den Nachbarn ein für alle Mal definitiv geklärt. Wir erheben nicht mehr Anspruch auf auch nur einen QuatratZentimeter irgendeines Territoriums, das noch nicht zu Deutschland gehört. Ebenso wenig, wie wir irgendeinen Quadratzentimeter abgeben wollen. Wir können ganz genau definieren und ich nehme an, daß das neue Staatsangehörigkeitsrecht noch etwas genauer formulieren wird, wer Deutscher ist und wer nicht Deutscher ist. Das heißt, wir sind in der Hinsicht zum ersten Mal ein Volk unter Völkern, eine Nation unter Nationen geworden. Wir sind es jetzt auch in einer anderen Hinsicht. Wir haben jetzt eine Hauptstadt, die wir als Hauptstadt ernstnehmen können. Wir brauchen sie nicht mehr so ernstzunehmen, wie Berlin früher ernstgenommen worden ist, weil wir zwar nicht öffentlich zugeben, aber es doch wissen sollten, daß die deutsche Politik nur noch ungefähr halb so viel selbstständig zu regeln hat, wie das vordem der Fall war. Daß wir zum Beispiel auch im neuen Kabinett wieder einen Wirtschaftsminister haben werden, ist eher auf die Unterbringungsbedürfnisse der regierenden Parteien zurückzuführen, als auf ein sachliches Bedürfnis. Sie könnten auf ein Wirtschaftsministerium glatt verzichten. Die Zuständigkeiten nähern sich asymptotisch der Null. Aber wir kriegen ab nächstem Frühjahr tatsächlich eine Hauptstadt als Integrationsort dieser nationalstaatlichen Restpolitik, aber auch der Wirtschaft, der Medien, der Gesellschaft und der Kultur. Das eben war Bonn nicht. Bonn war eine ganz sympathische Hauptstadt. Aber wirklich nur die Hauptstadt eines sich provisorisch verstehenden Staates. Denn es gab kein Staatsvolk, das dort war. wenn Sie in Bonn demonstrieren wollten, mußten Sie vorher mit der Bahn verhandeln, um hundert Sonderzüge zu bestellen. Dann wurden die Demonstranten ausgeschüttet, denn es gab keine am Ort. In Bonn selbst war Wirtschaft Oberhaupt nicht präsent. Es gibt dort zwar eine Fahnenfabrik, die relativ viel zu tun bekam seit 1949. Es gibt einen Hersteller von Gummibärchen, den man sehr preisen kann, und es gibt auch noch einen, der Eierlikör herstellt. Damit ist aber das Gesamtniveau der Bonner Volkswirtschaft bereits umgriffen. Das alles wird sich natürlich vollkommenen ändern, wenn Sie an die Hauptstadt Berlin denken. Vor allem aber stehen wir jetzt im Begriff, ein völlig neues Partensystem zu entwickeln. Ich will Sie einmal kurz einladen, einen Blick in die Vergangenheit zu tun. Etwa zu dem Zeitpunkt, als die römischen Verträge, die zur Begründung der Europäischen Union in den folgenden Jahrzehnten geführt haben, abgeschlossen wurden. Damals verhandelte auf der Seite der Bundesrepublik der Bundeskanzler Adenauer, vorsitzender der CDU; der italienische Ministerpräsident Alcile de Gaspari, Vorsitzender einer Partei, die Democrazia Christiana hieß, für die Franzosen Außenminister Robert Schuman, (Vorsitzender des Mouvement Republicain Populaire); alles drei Chefs sehr einflußreicher, natürlicher Mehrheitsparteien, wenn Sie so wollen christlich, wirklich konservativer Prägung. Das wäre in allen drei Fällen falsch, aber gut, sagen wir es der Abkürzung halber, christlich-konservativer Prägung, von denen nur noch eine besteht. Nämlich nur noch die CDU. Das heißt, daß wir ein Parteiensystem der fünfziger Jahre konserviert haben, das im ganzen übrigen Europa nicht mehr besteht. Großbritanien eingeschlossen, obgleich dort die Namen der Parteien gleichgeblieben sind. Aber natürlich ist die konservative Partei der Baronin Thatcher etwas völlig anderes, als die vornehme konservative Partei des 19. Jahrhunderts. Die NEW LABOUR von Tony Blair ist einfach nicht mehr die alte Labour Partei, die in unserem Sinne sozialdemokratisch war, was die neue nicht mehr ist. Das heißt, wir stehen jetzt auch im Begriff hier in eine europäische Normalität einzutreten, indem jetzt ganz bestimmte deutsche Reservatvorstellungen liquidiert werden und sich etwas Neues ergibt. Was das sein wird, können wir im Augenblick noch nicht wissen. Ich würde bloß, was die CDU angeht und den Erneuerungsprozeß, zu dem sie sich jetzt an- schickt, die skeptische Vermutung äußern, daß er mißlingt. Sie glauben gar nicht, wie stark eine solche Fesselung durch einen übermächtigen Mann wie Kohl ist, so daß im Gefolge jetzt auf einmal zwar an Jahren jüngere Leute auftreten, die sich aber vermutlich von den Denkschemata, die sie in den letzten 30 Jahren kennengelernt haben, nicht werden lösen können. Es sei denn, es tritt auch wieder eine überragende Erscheinung auf, die sozusagen mit der Gewalt der eigenen Idee die anderen bezwingen kann. Das sehe ich aber nicht. Das sehe ich weder bei Herrn von Beust in Hamburg, noch bei Herrn Wulf in Hannover. Das sind alles brave, wackere Leute, aber nicht die Typen, die eine neue CDU stiften könnten. Das heißt, wir stehen möglicherweise vor dem Tatbestand im nächsten Jahrzehnt, daß dieses rotgrüne Bündnis bedeuten kann, daß wir nach 10 Jahren etwa ein völlig anderes Parteiensystem haben. Die Sozialdemokratie wird sich an der Macht ohnedies verändern. Ganz bestimmte Lieblingsvorstellüngen wird sie nicht pflegen können. Die Grünen verändern sich selbstverständlich. Vielleicht gibt es Amalgamierungen zwischen den beiden Parteien, von denen wir heute noch gar nicht träumen können. Ganz sicher wird auf dem nichtsozialistischen Sektor sich eine andere Konstellation entwickeln, als die gegenwärtige. Ich füge als meine unverbindliche Privatmeinung hinzu, daß ich glaube, daß eine sich primär christlich orientierende politische Partei in Deutschland so wenig möglich sein wird, wie es sie in Italien geblieben ist. Auch in Österreich heißt die ÖVP zwar immer noch ÖVP, hat aber mit der alten christlich-katholischen Volksbewegung nichts zu tun. Dazu gehört auch, daß man eine parlamentarische Akzeptanz anderer Gruppierungen vielleicht einbeziehen können wird, wie Sie das bei anderen europäischen Ländern erleben. Was wir nicht dulden können, darauf hat der Oberbürgermeister mit Recht hingewiesen, ist diese intellektuell absulut minderwertige Schlägertruppe auf der Rechten. Was aber durchaus denkbar wäre, ist eine klassische nationale Randbewegung, die dann auch parlamenmtarisch wäre und mit den jetzigen Punks nicht das geringste zu tun hätte. Man muß das sehr sorgfältig auseinander halten.

Aber im Grunde ist es nicht ganz natürlich, sondern nur durch den pädagogischen Ehrgeiz der westdeutschen Demokratie nach dem Kriege zu erklären, daß man die parteipolitischen Ränder so einfach abgekappt hat. Man sagte sich einfach, was rechts von der CDU ist, ist verfassungswidrig, was links von der SPD ist, ist ebenfalls verfassungswidrig. So simpel geht es nicht. So läßt sich auch ein Wählerpublikum nicht ewig fesseln. Nun, für die deutsche Normalität ist - hier schlage ich genau so elegant wie es dem oberbürgermeister im umgekehrten Sinne gelungen ist, wieder den Bogen zurück zu Frank Motz - das ACC eigentlich ein sehr gutes, ein staatsbürgerliches Vorbild. Auf Spontanietät beruhend (natürlich steckt immer ein prägender Kopf dahinter, eine Spontanietät, die ohne Führung auskäme, gibt es natürlich gar nicht) aber als autonomes Zentrum der Aktivität hier nun aufs kulturelle bezogen, aber ja ohne weiteres auch in anderer Hinsicht leicht denkbar - entfaltete es eine große Wirkung, ohne staatliche Fürsorge und Subvention. Ich weiß, daß das ACC es auch ganz gerne hätte, wenn die Mittel der Stadt es erlaubten und die des Landes und meinetwegen auch die noch des Bundes und der europ. Union, etwas mehr öffentliche Förderung zu empfangen als es gegenwärtig möglich ist. Dagegen wäre auch wenig zu sa- gen. Denn umgekehrt gibt es genügend Fälle von kultureller Ubersubventionierung in Deutschland. Wir haben ja als einziges Land der.Welt eben den Tatbestand, daß der deutsche Bund noch aus 48 verschiedenen Territorien bestand und natürlich jeder seiner Herrscher Wert darauf legte, seine eigene Kultur zu subsidieren. Anders wäre sie ja nicht lebensfähig zu erhalten gewesen. Ähnliche Verhältnisse finden Sie in den angelsächsischen Ländern Oberhaupt nicht und auch in anderen, wie etwa in Frankreich nur in einem sehr viel geringeren Maße als bei uns. Also auch da wären Normalisierungen denkbar, für die ich aber angesichts der Empfindlichkeit der kulturellen Subventionsempfänger hier nicht energisch werben will. Aber mir hat es sehr gut gefallen zu sehen, auf welche pfiffigen Einfälle auch das ACC gekommen ist, um sich eine eigene, auch wiederum auf gesellschaftlicher Spontaneität beruhende Grundversorgung zu sichern. Man kann ja das ACC als "Engel" unterstützen; an dem Goethewort orientiert, "Engel sei der Mensch, hilfreich und gut". Man zahlt dann für jeden Tag, den es das ACC gibt, eine Mark, also 365 Mark im Jahr. Nun würde ich Ihnen, lieber Herr Motz, dringend empfehlen, neben der Kategorie der "Engel" auch die der "Erzengel" einzurichten, die es ja im Himmel gibt. Die müssen dann den zehnfachen Betrag erlösen. Wenn Sie davon schon mal hundert haben, (es ist etwas mehr, als die Bibel als Erzengel aufzählt, aber warum sollen Sie die Bibel nicht übertreffen), dann haben Sie schon die Versorgung, auf die Sie abstellen. An anderer Stelle versuche ich ein wenig mitzuhelfen, Geld für eine weimarer Einrichtung zu organisieren, nämlich für die Stiftung Weimarer Klassik. Aber wenn ich daran denke, welche Summen wir dafür benötigen, dann kann ich mir keine Skepsis erlauben, was Ihre Bedürfnisse angeht, die sich in der Gegend von einem halben Prozent dessen, was wir für die andere Gruppe besorgen wollen bewegen. Auch dazu meine herzlichen guten Wünsche, mit denen ich eigentlich den Glückwunsch, den ich Ihnen schuldig bin nicht übertreffen will, auch nicht übertreffen kann, denn was kann es für einen Weimarer schöneres geben, als Träger des Weimarpreises zu sein? Alle Gute, herzlichen Dank lieber Herr Motz, herzlichen Dank Ihnen allen.