Weimar-Preisverleihung,
Dankesrede Frank Motz,
3. Oktober 1998, mon ami, Weimar

Das ist nun der Dank. Der Dank zunächst an jene, die die Chance einer historisch einmaligen und unvergleichlichen Situation nicht nur erkannten, sondern im Frühjahr 1990 einer unkalkulierbaren Gruppe junger Menschen das nötige Vertrauen gutschrieben, und schlußendlich mit politischen Entscheidungen dafür Sorge trugen, daß eine nur Wenigen bekannte Kulturnische, die so ganz ohne Gewerbe- und Wohnberechtigungsschein im verfallenen Nichts inmitten der absterbenden Republik parallel zur offiziell verabreichten Staatskultur aufkeimte, plötzlich eine Existenzberechtigung geschenkt bekam. Prof. Olaf Weber, Prof. Hermann Wirth und Friedrich Rogge, um nur einige zu nennen, identifizierten sich damals mit unserem Plan, 173qm städtischen Bodens mit Kunstdünger zu kultivieren und forcierten damit die Verwandlung einer Wohnruine zu einem aufgeschlossenen Haus. Kultur war schon immer ein Seismograph für die Befindlichkeit unserer Gesellschaft, war das Gewissen des Fortschritts.

Dank der Stadt Weimar und dem Runden Tisch, die sich nach knappem Entscheid zum Verkauf dieses Immobilientorsos in bester Lage durchringen konnten und damit, gegen den damaligen Preis eines Trabbis, vielleicht ein Stück gewachsener städtischer Identität über die Wende retteten.

Dank für die Courage einer Stadt, die von vergangenheitswütigen Erinnerungsvirtuosen und ewiggestrigen Altlasten genug hat und trotzdem einen Teil von dem, was im Allgemeinen als Basiskultur bezeichnet wird und es sich nun zwischen Heichelheimer Klossmarie und Roter Couch bequem macht, zu würdigen gedenkt.

Dass jede Arbeit ihren Preis hat, gehört zu den Gepflogenheiten einer Galerie. Ohne Preise könnten wir inzwischen nicht mehr überleben. Es ist unsere Absicht, diese von Ihnen gezeigte Einsicht und die damit verbundene Risikofreude nicht auf sich ruhen zu lassen. Liebe Weimarerinnen, liebe Weimarer, liebe Gäste, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, sehr geehrter Herr Johannes Gross, liebe Blasmusikanten von "schwarz/rot Atemgold 09", deren schwierigster Part noch bevor steht, liebe Kulturfreunde und Erstbesucher des frisch restaurierten Jugendklubs "mon ami", liebe Mitglieder des ACC e.V., liebe Förderer, 365-Tage-Engel, Gönner und Stifter der ACC Galerie, liebe Führungsspitze der Dorint-Hotelkette, der am heutigen Vormittage zahlenmäßig stärksten Interessensgruppe in diesem Saal, meine sehr geehrten Damen und Herren: Ich freue mich, vor Ihnen sprechen und mit Johannes Gross fortfahren zu dürfen. Der sagte einmal: Die Kommunikation ist der Dialog zwischen denen, die etwas zu sagen haben, aber nichts mitzuteilen, und denen, die zuhören müssen. Ich hoffe, Ihnen etwas mitteilen zu können, ohne jedoch etwas zu sagen haben zu wollen.

Es soll keiner Empfängnisverhütung gleichen, wenn ich diesen Preis in dem Bewußtsein entgegennehme, daß sich der Name seines Trägers diesmal eben nicht nahtlos einordnen läßt in die prominente Reihe seiner bisherigen Empfänger, von Jutta Hecker über Jorge Semprun bis Horst Jährling. Vielmehr bereitet es mir Freude und Genugtuung, Ihnen, sehr geehrte Gäste und Vertreter der Stadt Weimar, neben meiner auch die Dankbarkeit der anderen Aktivisten des ACC-Stabes entgegenzubringen. Deshalb sei eine kleine Korrektur des Preisadressaten gestattet. Die Beförderung unseres im Verwaltungsjargon so genannten freien Trägers vom ordinären Kulturträger zum ausgezeichneten Preisträger haben meine Kombattanten mindestens genauso verursacht und deshalb zu verantworten wie ich selbst. Und dies ist weder Rhetorik noch falsche Bescheidenheit, sondern die Fortführung dessen, was unser Generalbeauftragter der Kulturstadt GmbH einst mit "Gesamtmenü ACC" bezeichnete, als er meinte, dieses Kulturzentrum sei in Thüringen nichts von dem, was wie die jeweils anderen funktioniere. Es sei Restaurant, Kneipe, Galerie, Stipendiengeber und Kulturbüro. Es sei eine kulturelle Dreifaltigkeit, in drei Spielarten ein Ganzes, ein Einziges, frei nach Herbert von Hintzensterns Prophezeiung aus dem Jahre 1991 "Im ACC wird die Achse der Welkultur geschmiedet..." Das Schöne an der Arbeit des jungen ACC-Teams sei, daß niemand wisse, was das nun ist - Breiten-, Hoch-, Alternativ-, E- oder U-Kultur. Ein Menü übrigens, dessen kulinarisches Angebot sich mit jeder neuen Ausstellung ändert und in dem es nur schlüssig sei, so Kauffmann, daß der magenschwere Thüringer Kloß mit seiner inneren Bröseligkeit, das Strukturäquivalent dieses Landes zur deutschen Erdenschwere, ebenso fehlt wie das ungefärbte Rotkraut. Bliebe nur hinzuzufügen, daß einige unserer Mitstreiter sich ab und an klammheimlich davonstehlen, um sich in fremden Etablissements am Thüringer Kloß zu vergehen. Vielleicht ist es diese zweifelsohne nicht immer einfache, aber deutliche Identifikation mit den Stärken und Schwächen, den Gewohnheiten, Vorlieben und Antipathien dieser Stadt, die unserer Arbeit eine gewisse Authentizität verleiht, ob nun mittels Klee oder anderer Köpfe, der Weimaraner-Hunde, der Großen Sieben für Weimar, der gekreuzten Thüringer Bratwürste, demnächst auch der Zwiebel samt Markt und Ständen, die künstlerisch erschlossen werden sollen oder, warum denn nicht, dem Vermächtnis Goethes. In einer seiner zeitweiligen Absteigen, dem heutigen ACC, wird im Sommer '99 die durch ihn inspirierte Austellung "Weimar, Rom, Neapel - Eine italienische Reise" gezeigt, dicht gefolgt wiederum von zeitgenössischem Schaffen um den wohl engagiertesten Weimarer Sprachkulturisten unter dem Titel "Who the fuck is Wieland" mit angeschlossenem Goethe-Ruheraum und Wielandschaft, das dem Superstar des Weimarer Literarischen Quartetts im Nacken sitzt.

Gestatten Sie mir nun, Ihnen die Kulturtäter, die Frontschweine diese Gesamtmenüs der ACC-Kulturabteilung vorzustellen, indem ich mich gleichermaßen bei ihnen für die vorwärtsorientierte Zusammenarbeit bedanke. Ohne sie wäre das Haus nur eine leere Hülle. Mit ihnen sieht die Sache schon anders aus, denn in diesem Stab stecken 180 Jahre Lebenserfahrung. Die Frage nach dem zu jungen Preisträger stellt sich also nicht.

Unsere Protagonisten, die die fünfte Reihe dieses Saales zieren, sind: Karin Schmidt, unser Perpetuum Mobile der Buchhaltung, die Verbindungsfachfrau, ohne die jedermanns tägliche Zeitungsschau im ACC-Café undenkbar wäre, die uns wie nebenbei immer klarer macht, welch führende Rolle die dritte Person - das liebe Geld - in unserem Leben einnimmt. Andrea Dietrich, unser Draht zu dem, was in Weimar vor uns war und was nach uns kommen wird, Kunsthistorikerin wie Kunstweissagerin, die mit den Waffen einer Frau Dinge auf den Punkt zu bringen vermag, vor denen unser männlicher Kleingeist nur erblassen kann. Barbara Rauch, die eigentliche und unermüdliche Kulturmacherin, die alles zusammenschmiedet und dann auch -hält, der Rahmen unserer Arbeit, deren Erfolgsrezept uns bis heute nicht so ganz klar ist, die ihr Leben mit der Apotheke radikal zu ihrem Leben mit dem Theater umgestülpt hat und ihre 5. Theatertage in einer Woche eröffnet, während wir wieder nur stirnrunzelnd kapitulieren und uns fragen, wo's nur wieder herkommt. Anselm Graubner, unsere linke Hirnhälfte, unsere Institution bei allem, was Recht ist und billig bleiben soll, unser Gastronom, Marktführer und Chef des Unternehmens "ACC", unser Kernkraftwerk, ohne dessen Engagement wir schon längst auf der Schrotthalde der Kultur deponiert worden wären. Vorangetrieben hat er unsere Sache vor allem nach einer Methode, die lauten könnte: "Wer immer nur das tut, was er schon kann, wird immer nur das bleiben, was er schon ist." Weitere zehn Mitarbeiter bilden den Stab dieses Kulturhauses, das sich seit 1988 "autonom" nennt. AUTONOM IST NOCH NICHT EINMAL DER MOND, schrieb dereinst ein Musikant der Formation, die uns heute so aufgerüttelt hat, in unser Gästebuch. Aber dazu komme ich noch.

Dank den Mitstreitern und den Zaungästen aus dem Verein und den Exoten, die sich auf uns eingelassen haben, von denen ich noch einige aufzählen möchte: Greg Dix, Schiffskoch aus Australien, der - eigentlich nur auf Landurlaub in Rotterdam - im ACC anheuerte und dort noch mehr ins Wanken geriet als unter britischer Flagge auf der Queen Elizabeth 2. Werner von Wolfenhagen, Hubschrauberunternehmer aus Paraguay, der den historischen Moment erkannte und für ein Freijahr seine Schaffenskraft spontan in den Dienst des ACC stellte, weil er auf der A4 in einen Stau geriet, die nächste Abfahrt nahm, um auf ein Bier nach Weimar zu fahren und nicht mehr wegkam. Marit Mellem aus Norwegen, die unser Etablissement nicht nur als subkulturelles Anschauungsobjekt für ihre Anthropologie-Studien ansah, sondern als Weiterbildungszirkel fürs Kellnern, Restaurieren und Deutschlernen. Heather Hollern und Thomas Bleigh aus Kalifornien, die für den Lehmputz im "Urwortmuseum", unserer ersten Ausstellung in der Großen Galerie, sorgten, um nur einige zu nennen. Aber auch Günther Zorn, Werkzeugschlosser aus dem VEB Weimarwerk, einziger Überlebender und roter Faden in die Zeit des Bombenangriffs und der Pieck-, Ulbricht- und Honecker-Ära, der "seine" Immobilie als Alleinunterhalter anstandslos besetzen ließ, uns ins Hausbuch aufnahm, zur FAZ-Schlagzeile "Klee bei Zorni" verhalf und den Satz prägte: "Mit Euren Ideen wird unser Haus Goethes bester Wohnsitz werden.", was er nun nicht mehr miterleben darf. Und, direkt darunter, fügte sein Freund Rübezahl in unserem Gästebuch hinzu: "Nach anstrengenden Wanderungen kehre ich gern hier ein, um ein Bierchen mir zu Gemüte zu führen! Danach oder währenddessen ein zünftiger Meinungsstreit um die Alltagspolitik." Beiden, Zorni und Rübezahl, danken wir für die zahllosen zünftigen Meinungsstreits und Bratwurst-Caterings, die Betreuung von Wandertagen und Sportfesten. Rübezahl, Mieter einer Einzimmerwohnung in Weimar-Nord, macht uns derzeit vor, wie man mit wenigen oder einfachen Mitteln bei Weimars Obdachlosen für guten Empfang sorgen kann. Für sie bastelt er nach Schichtschluß Fernsehzimmerantennen aus vorher ihres Inhalts zu entledigenden 0,5l-Bierbüchsen und hat, wie er sagt, "guten Erfolg". Nachzuvollziehen übrigens in unserer derzeitigen Ausstellung Erfahrungsaustausch des Dresdners Peter Bauer, der sich von Zornis Super-8- Amateuraufnahmen zur Produktion von Büchern, Filmen und Objekten inspirieren ließ.

Dank den Mutmachern und kritischen Entwicklungshelfern, allen voran dem Filmemacher Pavel Schnabel. Dank den unermüdlichen ehrenamtlichen Helfern, allen voran Norbert Meyn, dessen umtriebige Auslandstätigkeit uns auf die Sprünge half und in Mary Rozell Hopkins, unserer amerikanischen Kunstjuristin und -historikerin, die seit 1996 das Europäische Atelierprogramm betreut, ihre Steigerungsform fand. Das Programm, mit dem Ziel, bildende Künstler für einen längeren Zeitraum an Weimar zu binden wurde jetzt mittels einer Partnerschaft mit der Stadt Weimar weiterentwickelt. Diesem Atelierprogramm, den Stipendien der Bauhaus-Universität und dem Stipendiatenprogramm der Stiftung Weimarer Klassik sollten weitere folgen. Das Netzwerk "Städte der Zuflucht" beispielsweise ist eine Initiative des Internationalen Schriftstellerparlamentes und unterstützt politisch verfolgte Künstler, indem ihnen für eine begrenzte Zeit in einer europäischen Stadt, die Mitglied im Netzwerk ist, Aufenthalt, Unterkunft und ein kleines Stipendium gewährt wird. Bisherige Mitgliedsstädte in Deutschland sind Frankfurt und Berlin. Weimar würde es auf dem Weg nach Europa '99 und in Hinblick auf seine ambivalente Geschichte besonders gut anstehen, sich für politisch verfolgte Künstler aus aller Welt einzusetzen. Weimar könnte damit ein Signal gegen Fremdenhaß und Fremdenangst setzen, könnte sich verankern in der Reihe der europäischen Städte, für die Freiheit der Kunst und des Wortes nicht nur leere Worte sind, sondern tatkräftig und sichtbar einen lebendigen Prozeß durch aktives Handeln in Gang gesetzt haben. Weimars offenes Engagement im Netzwerk "Städte der Zuflucht" wäre durchaus eine Bereicherung, nicht nur Werke der Kunst nach Weimar zu holen, sondern auch Menschen, die diese Werke nur unter Verfolgungsbedingungen schaffen können. Aber auch für die bildenden Künstler Weimars reichen die Bedingungen zur künstlerischen Arbeit bei Weitem nicht aus. Deshalb sollte gerade Künstlern, die als Professoren der Bauhaus-Universität einen Teil ihrer Karriere aufgeben und für künstlerischen Nachwuchs sorgen, der Weg unbürokratisch und schnell geebnet werden, wenn sie eigeninitiativ und als Privatinvestoren sinnvolle Möglichkeiten gefunden haben, Arbeitsplattformen in ausgedienten Werkstätten als eigene Ateliers wieder nutzbar zu machen.

Ohne noch mehr abschweifen zu wollen, möchte ich natürlich allen 200 Künstlern, die bisher bei uns ausstellten, danken.

Die Blaskapelle und marching band "schwarz/rot Atemgold 09" ist seit 1990 fürs ACC in Bereitschaft. Dafür und für die Erfüllung des Sonderwunschs von 1:36min vor dieser Rede ganz herzlichen Dank. Vor acht Jahren schritten die Musiker mit uns eine Kulturmeile ab, die seinerzeit die Galerien Schwamm (so genannt, weil sich der Gemeine Hausschwamm in dem verfallenen Gebäude breitmachte), ACC und Markt 21 (die damals aus einem Fußballklub hervorging) miteinander verband. "schwarz/rot Atemgold 09" unternimmt seit 1982 ausgedehnte Abenteuerreisen durch verschiedene Musikwelten und läßt sich davon zum eigenen blasmusikantischen Schaffen inspirieren. So spielt das Ensemble zwischen Beat und Brause seine musikalischen Bälle, nicht immer aber auch ernsthaft, vor allem aber lustbetont. schwarz/rot beinhaltet anarchische Lebensart, Gold und Atem spielt mit dem prickelnden Hauch, der lebloser Materie Leben einzuflößen vermag, wie es im April 1990 geschah, als die Wände der Nachkriegsruine des Thüringer Landesmuseums am Gauforum nach Jahrzehnten des kaltblütigen Verfalls erstmals wieder wackelten. Fürs Museum begann zu dieser Zeit ein neues Kapitel, allerdings mit etwas Verspätung - erst vierzig Jahre, nachdem die Republikmacher das "Auferstanden aus Ruinen" verkündet hatten. 09 steht für das fiktive Gründungsjahr eines Fußballvereins aus dem Ruhrgebiet, dem sich das Orchester verbunden fühlt.

Unser ganz besonderer Dank gilt dem ehemaligen Herausgeber des Wirtschaftsmagazins "Capital", dem Publizisten und Feingeist Johannes Gross, für seinen rhetorischen Beistand nicht nur am heutigen Tage, sondern schon vor sechs Jahren, als seine gewitzt-bissige Redegewandtheit gar mit finanziellen Ingredenzien garniert war. Das einst in Bonn ersonnene Kunstfest Weimar wurde von ihm als Vorsitzendem des damaligen Kunstfest-Kuratoriums entscheidend geprägt. Laut TLZ von 1992 ist er "im ACC vor allem als Marktschreier in Erscheinung getreten: Eloquent und wirkungsvoll bot er den Ausstellungskatalog feil, der zur kleinen, aber pikfeinen Klee-Ausstellung im ACC erarbeitet wurde." Das Buch, auf dem Innenhof des ACC von Johannes Gross als bibliophile Kostbarkeit angepriesen, ist seit langem ausverkauft. Herzlichen Dank, Herr Gross, für das äußerst produktive Zusammenspiel zwischen Kapital und Autonomen, einer Koalition, die deutlich machte, wie eigenständig sich museale Weltkunst in Nichtmuseen, oder hier sogar kleinen Vereinen präsentieren läßt, wenn sich die Kultur selbständig ihren eigenen Weg weist und dann bahnt.

Das ACC entstand aus dem Nichts, aus einer Idee, die nicht besser umschrieben werden könnte als mit André Hellers Zeile "Die wahren Abenteuer sind im Kopf". Am 14. Dezember 1988 trafen sich die ersten 20 Gäste in dem verfallenen Renaissancegebäude und nahmen durch das Intonieren von "Morgen Kinder wird's was geben" ein Stück ACC-Zukunft vorweg, an das wir nicht zu glauben wagten. Der Burgplatz als Umschlagplatz kultureller Güter ist seitdem nicht mehr zur Ruhe gekommen. Nährmittelkarten aus der Trümmerfrauenzeit, Milchtüten aus aller Herren Länder, Klänge ächzender Trabantmotoren oder weltmusikalische Neuschöpfungen, Schrottplastiken als Preise zu Sekundären Filmfestivals, Broschüren zu alternativen Stadtführungen haben seitdem ebenso die Schwelle des fast schon im Ruhestand befindlichen Hauses passiert wie Moholy-Nagys Bauhausfotografien, Klees Weimarer Farbexperimente, die blauen Sterne aus Gugging, Cindy Shermans Selbstinszenierungen, William Wegmans Weimaraner-Polaroids, die Kitschfotos von Pierre et Gilles und die Videos von Nedko Solakov, in denen zeitgenössische bulgarische Kuratoren Weimars Klassiker sexuell belästigen. Fährten aus der kulturellen Einsiedelei aufzuspüren, die verengte Wahrnehmung zu weiten, sich an den Lähmungserscheinungen Weimars vorbeizumogeln, danach stand und steht uns der Sinn. Schon von Anbeginn zählte die kulturelle Erschließung neuer Räume und deren Nutzung als etwas andere Werkplattform zu unseren Arbeitsmethoden, ganz gleich ob dauerhaft oder nur zeitweilig. Eine Museumsruine, ein Kornspeicher, ein Rübenlabor, ein Maschinensaal, ein Straßenbahndepot und eine ausgedehnte Galerie gehörten dazu und tun es zum Teil noch.

Mit diesen Auswüchsen aus der Galerie hinaus mitzuwachsen heißt auch, neue Finanziers zu finden.

Seine Intelligenz kann man beim Geldverdienen beweisen; seine Kultur beim Geldausgeben. Oder wie sich Hilmar Hoffmann, deutscher Kulturpolitiker und Präsident des Goethe-Instituts ausdrückt: "Wie die Autonomie der Künste grundsätzlich und grundgesetzlich unantastbar ist, muß auch die Programmfreiheit der Kulturinstitute strikt gewahrt bleiben." Oder wie wir bei Goethe entlehnten: "Engel sei der Mensch, hilfreich und gut". Dies ist das Motto der 365-Tage-Engel, die 1 Mark am Tag, 365 Mark im Jahr an unsere Galerie spenden, und damit die Zukunft der autonomen Arbeit unseres Vereins sichern helfen. So wie auch der Mond eben nicht ganz autonom über die Runden kommt, hängt unsere Existenz von den Engeln ab. Bzw. den Gönnern und Stiftern, deren Potenz über die des ordinären Engel hinausreicht und von denen ich heute einige hier begrüßen kann. Aber Sie haben, glaube ich, verstanden. Ungeachtet dessen müßte natürlich die Kulturbürokratie erflachen, damit es für Bürger insbesondere steuerrechtlich leichter wird, sich an den Kosten der Kultur zu beteiligen, von einer festen Budgetisierung bestimmter freier Kultureinrichtungen ganz und gar nicht zu schweigen.

Das kulturgeschwängerte Weimar zwischen Wahl und Zwiebelmarkt ist im Aufbruch und rückt - das Päckchen geschnürt - gen '99 enger zusammen. Der kulturelle Overkill läßt nicht mehr lange auf sich warten, die Zeitungen zählen die Tage der Aufrüstung, bis das offene Dauerfeuer mit Silvesterglücksraketen eröffnet wird. Ein Kulturschlachtfeld im Stellungskrieg, auf dem relativ ungeordnet von allen in alle Richtungen geschossen und nachgeladen wird. An Kulturdispatchern, die Aufklärungsarbeit - selbst unter den Kulturmachern - leisten, mangelt's. Dabei sind die Chancen, die Weichen für inhaltlich fundierte, europäische Kulturarbeit zu stellen, einmalig und unwiederbringbar, allein schon deshalb, weil beispielsweise die Chefin der Kulturstadt '98, Carin Fischer, schon jetzt von einem Absterben der Kulturstadtidee im Jahr 2000 spricht, in dem gleich 9 europäische Städte den Titel erhalten und der Sinn und damit die Zukunft des Projekts "Kulturstadt" zerstört wird.

"Die Kommunikation ist eine Säule der modernen Gesellschaft. Wer nicht miteinander redet, kann nicht urteilen. Wenn zwischen Menschen keine Informationen fließen, fallen die Urteile ungerecht oder sogar falsch aus." meint Birgit Breuel, ehemalige Präsidentin der Treuhand. Wenn sich Charlotte und Goethe treffen wollten, stellten sie eine Kerze ins Fenster. Wer stellt für '99 die Kerzen ins Fenster? Heute scheint die Kommunikation ein weitaus größeres Problemfeld zu sein, und das in Weimar, das doch zumindest geografisch eine Stadt der kurzen Informationsstränge sein müßte. Und das zu Zeiten von e-mail und Internet. Man ist es nicht gewohnt, miteinander zu reden, also tut man's auch nicht. Da widmet man sich schon lieber der Aufgabe, Leute zu beobachten, wie sie andere beobachten, was lähmend sein kann. Ein öffentlicher und gemeinschaftlicher Disput darüber, was der Inhalt "europäischer" Kultur sein könnte, um danach Inhalte neu zu definieren, ist zwar geplant, aber das ist auch alles. Er fehlt bislang gänzlich.

Die Betonung von Konkurrenz statt Kooperation, deren Umkehrung man nur mit hohem, privatem bzw. persönlichem Aufwand zu Leibe rücken kann, und die sich um so weniger erschließen läßt, als daß es in der 60.000- Seelen-Gemeinde für nahezu jede Kulturdisziplin nur einen Ausrichter gibt, ist wohl das auffälligste Merkmal, die allgegenwärtige Berufskrankheit der Kulturschaffenden Weimars, ob nun in den Hauptquartieren der Kultur oder anderswo. Gelegentliche Befindlichkeitsmanöver sind dagegen Waisenknaben. Mit dem Konkurrenzaberglauben schwingt die Angst, etwas - wie z.B. den eigenen Ruf, verlieren zu können, seine Schäfchen nicht rechtzeitig ins Trockene zu bringen usw., ohne zu sehen, was man gleichsam gewinnen könnte: Partnerschaften sind kein notwendiges Übel, sondern tendieren zu einer der wenigen Gelegenheiten, Gelder zu akquirieren.

Als Ergebnis des üblichen Spartendenkens und der geringen Durchlässigkeit der Institutionsgrenzen, werden inhaltliche Debatten lieber im Verborgenen geführt, nämlich dann, wenn Enddreißiger aus der mittleren Ebene der Institutionshierarchien einen Spielabend organisieren und es auf dem Wohnungsbalkon zur Raucherpause kommt.

Die mangelhafte Vermittlung gegenüber einander scheint ebenso problematisch wie die sich nach außen Artikulierende. Nur ein massiver Vermittlungskampf kann nachhaltig die Kulturlandschaft Weimars aufwerten, weniger die Verkettung punktueller Events in einem abgesteckten Zeitrahmen. Wer "Die unsichtbare Sammlung" von Stefan Zweig kennt, weiß , dass es selbst dann noch etwas zu vermitteln gilt, wenn schon nichts mehr zu holen ist. Durch permanentes Fehlen einer realitätsnahen Kultur- oder gar Kulturstadtinformationszeitung, wenn man vom Weimar Kultur Journal einmal absieht, die - auf billigstem Papier gedruckt - dem Zwiebelmarktbesucher feilgeboten werden oder per Postwurfsendung alle Haushalte erreichen kann, aber auch durch das Fehlen eines Kulturstadtbüros mit Blick und Schaufenster zum Markt, um die großen Vorhaben auch personell dingfest machen zu können, wurden bereits wichtige Möglichkeiten der Vermittlung zeitlich verschoben, wenn nicht gar vereitelt. Dabei wären dies lukrative Ansätze einer Bürgerbeteiligung, auch als Mittel, um einer wachsenden Zahl von Menschen dazu zu verhelfen, einen Lebensinhalt zu finden.

Auf der anderen Seite muß man nicht sehr weit gehen, um in Weimar gut vermitteln zu können. Der geeignetste Ort scheint mir der Bratwurststand am Markt. Dort jedenfalls erkundigt sich der herkömmliche Denkmalpflegebeamte, wer denn bei uns "sachlich und rechnerisch richtig zeichnet", dort, im Dunst des schwarzen Rostes, wird über das mögliche Gelingen einer Zwiebelmarktoper debattiert.

Dabei ist Vermittlung manchmal so einfach und kommt auf einen zu, wenn man sich ihr öffnet. Ein Beispiel: Die DSR, die Deutsche Städtereklame, die sich 1996 unserem offiziellen Plakatiergesuch des Posters "Der kleine Gärtner" - eines in die Rabatten pinkelnden Jünglings des Pariser Künstlerpaars Pierre et Gilles - nur auf Beschluß der Stadt fügte, bekam einige Tage vorher die Gesamtstückzahl plus Reserve der anzuschlagenden Poster durch uns geliefert. Während des Verhandlungszeitraums hatte schon ein Drittel der Plakate, die offiziell nicht plakatiert werden sollten, den Weg in die Privatsphären der DSR-Mitarbeiter gefunden. Dem einen oder anderen unter ihnen, möglicherweise sogar den meisten, deren Toiletten nun ein solches Poster ziert, ist damit gedient und gleichzeitig Kunst nahegebracht worden. So nahe, wie es näher eigentlich nicht mehr geht.

Die Verknüpfung von Wirtschaft und Kultur ist untrennbar. Städte ohne Mythos und entsprechendes Renomee scheinen da weniger Berührungsängste zu haben. Der Mythos Weimar führt zum Dünkel, man hätte diese Verbindung - ebenso wie Werbung - in Weimar nicht nötig. Die Leute müssen endlich lernen, daß man mit der Kultur auch die Wirtschaft sichern kann. Das, was die Kultur in die Wirtschaft speist, gibt die Wirtschaft auch zurück. Und dies trägt zur Identitätsfindung bei.

Die Aufwertung der Infrastruktur, die eine Kulturstadtnominierung nun mal mit sich bringt und die gern als das nachhaltige Ergebnis herausgearbeitet wird, bringt, zumindest in Weimar, auch eine uniforme Verpuppung durch die Totalsanierung der Innenstadt mit sich. Der unperfekte, rauhe Charme der Spuren aus der Vergangenheit verschwindet mit jedem Tag mehr, Geschichte wird geglättet, die Brüchigkeit einer Stadt, zu der man ebenso gut stehen könnte, wird aus dem Alltag entsorgt zugunsten einer Puppenstube Europas.

Die Vergangenheitsbewältigung in Bezug auf die vielzitierte Janusköpfigkeit der Doppelstadt Weimar-Buchenwald gipfelt oft in einer Art Beschwörung, die mit den üblichen Betroffenheitsritualen und Kranzabwürfen abgehakt wird. Historische Verantwortung zu übernehmen, heißt aber ebenso alltägliches Bemühen, heißt Nachdenken, Forschen, Veröffentlichen. Wenn Weimar sich selbst als Herz deutscher Kultur ernstnehmen möchte und dies auch von anderen erwartet, muß die Qualität seiner Erinnerungsleistung auch eine besondere sein. An Relikten herrscht kein Mangel, die Spuren sichtbar zu machen, die bislang nicht im alltäglichen Bewußtsein verankert sind. Vergangenheit zu überwältigen, heißt aber auch, das alte Image der Stadt Weimar, das auf ihr lastet und neue Aktivitäten erdrückt, durch ein neues Gesicht zu ergänzen bzw. ersetzen. Das neue Image, die neue Identität, die Weimar auferlegt werden soll, kommt nicht an der Bürgerschaft vorbei.

Das waren jetzt 28 Minuten. Lassen Sie mich kurz vor Schluß noch das Geheimnis um die Begleiterscheinungen, die uns während dieser Veranstaltung Gesellschaft leisteten, lüften. Es ist ja eigentlich kein Geheimnis, denn wie Sie bereits dem Programmzettel entnommen haben könnten, handelt es sich um hierbei 2x um Kunst. Die uns umgebenden Werke sollen als Anschauungsmaterialien sachdienliche Hinweise zu unseren nächsten beiden Ausstellungen geben.

Eigentlich gehört sie zum Alltagsgut, ist aber doch wie ein rätselhafter Schatz aus der Fremde, wie Gold, nur banaler, ein exotisches, doch fortwährend präsentes Ding, seit Jahrhunderten ein Symbol für das, was heute globale Vernetzung genannt wird. Sie ist ein Objekt der Begierde, wenn sie schwer zu bekommen ist, sie ist eine Verursacherin von Verstopfungen, wenn man zuviel von ihr abbekommt: Die Banane. Man sagt, in der Banane sei ein Stoff, der glücklich macht, ein Psychopharmakum also und das letzte, was zu hören war, ist, dass die Genforscher dabei sind, die Banane für eine Impfung gegen Cholera zu manipulieren. Diese Frucht stammt von Markus Schwander aus Basel, einem ehemaligen Stipendiaten der ACC Galerie, und wird in der Ausstellung "Mütter, ihr habt's ja so gewollt" mit Künstlern der Galerie Urs Meile aus Luzern und der Galerie EIGEN+ART aus Berlin bzw. Leipzig vom 16. Oktober bis 6. Dezember zu sehen sein. Als Entree zu 1999 wird sich die ACC Galerie der Kulturstadt aus dem Fernen Osten nähern und erstmalig junge japanische Kunst in den Mittelpunkt ihrer Aktivitäten rücken. Die Tokioter Künstler der Gruppe Generation 1965 zeichnet nicht die krampfhafte Suche nach einer gemeinsamen thematischen oder medialen Basis aus, sondern das gemeinsame Geburtsjahr: 1965. Als "kleinster gemeinsamer Nenner" gab dieser Jahrgang dem lockeren Künstlerzusammenschluß seinen Namen. Die 65er verwandeln ihre Anregungen aus Japans Sub- und Popkultur, zu deren Flaggschiffen Karaoke und Pornographie gehören, ebenso wie traditionelle japanische Kunstgriffe zu bissigen Satiren über landesübliche Kunstklischees und kulturelle Gewohnheiten. Hiroyuki Matsukages Modell-Fotografien, wie hier "Beer, Sex, My Life * Star Beer", spielen auf das traditionell-kitschige, schöne Frauen verherrlichende Genre der japanischen "Bijinga" - Malerei an und sind in der Ausstellung The Voices from Tokyo vom 18.12.98 bis 31.1.99 zu sehen. Willkommen im ACC, vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und einen schönen Feiertag.