More bad news from America oder Versuch, in Brooklyn eine Tuete Milch zu kaufen

von Frank Motz, New York/Weimar

Putnam Ecke Nostrand in Brooklyn muesst ihr meiden. Ich haette es ja auch nicht gedacht. Seit einer Woche nehme ich - nach meinem Unterarmbruch am Tag der Terrorattacke am WTC - den Slogan "America strikes back" persoenlich. Legenden von Radionews aus vergangenen Zeiten, deren Meldung des Tages gewesen sein soll, es haette "heute keinen Mord in Bedford-Stuyvesant gegeben", jenem Stadtteil, der mein Zuhause ist, ignorierte ich bislang. Als der Taxifahrer, der meine Buecherkartons und mich erstmalig in diese Gegend brachte, auf seine Frage "Are you going to live here?" mein ueberzeugtes "Yes!" bekam und hinzufuegte "Be careful!", glaubte ich noch an den Zweckoptimismus des Koelner Webdesigners, der vorher im selben Appartment gewohnt hatte, das ich jetzt beziehen wuerde: "Mir ist hier noch nie was passiert." Selbst als der kleinen japanischen Rockmusikerin, die unter mir wohnt, vor unserem Haus Willoughby Avenue 448 um Mitternacht die Elektrogitarre aus der Hand gerissen wurd! e und die Raeuber seelenruhig mit dem liquidierten Instrument nach Hause spazierten, und Tags darauf Landlord Betty die neuen Hausschluessel verteilte, kommentierte ich ihre Enttaeuschung noch mit "Wegziehen ist auch nicht die Loesung." Jetzt denke ich anders darueber. Denn an der Ecke Putnam/Nostrand hat's mich nun endlich auch mal erwischt. Mein Weltbild von den New Yorker Neighborhoods ist wieder zurechtgerueckt, suburban-ethnische Stereotypen als Gemeingut jedes Reisefuehrers wieder einsatzfaehig. Ausserdem wurmt mir seither der wunderbare Neue-Deutsche-Welle-Titel "Handtaschenraeuber, Handtaschenraeuber, ueberall, ueberall, Handtaschenraeuber, da hilft nur noch Hubschraubereinsatz" der "Foyer des Art"-Sprachkuenstler um Max Goldt im Ohr. Und das kam so: Ich hatte an jenem Montagabend Tschaikowskis "Eugen Onegin" in der Metropolitan Oper besucht.

Einschub Eins: So gut wie jede Opernauffuehrung kann im Laufe der Wochen aufsuchen, wer sich ein Stehplatzticket fuer sechzehn Dollar kauft, fuenf Minuten vor acht zielsicher und souveraen nach einem Programmheft fragend durch die Platzanweiserinnen hindurch marschiert ("Ich weiss schon, wo ich sitze."), bis zur Reihe J oder noch weiter Richtung Conductor James Levine vordringt und dort, zwo vor acht, nach einigem Nesteln an Jackett und Programmheft nahe des Ganges, immer aber in Naehe eines weiteren freien Sitzes (just in case), Platz nimmt. Wenn dann die Kronleuchter hochgezogen werden, wird man, anstatt sich zum selben Preis "zwei bis drei Bierchen bei einem zuenftigen Meinungsstreit um die Alltagspolitik zu Gemuete zu fuehren", wenngleich wir gemeinsam mit unserem Weimarer Freund Ruebezahl nun wieder allen Grund dazu haetten, fuer vier Stunden mit Ohrenschmaus und Augenzauber um Solveig Kringelborn und Placido Domingo aus greifbarer Naehe belohnt. Denn: Entspricht d! ies nicht viel eher unserem Kunstsachverstaendnis, als uns hinten auf den billigen Plaetzen mit Opernglas und Hoergeraet die Beine zu vertreten?

Wie auch immer, einige Schnulzen dieser handlungsschwachen Oper mit Duell-Intermezzo a la Puschkin gingen mir nicht mehr aus dem Kopf. Sie und mein Mountainbike sollten mich auf meinem Nachhauseweg in der U-Bahn begleiten, die ich wegen eines Kaelteeinbruchs, der meinen laedierten Arm samt Finger schnell frieren liess, bevorzugte. "Nostrand Avenue" hiess meine Endstation. Von hier aus musste ich nur noch zwoelf Blocks nach Hause radeln. Tschaikowski hatte mich hungrig gemacht. Cornflakes warteten vorraetig auf dem Kuechentisch. Ich beschloss, noch eine Packung Milch zu kaufen, damit mir die Flocken nicht im Halse stecken blieben. Fuer diesen Entschluss sollte ich hart bezahlen. Zunaechst die ein Dollar achtundneunzig fuer die Milch. Ich hatte noch einige Muenzen in meiner Umhaengetasche, holte sie heraus und zaehlte dem Verkaeufer auf dem Ladentisch das passende Kleingeld vor. Dann aber wurde richtig abgerechnet und dieses zweite technische k.o. innerhalb von vier Wochen li! ess meine zurueckgekehrte Hochstimmung fuer Tage schwinden. Als ich die Milch in die Tasche packen wollte, die direkt vor mir auf dem Ladentisch stand, schoss urploetzlich eine dunkle Gestalt von hinten auf mich zu, riss mir meine Tasche aus den Haenden und war wie der Blitz aus dem Laden verschwunden. Erst draussen erkannte ich, dass ich einem schmaechtigen Kerl meiner Groesse auf den Fersen war. Waehrend ich wie der Teufel "Anhaaaalteeeeen!" schrie - zum Uebersetzen fehlte mir die Zeit - haette ich ihn um ein Haar schnappen koennen, war ihm sogar so nah, das er sich genoetigt sah, mit mir um die Wette parkende Autos zu umkreisen, kriegte ihn dann aber doch nicht zu fassen. Aus der noch offenen Tasche fielen klirrend Digitalkamera, Luftpumpe, Ladegeraet zu Boden. Irgendwann, schon tief in der duesteren Madison Avenue, musste ich aufgeben: Mir ging die Puste aus und mein Handgelenk meldete sich zu Wort.

Einschub 2: "Leichtes Spiel" mag der vielleicht 25jaehrige African-American gedacht haben, als er die optische Dominanz meines Gipsverbandes waehrend seiner Einschaetzung ueber den Schwierigkeitsgrad des Sicherstellens der fetten Beute entdeckt hatte. Meines gebrochenen Daumens wegen hatte der mich operierende und betreuende Orthopaede Dr. Francis A. Pflum einen Extra-Verband angelegt, der mein Gebrechen noch zusaetzlich entlarvte. Speiche und Elle hielten ja - gipslos - durch eine vom Jackenaermel getarnte Schraubverbindung, wie ich sie in einer Opelwerkstatt nicht besser haette bekommen koennen, zusammen. Waehrend eines Besuchs in der Pflum'schen Praxis in der 13. Strasse lernte ich den alten Assistenten Angelo G. Tantillo kennen, der meine Roentgenaufnahmen herstellte. Die Beantwortung seiner Frage, woher ich kommen wuerde, liessen seine Augen glaenzen: "Oooohh, Weimar, beautiful landscape, I was in tank number two when we arrived at the Buchenwald concentration camp! ." Corporal Tantillo war in der "2nd Gun Section" der "C Battery" des "212th Armored Field Artillery Battalion", als am 11. April 1945 Einheiten der 3. US-Armee das KZ erreichten. "An Allied POW camp at Bad Sulza and the concentration camp at Buchenwald, 3 miles NW of Weimar, were freed 11 Apr." - so steht es in der Chronik des Bataillons. Die SS war geflohen, Häftlinge öffneten das Lager von innen. 1.000 Weimarer Zivilisten wurden fuenf Tage spaeter durch das Konzentrationslager geführt. Als sie immer wieder riefen: "Wir haben nichts gewusst! Wir haben nichts gewusst!" gerieten die befreiten Häftlinge außer sich vor Wut. "Ihr habt es gewusst!" schrien sie. Waehrend er meine Hand in immer neue Positionen bugsierte, fragte mich Mr. Tantillo noch, warum ich nicht mit dem Rad in die Praxis gekommen sei, meine rechte Hand waere doch noch o.k.? Das nahm ich mir - verwundert erst, spaeter dann mit dem rechten Vertrauen in den erfahrenen Alliierten - zu Herzen,! wenn auch mein Mut, mich wieder auf's Rad zu setzen, nicht allzu lange vonnoeten war, wie sich herausstellen sollte.

Denn noch auf dem Weg zwischen Madison und Nostrand zurueck zum Lebensmittelgeschaeft schoss mir ein anderer Gedanke durch den Kopf: Wuerde mein Mountainbike noch an den Lichtmast dicht neben der Ladeneingangstuer gelehnt stehen und den Raub ueberstanden haben? Immerhin steckte mir ja noch ein Erfolgserlebnis vom Mittag in den Knochen:

Einschub 3: Ich hatte mein Fahrrad an einen Zaun des Madison Square Parks gelehnt, um "freihand" ein Foto vom Flat-Iron-Gebaeude machen zu koennen. Ein Radfahrer kam mir laechelnd entgegen. Ein paar Sekunden mag meine harmlose Knipserei in Anspruch genommen haben. Augenblicke spaeter wollte ich mein Rad wieder besteigen: Doch der Zaun war leer. Dafuer hatte jener Radler, mit derselben Ruhe in seine Pedale tretend, nun aber mein Mountainbike als sein Zweitrad in der Rechten, seine mittaegliche Spazierfahrt fortgesetzt. Ich rannte ihm hinterher. Auf meine Anfrage, wo er denn mit meinem Rad hinwolle, er haette doch gesehen, wie ich damit gefahren waere, hatte er prompt die Antwort, es waere fuer seinen Bruder, parat, haendigte es mir aber nach einigen Verhandlungen doch wieder aus. Haette ich diesen wortwoertlichen Wink mit dem Zaunspfahl doch verstanden…

Doch, wie zu erwarten war, das Rad war auch geklaut. Gelegenheit macht Diebe. Ein anderer Dieb hatte sich flugs die Tatsache, das ich gerade hinter einem Dieb hinterher war, zunutze gemacht. Gut, das mir die Aasgeier im Beisein der Ladenclique nicht noch die Kleider vom Leibe gerissen hatten, dachte ich. Gut, das ich beide Diebe nicht gekriegt hatte, womoeglich trugen sie Waffen. Eine halbe Stunde, nachdem ich den Notruf "911" gewaehlt hatte, kam auch wirklich ein Streifenwagen. Einer der Polizisten wagte sich auf mein Bitten aus dem Auto und half mir, mit seiner Taschenlampe die Fluchtstrecke nach verlorengegangenen Gegenstaenden abzugrasen. Meiner zweiten Bitte, die Zeugen, die sich zur Tatzeit im Laden aufhielten, unter anderem den Verkaeufer selbst, der dem Dieb direkt gegenueber gestanden hatte, zu vernehmen, begegneten die Polizisten hingegen mit einem ueberzeugend routiniert vorgetragenen: "Machen wir nicht, die helfen uns sowieso nicht." Statt dessen gaben sie meine! n "Police Report", der den Vorfall als "Grand Larceny" (Grossen Diebstahl) betitelte, nie an ihre zustaendige Dienststelle im 79. Precinct, dem zustaendigen Polizeibezirk, weiter. Eine "Complaint Report Number" erhielt ich nur, weil ich den Tathergang noch einmal selbst geschrieben und in jener Dienststelle, 263 Tompkins Avenue, zwischen Greene und Lexington, abgegeben habe. Dort haette ich nach Aussage der Streifenpolizisten am darauffolgenden Tag nur die (718) 636-6611 anrufen muessen, um mir mein Klage-Aktenzeichen durchgeben zu lassen. Stattdessen erhielt ich die mir zugeschriebene "9684" im Alleingang und frage mich inzwischen, ob ich es ueberhaupt mit Polizisten zu tun hatte, aber ich schwoere, sie hatten einen Streifenwagen und Uniformen und kamen wegen meines telefonischen Hilferufes. Ihr stadtweit veroeffentlichter Werbeslogan "Courtesy - Professionalism - Respect" konnte mich bisher allerdings weniger ueberzeugen.

Einschub 4: Was auch nicht auf die folgende wahre Begebenheit zutrifft, als die New Yorker Cops aktiver bei der Sache waren, was mir zugleich verstaendlich erscheint wie nachdenklich stimmt: Gutaussehende, junge, deutsche Damen zu einer Stadtrundfahrt mit froehlichen Gesaengen in den Polizeibus einzuladen und als Hoehepunkt zu einer Visite auf's Revier zu verfuehren, um sie zu fragen, ob sie Geld braeuchten und deswegen bei der Gelegenheit nicht zu Protokoll geben moegen, sie waeren gerade von einem African-American ihrer Handtasche beraubt worden, in der sich folgende Gegenstaende im Gesamtwert von 2.500,- DM befunden haetten, ihnen als Anerkennung mit einem Anzeigen-Aktenzeichen zu schmeicheln, mit dessen Hilfe sie sich - nach dem Urlaub zurueck in der Heimat - das Geld von der deutschen Versicherung "wiederholen" koennten, erscheint mir auch spassiger, als einem in Mitleidenschaft gezogenen, wutigen Mitdreissiger nachts beim Wiederfinden seines portablen Bu! eros zu helfen. Schon die Polizei selbst hat offensichtlich verschiedene Auffassungen ueber deren Taetigkeitsbereich als "Freund und Helfer".

Am "Morgen danach" ging ich noch einmal in den Deli-Store. Irgenwie hegte ich die unberechtigte Hoffnung, der Dieb/die Diebe haette/n Dinge, die ihm/ihnen nichts nuetzten, zurueckgegeben. Stattdessen entdeckte ich zu meiner Begeisterung eine Videoueberwachungskamera, deren Spot direkt auf den Ladentisch gerichtet war. Meiner Frage nach der Aufzeichnung des Vorfalls vom Vorabend begegnete der Ladenchef mit gespielt-traurigem Gesicht: "Wir koennen uns leider kein Tape zum Mitschneiden leisten."

Der Rest sind bekannte Peanuts. Natuerlich braucht man irgendwann Geld. Natuerlich kann man eine neue Banking Card und ihren PIN-Code nur unter Vorlage einer gueltigen ID initialisieren lassen. Einen Behelfspass bekommt man beim Deutschen Generalkonsulat am United Nations Plaza, aber nur gegen Vorlage des Polizeiberichts. Den habe ich ja gottseidank noch einmal selbst geschrieben, nachdem die "ermittelnden" Beamten versagt hatten.

Nun sitze ich am Ostpfeiler auf der Brooklyn Bridge, schaue in den Sonnenuntergang Richtung "Freiheit, die die Welt erleuchtet", wie auf dem Touristenprospekt zur Freiheitsstatue steht, und die Downtown-Skyline, die jetzt, wie alle sagen, nur noch wie die von Philadelphia aussieht, esse waehrend meiner Texterei Apfelsine mit zuvielen Kernen (die man prima in die Luecken zwischen den Gehwegbrettern schnippen kann), um danach in die Upper West Side zu fahren und die Wohnung einer Oekonomie-Professorin von der Columbia Universitaet, die gerade ein Zimmer frei hat, anzuschauen. West 112. Strasse, zwischen Amsterdam Avenue und Broadway, gleich beim Morningside Park, ist schon eher die Gegend, wo wir Europaeer hingehoeren, gel? Ins Weissenghetto halt - eigentlich schade. Schade weniger um Flugticket, Reisepass, Visa, Kreditkarte, Adressbuch, Fahrerlaubnis und dergleichen, schade eher um die 500 gespeicherten Digitalfotos in jenem geraubten Laptop, der mir so unentbehrlich geworden war.

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