Frank Motz: big apple skizzen:
Unsere Antwort ist die Straße

von Frank Motz, New York/Weimar

Teil 4

"Mein neues Hobby heisst 'Pedaling the NY-NJ-CT Tri-State Region'. Als ich im letzten Sommer in New York ankam, ueberliess mir Judith Fleishman ihren schwarzen, defekten Drahtesel. Kurzerhand beim legendaeren "Bikes by George" einer Generalgenesung fuer wenige Dollars unterzogen, war er bis kuerzlich mein steter Begleiter. Monate spaeter stand fuer mich des Nachts im Central Park ein verlassenes Edelross mit Stossdämpfern und ähnlichen Raffinessen, die man eigentlich nur am Auto zu finden glaubt, bereit, das sich foermlich danach raekelte, von mir in Besitz genommen zu werden. Was ich in Weimar nie vorsetzlich zu tun pflegte, spielte sich langsam in den Mittelpunkt meiner Daseinsberechtigung: DAS RADELN! Hier ist es ein nimmer empfehlenswerter (und deshalb reizvoller) "Ausgleichssport" fuer Nahverkehrs-Hasardeure, die sich mit den Worten "Dieser Verkehr bringt mich eh' um, also kann ich auch gleich radfahren!" in den Strassenkampf begeben, eine Form der! Flucht nach vorn im geschaeftigen Ganztagsverkehr. Der ordinaere Radler ist mehr als andernorts der steten Gefahr ausgesetzt, unverrichteterdinge ueber den Haufen gefahren zu werden. Schlimmer kann es nur noch dem Fussgaenger gehen, weil er langsamer ist. Wer aber ist der ordinaere Radler? Wer benutzt die hundert Meilen oft versteckter Radwege? Radelnde Outsider waeren z.B. 1) Akademiker und Kuenstler aus Europa, wie auch 2) arme Amis, die kein Geld fuer Taxi oder U-Bahn haben, 3) sportfetischistische Amerikaner mit 900 Dollar teuren Raedern zum "Work Out", 4) die Mountain-Bike-Polizisten, die wie ihre Weimarer Kollaborateure in ihren hautengen Pantalon-Anzuegen nicht zwingend anzueglich, oder wie Geoff sagt "not very convincing" aussehen, 5) die Take-Out-Food-Service-Boys (New York ist sicher die groesste Free-Delivery-Stadt), die oft auf den Buergersteigen fahren, deren Bordsteinkanten an den Strassenkreuzungen seit zehn Jahren abgeflacht werden, um aelteren Leuten das Ueber! queren der Strasse zu erleichtern, was ironischerweise dazu fuehrt, das die Lieferjungen mit Belieben auf jenen Side Walks mit speediger Wucht aus der falschen, unvermuteten Richtung kommen und es jaehrlich "Tote Omas" gibt, aber auch 6) die Messenger Services, die Fahrradkurriere, die entweder Marihuana oder Dokumente durch die Stadt schleusen, wobei ihre Zahl abgenommen hat, wegen der schnelleren Datenuebermittlung per Internet und weil per Gesetz elektronische Unterschriften anerkannt wurden, die den Transport von legalen Dokumenten eruebrigen. Schliesslich 8) die Cleveren (und Aelteren): Sie nehmen ihr Bike mit in den Zug und erkunden die weitere Umgebung zwischen Mark Twain's Wave Hill und Roosevelt's Caumsett State Park auf Long Island, radeln in die idyllischen Staedtchen im Hudson Valley oder zur Kueste von Connecticut. Man kauft sich fuer fuenf Dollar am Eckschalter in der Grand Central Station eine lebenslang gueltige Fahrradmitnahmegenemigung "cyc-n-ride" fuer die Zuege der Metro North Railroad und des Long Island Railroad Netzes."

Frank Motz / N.Y. Unsere Antwort ist die Straße. Auf der Manhattan-Bridge / Juli 2001, Foto: Sibylle Mania

Vorteile des Radelns: Eine äusserst vorteilhafte Eigenschaft des Radelns ist das "Schnell-Sein", dessen Effekte auch ohne die befluegelnden Missetaten des Buergersteigfahrens, Ampel-bei-rot-Ueberquerens und Einbahnstrassen-Falschfahrens schon erheblich sind. Das Ueberqueren bei Rot macht ja bekanntlich selbst jeder Fussgaenger, und ein Polizist, der dies ahnden sollte, wuerde wahrscheinlich von seinen Kollegen stracks in die naechstbeste Nervenheilanstalt versetzt werden. Lustigerweise gibt es New Yorker, die fuer ihr permanentes "jay- walking" (das Ueberqueren der Strasse bei "Rot") in Los Angeles bestraft wurden. Andere Laender... Doch zurueck zur Schnelligkeit: Neulich, als ich noch kein "Rad ab" hatte, trugen mich meine fetten Reifen in nur 17 Minuten vom East Village ins Whitney Museum. Aber es passiert noch etwas Entscheidendes beim Radeln: Man verbindet Stadtfetzen miteinander, die ! aus Subway-Perspektive geografisch nie etwas miteinander zu tun hatten. Bestes Beispiel und Schluesselerlebnis ist dabei die einmal im Jahr ausgetragene staedtische Ausnahme: Zur fruehsommerlichen "Great Five Boro Bike Tour" stauen 30.000 Radler zunächst einige Meilen der Avenue of the Americas noerdlich des Battery Parks, um eine Stunde spaeter, waehrend der 42 Meilen langen Fahrt, den Brooklyn-Queens-Expressway und den Franklin-Delano-Roosevelt-Drive zu stuermen, die vorher fuer den motorisierten Verkehr total gesperrt wurden. Die Tour vereint die grosse Fahrgemeinde New Yorks und ihre fuenf Stadtteile Manhattan, Brooklyn, Queens, Bronx und Staten Island, und laesst fuer sechs Stunden die Tatsache, dass der Durchschnittsnewyorker das Radeln weiterhin als exotische Heiltherapie fuer durchgeknallte Hyperaktive betrachtet, in Vergessenheit geraten. Fuer internetvertraute Cyclisten die zyklisch wiederkehrende Gelegenheit, seltene digitale Kamerablicke auf die bekannten ar! chitektonischen Wunderwerke zu schiessen und ins Netz zu stellen. Aber auch individuell laedt die immer noch radfahrerunfreundliche Metropole zum Strampeln und Entdecken herrlicher Flecken ein: Der Radweg entlang des Hudson Rivers führt einen von der 181. Strasse (der George-Washington-Bridge) innerhalb einer guten Stunde ueber den Riverside Park (der auf der Hoehe 79. Strasse mit dem Boat River Restaurant als feucht-froehlichem Freiluftlokal aufwartet, wenn man die Bierzeit nicht auf die Promenade erweitert, um vom alsbald antrabenden Parkbeauftragten "thirty bucks" abgeknoepft zu bekommen) bis hinunter zum Battery Park. So schnell kann keine U-Bahn sein."

(frankmotz@hotmail.com)

Fortsetzung folgt! Der schnellste Weg, an der Geschichte dran zu bleiben, ist der ins ACC Café-Restaurant. In der Speisekarte, die zu lesen sowieso immer lohnt, sind der packende Mittelteil der New Yorker Fahrradstory und das bisherige Ende mit Tendenz zu weiteren emails aus der Hölle der Biker zu finden!

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