Frank Motz: big apple skizzen:
Follow the money

Ein Streifzug durch die aktuelle New Yorker Kunstszene
von Frank Motz, New York/Weimar

Teil 2

Lebensnotwendige Informationen oder als Squatter im Ostdorf "Meine zweite Behausung war - wie gehabt - eine besetzte. Aber auch hier muss man sich - wenn Auto vorhanden - seine Parkluecken selber schaufeln. Die Post landet in einem Bastkoerbchen. Ihr stetes Durchwuehlen hilft beim Einpraegen der Namen der Mitbewohner: die Damen hießen FAMOUS, JEWEL, APRIL und HOPE! Kennenlernen kann man sie im Treppenhaus, weil immer jede/r jede/n fragt, was man hier eigentlich zu suchen hat. Immerhin ist es auch der "Inneren Sicherheit" zu verdanken, dass das Haus seit 12 Jahren nicht polizeilich geraeumt wurde und zu den letzten Ikonen mietfreien Lebens gehoert. Dafuer muss halt kommuniziert werden und kontrolliert. Gleich am Anreisetag hatte ich uebrigens mein erstes "staatlich kontrolliertes" Gefuehl, als ich mit Alan Jones (50), meinem damaligen roommate und Verfasser des NY-Galerienschmoekers "Art Dealers", zum Anstossen im "Continental", einer Rockkneipe, landete. Ein Dialog mit der Barkeeperin lief wie folgt ab: "Kann ich mal Ihre ID (Ihren Ausweis) sehen?" - "Machen Sie'n Witz?" - "Oder sind Sie Polizist, dann sagen Sie's gleich, dann kriegen Sie Ihr Bier!" Ich muss sagen, dass mich derlei Wortgefechte an den guten alten Osten erinnern, sagen wir mal den "Thueringer Hof" in Leipzig, wo es hiess: "Ich haette gern eine Bruehe mit Ei." - "Nehm'se erstma de Beene untern Tisch." So aehneln sich die Bilder, platziert (darf ja jetzt mit "t" geschrieben werden) wird man hier auch. Irgendwie haben die Amis mit all dem jedoch keine Probleme, es werden sogar oeffentliche Rundgaenge zum Thema "Die Ueberwachungskameras am Times Square" angeboten. Und als OB Giuliani am 30. Dezember 2000 um 17 Uhr 10 (!!!) alle Museen "wegen Schneesturm" (ueber den die Moskauer sich schieflachen wuerden) mit dem Kommentar schließen ließ, man solle doch stattdessen in den Central Park gehen, taten das auch alle New Yorker brav, und ich kraeftig mit. Immerhin landete ich eine Stunde spaeter mit laedierten Knien auf der anderen Seite des Parks in Masurs Neunter Beethovensinfonie, dank Giuliani, denn sonst waere ich bis 9 im Museum geblieben. Was mich ebenfalls nicht weiter zu stoeren schien, ist, dass dank Giuliani die Muellabfuhr ("sanitation") immer erst am "Tag danach" ans "squatted house" kommt, weil sie staedtisch ist wie das Haus und ihre erste Rundfahrt den legalen Haeusern gewidmet ist, waehrend sie einen Tag darauf alles mitnimmt, was sonst noch so auf der Strasse rumliegt (ausser Personen, das ist jetzt vorbei, weil Giuliani ja bereits vor Jahren die Strassen ethnisch reinigen lassen hat). Apropo reinigen: Das Halten privater Waschmaschinen ist in NY ja verboten. Also auf in die Waescherei (Laundry"). BEACHTE: Hier kann man nur mit "Quartern" (25-Cent-Stuecken) bezahlen. Der Wechselautomat schluckt Dollarscheine nur, wenn sie nicht geknickt und nicht zu alt und verbraucht sind. Keine Ahnung, wie er das erkennt, viele sind's jedenfalls nicht, die durch die Darwinmaschine durchkommen. Eine große Waschmaschine nimmt hingegen auch alte Laken und dauert 40, eine kleine 30 Minuten. Waehrend des Waschvorgangs kann man sich bei "KimsVideo" Ave Ecke 9. Strasse Ost) alle Fassbinder-, Herzog- und Wenders-Filme leihen (1,50 Dollar pro Film) oder im Alt-Coffee (Ave A zwischen 8. und 9. Strasse Ost) einen Ein-Dollar-Kaffee trinken und schnell nach den emails gucken (nicht den Computer rechts in der Ecke nehmen). Nach Rueckkehr ins Waschzentrum kostet der Waeschetrockner immer noch einen Quarter pro acht Minuten (das Waschmittel uebrigens zwei). Die Haelfte der eigenen Waesche waehrend des Rotationsvorganges rauszunehmen und in einen anderen, gerade frei gewordenen Trockner zu stecken, damit jene freier sich bewegen und damit schneller trocknen kann, ist einen Test wert. Mein Trockner hielt meiner Versuchung aber nicht stand und blieb die letzten vier Minuten reglos. Hat man Quarter uebrig - BEHALTEN! - gut fuers Telefonieren im oeffentlichen Raum (selbst bei bestimmten Telefonkarten muss man aller drei Minuten 25 Cent einschlitzen). Ich brauchte vermehrt Quarter, nicht weil da "In God We Trust" draufsteht, sondern weil mein Telefon nicht mehr ging - kein Wahlton. Der Beginn einer Odyssee zwischen drei Firmen: Verizon (ehemalige Gesellschaft), Sprint (Ferngespraeche) und ATT (Ortsgespraeche). Ihr Kommentar am Telefon: "Ziehen Sie mal den Telefonstecker aus der Dose und dann den Elektrostecker, und nach einer Viertelstunde - aber nicht weniger - alles wieder reinstecken." Auch das half nichts - warum auch. Und so rief ich taeglich bei den Telefonheinis an, kam in die Schleife, in der aber wenigstens verlautbart wird: "Ihre Wartezeit betraegt jetzt noch vier Minuten!" Das erinnerte mich immer an die "Voruebergehenden Behausungen fuer verzweifelte virtuelle BewohnerInnen", eine Arbeit der Videokuenstlerin Kristin Lucas, die aus dem Bewusstsein entstand, wieviel Zeit man jeden Tag mit Warten verbringt: "Man wartet, dass ein Fax durchkommt, dass die Waschmaschine den letzten Waschgang beendet, man steht vorm Bankomaten in der Schlange, haengt (wie ich) am Telefon in der Warteschleife ... wartet, dass Computer und Maschinen im allgemeinen ihre Aufgaben erledigen." (www.diacenter.org/lucas) oder wartet wie meine Mutter nach der Broadwayshow vorm Shubert Theatre und wird von Amis neugierig gefragt: "And, did you like it?" - "Aehm, Germany."

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