Frank Motz: big apple skizzen:
Follow the money

Ein Streifzug durch die aktuelle New Yorker Kunstszene
von Frank Motz, New York/Weimar

1. Teil

"Kunst und Glauben haben viele Momente gemein: visionaere, unerklaerbare, kollektive, unbewusste, mystische, illusionaere. Irdische Orte des Glaubens und der Kunst gibt es in New York zu Hauf. Sogar Orte, an denen beides gebuendelt praktiziert und wahrgenommen werden kann. Wir kennen sie als Orte der Bildung und Entspannung, Orte, an denen man zur Ruhe kommt, außerhalb der Zeit ins kollektive Unbewusstsein untertaucht oder in einer anderen Welt versinkt, Orte, wo Menschen vor unbekannten Objekten innehalten, mit sich selbst sprechen und manchmal etwas wie Begeisterung, vielleicht sogar Verzueckung erfahren: die Museen. Weniger mein Glauben an die Kunst, mehr jener an ihren wichtigsten Praesentationsort, wurde arg gebeutelt, als ich neulich die Spiralrampe des Guggenheimmuseums von Frank Lloyd Wrigth emporschlenderte und dabei 500 Stueck Bekleidung passierte, aufwendig von Theaterdesigner Robert Wilson in Szene gesetzt. Woran ich vorbeispazierte, war eine Ode an den Modedesigner Giorgio Armani, dessen Kreationen ueber Richard Gere's sexy Ruecken vor zwanzig Jahren in "American Gigolo" ins Massenbewusstsein rueckten und nun auf der Museumsmeile der Upper East Side aus Anlass seines 25jaehrigen Firmenbestehens retrospektiv zur Schau gestellt wurden. Ganz so retrospektiv wie angekuendigt war diese erste Modenschau im Guggenheim dann doch nicht, ein grosser Teil der Exponate stammte aus den letzten drei Jahren und ließ lediglich die Preisschilder missen. Die Institution Musem war zu einer Huelle, ja einem Stundenhotel fuer eine breite Palette kaeuflicher Waren, verkommen. Und richtig: Kurz nachdem das Museum die Armani-Show 1999 in seinen Ausstellungsplan aufgenommen hatte, gab es eine Spende des Modeschoepfers von 15 Mio. US $. Damit setzen Guggenheim und Armani gleichzeitig einen neuen Meilenstein in der Korruption der Kunstmuseen, die nun legitimiert scheint, ihren internationalen Siegeszug anzutreten. Waehrenddessen wird schon der naechste groeßenwahnsinnige Coup geplant: Ende November 2000 erhielt das Solomon R. Guggenheim Museum das Recht und die finanzielle Inaussichstellung der Stadt New York fuer einen 678 Mio US $ Museumsneubau fuer Kunst nach dem 2. Weltkrieg auf dem East River. Man sagt, es sei das Bauen, nicht das Ausstellungsmachen, was Thomas Krens, Chef des Guggenheim, am besten kann. Zweimal so groß wie sein kleiner Bruder in Bilbao, dessen Outfit vom selben Architekten Frank O. Gehry (Los Angeles) stammt, und zehnmal so groß wie das Museums-Hauptquartier auf der Upper East Side, wird der Bau mit 400 Angestellten und zwei bis drei Millionen Besuchern im Jahr der groeßte Neuzugang in den Entertainment-Charts der Spaßinsel Manhattan sein. Neue Abteilungen fuer Architektur, Design, Medien und Technologie werden inbegriffen sein, Rollschuhbahn, vier Restaurants, ein Theater mit 1.200 Plaetzen, viele Shops, Uferpromenaden, Skulpturengarten und Park kommen hinzu. Hier, am Fuße der Wall Street, wird durch den Museumsbau ein großer Teil Lower Manhattans revitalisiert werden. So gut kenne ich ja "meine Guggenheimer" auch wieder nicht, werde aber das Gefuehl nicht los, dass deren Glauben an das liebe Geld ihren Glauben an die hehre Kunst im Museum schon laengst ueberholt hat ohne einzuholen. Womit sie ihren Besuchern einiges voraus haben."

(Frank Motz, email vom 24.1.2001. Kontakt: frankmotz@hotmail.com) mehr über Frank Motz in New York