Andrea Dietrich auf Künstlersuche in Zentralasien

Die Frage nach den drei Funktionen des islamischen Minaretts wurde im ACC bislang nur als Scherz in freier Minute gestellt. Zwar konnten sich wetteifernde Testpersonen einen Reim auf den Nutzen der Wüstenkirche als himmelhohem Megaphon zum Gebetsausruf durch den Muezzin oder als wegweisendem Leuchtturm in der sandigen, wasserlosen Öde machen. Die wenigsten aber sahen in ihr das effiziente, luftig-hohe Absprungbrett für den unfreiwilligen Todesstoß der bei Tamerlan in Ungnade Gefallenen.

"Auf zu den Minaretten, plastischer ist besser", sagten sich Andrea Dietrich und Naomi Tereza Salmon und brachen auf nach Zentralasien zu einem "wandernden" oder besser "tourenden" Workshop. Der kommt der geplanten ACC-Sommerausstellung mit zentralasiatischer Postsowjetkunst gerade gelegen, ist ein Kunst-Treck als Fortbewegungsmittel für die Produktion und Betrachtung zeitgenössischer Kunst in Kasachstan und Anrainerstaaten und heißt Non-Silk Way - Asian Extreme. Absichtlich hält sich seine ostwestliche Künstler- und Kuratorenkarawane derzeit fern von jener berühmten Seidenstraße, die sich als Touristenmagnet zwar quer durch die aufgesuchten ehemaligen Sowjetprovinzen zieht, in ihrem folkloristisch-parfümierten Ambiente aber dennoch Gefahr läuft, den Reisenden ein surreal-verzerrtes Bild vom modernen Kasachstan, heutigen Kirgistan, aktuellen Usbekistan zu liefern.

Ziel der Pilgerreise, Turkestan. Foto: Monika Migl-Frühling
Ziel der Pilgerreise, Turkestan. Foto: Monika Migl-Frühling

Verfolgt man die Reisenotizen der Kunstschaffenden und Vermittler im Internet (http://www.samal.kz/~asiaart), bekommt man einen Eindruck von den Extrembedingungen, unter denen die Gruppe gleich einem nomadischen Survival-Trainingscamp links und rechts der Seidenstraße entlangvagabundiert. Als erste Akteurin der Mobilwerkstatt machte sich Naomi Tereza Salmon beliebt, als sie den Teilnehmern in Almaty einen Eimer Wasser über die Füße kippte und mit dem Schrei "OK - yul!" allen eine glückliche Reise wünschte. Durch die windige Steppe mit Jurten und riesigen Feldern gelber Wildtulpen ging es dann nach Tamgaly - einer vorchristlichen Stätte mit Petroglyphen und schamanischer Vergangenheit. Die nächste Station hieß Taraz, eine Stadt, deren Entstehung auf die russische Kolonialpolitik zurückzuführen ist. Dramatisch liest sich die Tagebuchnotiz vom Rastplatz Zhanatas. Neben den nicht recht funktionierenden Mobiltelefonen ist die Rede von "No hot water. No cold water. No water." Die Geisterstadt mit ihren spielenden Kindern gleicht einer Hollywoodkulisse aus dem zertrümmerten Nachkriegsdeutschland, geschäftige Amerikaner bleiben diesem Ort jedoch fern. Sie nisten sich lieber im tageweit entfernten kaspischen Erdölabbaugebiet ein, wo es "schon wieder ganz anders aussieht" (Dietrich).

Nach altem Brauchtum aus der Breshnew-Ära muss man sich hier bei Ankunft in einer neuen Stadt auf dem Polizeirevier registrieren lassen, um Ärger mit den Behörden zu vermeiden. Bei Unterlassung wird man möglicherweise vom Oberbürgermeister belehrt, dass - bei aller Offenheit und Toleranz - rechtzeitiges Anmelden in neuer Umgebung auch in Westeuropa Usus sei, und die wahrheitsgemäße Antwort bleibt einem im Halse stecken. So geschah es den Workshopteilnehmern in Zhanatas, und zur Strafe musste der Trott aus Engländern, Moldawiern, Schweden, Österreichern, Armeniern, Kasachen und Deutschen die leergezogene sowjetische Arbeitersiedlung, die "ausgeschlachtet wurde bis auf die letzte kleine Wasserleitung" (Dietrich), vor Einbruch der Dunkelheit verlassen. Anstatt jene Wohnenklave zum ehemaligen, nebenan gelegenen Phosphatabbaugebiet zu besichtigen, mussten die Teilnehmer die Weite der Steppe suchen, was schlussendlich auch eines der Projektziele ist. Dass dem Kunstkonvoi dies vor 30 oder 200 Jahren hätte genauso passieren können, heißt keineswegs, dass der Wille zur Veränderung und Neuorientierung nach Zeiten von Perestroika und Glasnost nun endgültig passé ist, sondern macht die Sache authentisch und bildet vielleicht auch einen Teil dessen, wonach der Workshop sich auf die Suche gemacht hatte - die alten Strukturen zu hinterfragen.

Auch die umtriebige Projektkoordinatorin Julia Sorokina, die der Erfüllung ihrer Mission von der Vorstellung der wahren Situation ihres Landes unter realen Querfeldein-Bedingungen und vom Aufbau eines Kontaktnetzes zu ausländischen Künstlern und Kuratoren wieder einen Schritt näher ist, steht unter solch strapaziösen Bedingungen vor neuen Vermittlungsaufgaben. In den Ereignissen des 11. September sieht sie die Gefahr, dass die internationale Gemeinschaft die zentralasiatische als eine kulturellen Werten gegenüber eher feindlich gesinnte Region ansieht, woraus interregionale Missverständnisse entstehen könnten. Ihr Projekt wird sie auch in Weimar vorstellen - damit die Karawane weiter ziehen kann - nun erst einmal nach Turkestan, Chimkent, Kazkurt und Aksu, vorbei an jenen Monumenten der Vergangenheit, den Minaretten und Moscheen, den Majolika-Mosaiken und blühenden Oasen, vorbei aber auch an den "Monumenten" jüngster Geschichte, den verwahrlosten, verlassenen Städten und den Zonen aus menschlicher Verödung und ökologischem Kollaps. In einer Globalgesellschaft teilen wir diese Vergangenheit und Gegenwart miteinander und müssen gemeinsam nach Auswegen in die Zukunft suchen. Kunst und Kultur sind dabei ein nicht zu unterschätzendes Rädchen im Gesellschaftsgetriebe.

nachschub für OK YO'L, Taraz, Foto: Karin Hansson
nachschub für OK YO'L, Taraz, Foto: Karin Hansson

"OQ YO'L" (übersetzt 'Weißer Weg') heißt der traditionelle Ruf, mit dem man den Karawanen auf der Seidenstraße eine gute Reise wünschte, während ein Eimer mit klarem Wasser vor die Füße der Reisenden geschüttet wurde. Naomi Tereza Salmon griff diesen alten Brauch auf und musste sich nicht um fehlende Eimer sorgen.

Der obligatorische Basarbesuch während jeder neuen Station entließ uns beruhigt wieder zurück auf die staubige Straße.

Tischlein deck dich, Taraz. Foto: Karin Hansson
Tischlein deck dich, Taraz. Foto: Karin Hansson

Gestärkt an den immer mit den Spezialitäten der Region reich gedeckten Tischen (Abb 3.), erreichte man gleich den Pilgern vergangener Jahrhunderte erleichtert das nächste Etappenziel (Abb 4).



weitere Informationen:

    Organisator des Workshops: Asia Art+ Public Foundation, Zheltoksan 69a, Almaty 480004, Kazakhstan, Tel. (3272) 393643,
    http://www.samal.kz/~asiaart, julia@asiaart.samal.kz

    Sommerausstellung des ACC 2002: re-orientation: Kunst zu Mittelasien

    Weitere Ausstellung: No Mad's Land: Zeitgenössische Kunst aus Zentralasien, 15.3. bis 20.5.2002, Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, 10557 Berlin, Tel. 030/39787180/83, Di-So 12-20 Uhr